11/06/2024

Mit den folgenden Erzählungen um mehr oder weniger öffentliche und mehr oder weniger private Schwimmeinrichtungen eröffnet der Wolkenschaufler die diesjährige Badesaison. Eine der Motivationen, diese Geschichte zu verfassen, ist zunächst der Situation geschuldet, dass unsere Wohnanlage vom Ragnitzbach umflossen wird, mit dem merkwürdigerweise auch die Bezirksgrenze zwischen St. Leonhard und Waltendorf bezeichnet ist. Nördlich des Baches befindet sich St. Leonhard, südlich Waltendorf. Deshalb liegen nur unsere Wohnhäuser in Waltendorf, die der Nachbarn in St. Leonhard.

Die Kolumne Wolkenschaufler von Wenzel Mraček zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) erscheint jeden 2. Dienstag im Monat auf GAT.

11/06/2024

Mehr oder weniger öffentliche Badeanlage am Ragnitzbach 

©: Wenzel Mraček

Augartenbad 1930, Postkarte Anton Schlauer (Verlag)

©: Sammlung GrazMuseum

Conrad Kreuzer, „Blick vom Schloßberg auf Kettenbrücke und Miltärschwimmschule“, 1841 

©: Sammlung GrazMuseum

Ragnitzbad, 2007, © Katharina Mraček-Gabalier

Fedo Ertl, „Mur“, 1985, © Kulturserver Graz

Wie jedes Jahr um diese Zeit, an einer Stelle gleich neben dem Haus, hat meine Frau eine Vertiefung im Bachbett wieder vom Schwemmsand befreit und die „Badestelle“ für alle BewohnerInnen der Anlage zugänglich gemacht. Allein, die Wassertemperatur im Naturpool entspricht nicht jedermanns Vorlieben und so bleibt die Gemahlin mit ihren Tempi gegen die Strömung alleine und gewissermaßen privat. Die BewohnerInnen unserer Siedlung dürften das nah gelegene Ragnitzbad präferieren, nach dem das vormals nächste, das Pammerbad in Waltendorf, im Jahr 2004 seinen Betrieb eingestellt hat.

Auffallend im Grazer Bezirk Waltendorf ist dagegen die hohe Zahl privater Swimmingpools. Im Rahmen eines Kunstprojekts der Intro-Graz-Spection – Urbane Kunstpiloten. 17 künstlerische Positionen in den 17 Grazer Bezirken – hat der hier ansässige Künstler Arnold Reinisch im Jahr 2010 eine Erhebung um die Anzahl respektive das Wasservolumen solcher Pools vorgenommen. Nachdem eine diesbezügliche Anfrage an die Grazer Bau- und Anlagenbehörde zur Auskunft führte, dass „Schwimmbecken bis zu 100 m³ Volumen bewilligungsfrei“ angelegt werden können, habe „die Baubehörde … keine Kenntnis über die Anzahl und die Lage von Swimmingpools“ (aus dem Antwortschreiben der Grazer Bau- und Anlagenbehörde vom 30.08.2010 an Arnold Reinisch). Reinischs nun mittels Satellitenbildern unternommene Berechnung der Oberflächen und Schätzung des darunter befindlichen Wasservolumens führten damals (2010), bei Waltendorfs Einwohnerzahl von 11.700, zur Vermutung von mehr als 400 privaten Pools (ca. 3,5 Pools pro 100 EW), die im Schnitt jeweils mit 45.000 Litern Trinkwasser befüllt sein müssten. Einer aktuellen Broschüre der Abteilung Wasserwirtschaft, Private Schwimmbäder in der Steiermark, ist dementsprechendes zu entnehmen. Allerdings heißt es hier, dass im Steiermärkischen Baugesetz die Melde- bzw. Bewilligungspflicht zur Errichtung privater Schwimmbäder zwar verankert ist. Vielerorts werde aber nicht gemeldet, weshalb die zuständigen Gemeinden „meist keine ausreichende Information über Anzahl und Größe der … vorhandenen privaten Schwimmbäder und dem damit verbundenen zusätzlichen Bedarf an Trinkwasser zur Schwimmbadbefüllung“ haben. Ganz ähnlich der Methode des Künstlers wurde dennoch erhoben, und zwar auf Basis von „Orthophotos“ nach „Befliegungen aus den Jahren 2017-2020“. Unter anderem schließlich kommt man in der Studie zum Befund, dass „generell in den südlichen Landesteilen die Pooldichte mit 4 bis 10 Pools pro 100 Einwohner bzw. mit 5 bis 32 Pools pro 100 Haushalte sehr hoch ist und damit einen maßgebenden Faktor in der Wasserversorgung, vor allem am Beginn der wärmeren Jahreszeit, darstellt“.

