Die Dinge sind anders auf dem Land. Kaum aus dem Zug in Radstadt gestiegen, rechts und links weiße Schneeflocken. Den einen Bus verpasst, heißt es 60 Minuten warten, um ans Ziel, Alte Ortsmitte Flachau, zu gelangen. Ungläubig checke ich mehrfach den Busfahrplan. Einen Skibus gibt es, aber um Mittag fährt auch dieser nur einmal in der Stunde. Warum auch nicht, man ist natürlich zu der Zeit auf der Piste.
Ich bin, das zeigt sich schnell, nicht auf dem üblichen Weg hier und wohl auch nicht für das, was die meisten anderen im Winter in Flachau vorhaben. Mein Ziel ist das minus20degree Festival, ein Kunstfestival mit Installationen im öffentlichen Raum. Seit mehreren Jahren unter der Leitung von Theo Deutinger und in Zusammenarbeit mit Marlene Deutinger hat sich das Festival für Kunst und Architektur im Schnee in der tourismusfixierten Gemeinde Flachau etabliert.
Minus20degree holt alle zwei Jahre internationale Künstlerinnen und Künstler in den Skiort Flachau. Die Künstler:innen verbringen Wochen im Ort und erarbeiten ortsbezogene Werke, die es nur so und nur weil es in Flachau stattfindet, geben kann. Man reflektiert humorvoll nicht nur den Skizirkus, sondern auch sich selbst als Interventionist:innen, die nicht immer Bleibendes hinterlassen. Die meisten der Werke sind vorübergehend und huldigen damit der ortseigenen Materie, dem Flachauer Gold, dem vergänglichen Schnee.
Die sieben Werke für das winterliche „Nischenprogramm“ sind beträchtlich. Aus über 300 Einsendungen suchte eine international besetzte, unabhängige Jury vier Arbeiten für das Festival aus. Drei weitere Künstler:innen wurden von den Juror:innen und dem Festivalteam direkt eingeladen.
Snow Action – Version # I
Die Künstlerin Stephanie Lüning studierte erst Theatermalerei, dann Bildende Kunst. Irgendwann wollte sie aber nicht mehr mit den klassischen Bildern etwas zu tun haben. Seitdem macht sie vergängliche Bilder aus Farbe und Schaum. Die international gebuchte Künstlerin arbeitete 2022 schon vor dem Centre Pompidou mit Schaum. Auf dem minus20degree Festival verwendet sie Farben und Schnee.
„Die Schneekanone nutze ich zum ersten Mal als Werkzeug“, erklärt sie. Das Material sei extrem spannend. Auch im Schnee ließe sich zeigen, was ihr in der Kunst wichtig ist. Sie habe es immer gestört, dass Gemälde keine Dynamik zeigen, sondern etwas einfrieren oder auch zum Stillstand bringen. Dabei sei alles immer im Fluss und in Bewegung. Ihr Ziel sei es, die kontinuierliche Veränderungsfähigkeit der Welt in erlebbaren Kunstwerken greifbar und sichtbar zu machen.
Die Farben, die Stephanie Lüning jetzt mit einer Schneekanone in die kalte Winterluft und über den Skihang verteilt, sind Lebensmittelfarben. Sie verschwinden durch Sonneneinstrahlung. Ihr Gemälde löst sich auf, ab dem Moment, in dem es entsteht. Das vergängliche, knallbunte Bild im Schnee ist ein Höhepunkt des Festivals und wird frenetisch von den skifahrenden Kindern durchkreuzt und gefeiert. Für Stephanie Lüning ist Vergänglichkeit auch ein Thema, dem sie mit ihren Werken Leichtigkeit abringt, sie wahrnehmbar und erträglicher macht.
Frozen Garden
Nicht mit Lebensmittelfarben, aber mit Lebensmitteln, die unter ungewöhnlichen Bedingungen reifen, beschäftigt sich der Künstler und Architekt Markus Jeschaunig. Sein Festivalbeitrag zeigt, dass durch Experimente, althergebrachte Überzeugungen infrage gestellt werden können. Jeschaunig betreibt dafür in einem der ehemaligen Bauerngärten der alten Ortsmitte Flachaus einen „Frozen Garden“. Karotten, Kohlsprossen, Salat und Radieschen wurden im Spätherbst 2025 gepflanzt und über die Frosttage bis in den Januar gezogen. Dafür arbeitete er mit Betrieben aus der Region. Jetzt steht der Künstler mit dem Bohrhammer am Hochbeet und erntet Karotten. „Das sei natürlich eine Überraschung, dass die Ernte mit schwerem Gerät gemacht werden muss“, erzählt er noch mit der Maschine in der Hand. Erstaunlich an dem Projekt ist zum einen der süßliche Geschmack, der aus der gefrorenen Erde herausgeholten Karotten und Gemüsesorten. Zum anderen, die Erkenntnis, dass es Zeiten gegeben hat, in denen eine solche Ernte eher üblich als ungewöhnlich war. Jeschaunig ist bekannt für Aktionen und Werke, die den Klimawandel und die Anpassung an veränderte Lebensumstände thematisieren. Schon als einer der Gründer des Breathe Earth Collectives zeigte er im österreichischen Pavillon der Weltausstellung 2015 konstruktive Ansätze für den Umgang mit dem Wandel. Was Markus Jeschaunig wichtig ist? Die Vermittlung seiner Arbeit an Neugierige. Mit einem Frozen Dinner am Samstagabend lädt er 100 Interessierte zum Abendessen ein. Verkostet werden unter anderem die gefrorenen und vor Ort geernteten Gemüse. Im Kerzenschein stehen an dem Abend etwas mehr als 100 Leute auf dem Dorfplatz an einer langen festlichen Tafel und kommen nicht nur über die besonderen Speisen ins Gespräch. Jeschaunigs künstlerische Praxis wird zur sozialen Plastik.
WELLNESS-ANTI-ANTI+
Als sozial wirksame Kunst kann man auch das Projekt WELLNESS-ANTI-ANTI+ der Gruppe AestheticsAthletics+ werten. Auf einer freien Wiese, zwischen Langlaufloipe und Spuren im Schnee, erhebt sich ein kleiner Hügel. Er entpuppt sich auf den zweiten Blick als Hackschnitzelhaufen. Die Idee dahinter: Hackschnitzel entwickeln durch Zersetzungsprozesse Wärme, die die Künstler:innengruppe für eine Schwitzhütte nutzen will. „Wir haben letztlich im Feuer aufgewärmte Steine als weitere Wärmequelle verwenden müssen“, erklären sie genauer. Geschwitzt werden kann deshalb in einer molligen Wärme, die ausschließlich auf in der direkten Umgebung vorhandene Ressourcen zurückgreift. Im rötlichen Licht und in einer Wolke intensiven Holzgeruchs wird auch hier ein Kunstwerk zum kollektiven Ereignis. Ob ich etwas Absurdes wissen möchte? Fragt mich einer aus der Gruppe, mit der ich im Hackschnitzelhaufen schwitze. „An ebendiesem Ort, eröffnete Andreas Gabalier mit einem Livekonzert vor sechs Wochen im Dezember die Skisaison in Flachau.“ Fast unvorstellbar, ist die Diskrepanz dieser vollkommen unterschiedlichen Ereignisse.
Communal Falling
Piotr Urbaniec, ein Künstler aus Polen