Aber zurück zu Bach und Fluss. Die waren es zunächst, worin man zu Bade ging. Auf der Website des Museums für Geschichte (UMJ) schreibt Astrid Aschacher zur 2019 gezeigten Ausstellung Die Steiermark geht baden!, dass man in Graz, direkt vor der Stadt, in der Mur schwamm, „wo sich Burschen gantz bloß auszieheten und ohne Scheuch zu höchsten Scandalum sich badeten“. Solchem gegen Sitten und Moral verstoßenden Treiben entgegnete man dann 1710 mit Verbot.

Das Schwimmen als Freizeitbetätigung wurde erst im 19. Jahrhundert nach der Bau von Militärschwimmschulen in den Städten populär. Als Teil der militärischen Ausbildung wurden anfangs Soldaten im Schwimmen trainiert. 1835 errichtete man nach Anregung des Grafen Wickenburg nördlich der Keplerbrücke eine Militärschwimmschule in der Garnisonsstadt Graz, erbaut „durch freiwillige Arbeitsleistungen von Soldaten der Grazer Garnison“ (Grazwiki). Angelegt nach dem Vorbild eines antiken Hippodroms, wurde das Becken vom Wasser des Mühlgangs gespeist und bald auch für die Zivilbevölkerung geöffnet. Für Damen bestand freilich eine separierte Abteilung. Allseits zitiert wird eine Begebenheit aus dem Jahr 1924, als der spätere Tarzan-Darsteller János Weißmüller, dann Johnny Weissmuller, 1922 in Paris Olympiasieger über 100 m Kraul, „der heimischen Elite davon schwamm und mit einer Zeit unter einer Minute einen inoffiziellen Weltrekord aufstellte“. Dann ist aber auch noch die Rede vom damaligen „Schwimmamateur“ und jetzigen GAT-Autor Peter Laukhardt, der im September 1956 „den gerade aus Triest importierten ‘Delphin-Stil’“ vorführte. Aufgrund niedriger Wassertemperatur und der gegenüber dem Salzwasser geringeren Tragfähigkeit sei es bei nur einer geschwommenen Beckenlänge geblieben. Bis 1978 wurde die Anlage mehrmals umgebaut und bis zur Schließung des Bades in den 1980er Jahren gab hier noch der Polizeimajor Frantz unentgeltlichen Schwimmunterricht.

Im Wasser der Mur – und genaueres ist nicht zu erfahren – dürfte man ab 1914 im Grazer Augarten noch geschwommen sein. Zwar waren Becken errichtet worden, die sich aber schon bald als undicht erwiesen, weshalb die Anlage kurz nach Eröffnung wieder geschlossen wurde. Erst 1930 eröffnete Bürgermeister Vinzenz Muchitsch eine neue, großzügige Anlage. „Graz hat ein Großstadtbad“ titelte der Arbeiterwille am 29. Juni und führt unter anderem aus:

„Ein architektonisch wohlgelungenes und in der Umgebung gut gelöstes Gebäude vermittelt den Eingang vom Schönaugürtel aus. An zwei Kassen vorbei kommt der Badelustige zur Schlüssel- und Wäscheausgabe. Die Frauen begeben sich nun entweder geradeswegs zu den Auskleidekabinen oder den Auskleideräumen mit Kleiderkästchen im selben Stockwerke, während die Männer in eine Art Tiefparterre hinuntermüssen, wo ihre Kabinen und Kleiderkästchen untergebracht sind. In Grau und Rot gehalten, macht das Eintrittsgebäude, in dem sich auch eine Fahrradabgabe, im Keller die Heiz- und die Kläranlage und im 1. Stockwerke die Wohnung des Badeleiters befinden, einen überaus vornehmen und freudigen Eindruck.“ 

Nach einem mir vorliegenden „Amtsbericht“ des „Stadtrat Graz“ vom 17.04.1929 wird überlegt, ob und wie man die Temperatur des Badewassers erhöhen könnte. Man ist sich noch nicht schlüssig, ob es möglich respektive effektiv wäre, Kühlwasser des nahe gelegenen Schlachthofes für die Erwärmung – offenbar nicht mittels Wärmetauscher, sondern direkt eingeleitet – zu verwenden. Das „Berieselungswasser der Kühlanlage des Schlachthofes“ habe nämlich „in der Vor- und Nachsaison des Badebetriebes (Augartenbad) eine Temperatur von 15-16 Grad, in der Nachsaison aber eine Temperatur von 17-18 Grad, und zwar beides am Berieselungsbecken gemessen“. Denn „für ein halbwegs angenehmes Freibad sind bekanntlich Temperaturen von 18-22 Grad Celsius erforderlich“. Zudem, so verstehe ich diese Überlegungen, sollte das Kühlwasser des Schlachthofes auch für die Brausen verwendet werden. Hier wird moniert, dass „die vorhandene Druckhöhe leider nicht mehr reicht“. In den 1970er und 1980er Jahren wurde mehrmals teil saniert bis das Bad 1985 von der Grazer Stadtwerke AG übernommen und neu konzipiert wurde. In der heutigen Form besteht es seit 1987, die Wassererwärmung erfolgt inzwischen mittels Fernwärme.

Und zurück an den Ragnitzbach, in dem, siehe eingangs, die Gemahlin ein Freibad angelegt hat. Sie schreibt nämlich in einem Essay, erschienen 2007 auf GAT, dass der Bach 1913 Hochwasser geführt habe, das eine große Mulde im Bereich des heutigen Ragnitzbades ausschwemmte. Darin badeten die Grazer fortan, schaufelten auch immer wieder aus, bis 1929 vom Bäckermeister Ullrich ein erstes Betonbecken eingebaut wurde. Nachdem 2004 das Waltendorfer Pammerbad geschlossen wurde, verblieb das Ragnitzbad bis 2013 als einziges, privat betriebenes öffentliches Freibad. Privat geführt wird es inzwischen wieder, wenngleich verpachtet von der Holding Graz.

Ich kann mich an das Statement eines Mur-Wellenreiters erinnern, das gerade noch aus der Zeit stammt, bevor der Kraftwerksbau begann und damit Stau und Kalmierung der durch die Stadt fließenden Mur einhergingen. „Einen Schluck nehmen“, sagte der Surfer, „sollte man besser nicht“ und deutete damit Magenverstimmungen infolge Flusswassergenusses an. Schwimmen also deshalb lieber nicht und Surfen ist aufgrund der Fließgeschwindigkeit auch nicht mehr möglich. Die Wasserqualität der Mur ist zwar im Vergleich zu jener der 1980er Jahre deutlich besser. Eau de Mur aber hat immer noch spezifisch olfaktorische Qualität.

1985, wir folgen dem Kunsthistoriker Werner Fenz (1944 – 2016), fand im Grazer Rathaus ein „Mur-Gipfel“ statt. Unter dem Motto „Mit ganzer Kraft für saubere Flüsse“ hatte man sich zum Ziel gesetzt, einen der damals schmutzigsten Flüsse Europas sauberer zu machen. Auf dem Hauptplatz, am Denkmal für Erzherzog Johann, stehen auch vier allegorische Figuren für die größten steirischen Flüsse. Der Grazer Künstler Fedo Ertl (1952 – 2014) verkleidete die Allegorie der Mur im Juni 1985 mit einer kubischen Ummantelung aus Eisenblech. Im Konzept seiner Arbeit unter dem Titel Mur hielt er fest, er wolle die Figur erst wieder freilegen, wenn das Anliegen des Mur-Gipfels, den Fluss bis 1990 wieder „grün“ zu machen, erfüllt sei. Dem Konzept Ertls wurde nicht entsprochen. Am 19. Dezember desselben Jahres wurde die Allegorie der Mur auf Veranlassung des Straßen- und Brückenbauamtes „aus denkmalpflegerischen und touristischen Gründen“ vom Kunstwerk Ertls befreit.

Quellen:

Otto Hochreiter, Katharina Mraček-Gabalier, Annette Rainer: Brücken – Bäder – Boulevards. Erinnerungen an das alte Graz. Graz (Leykam) 2019.

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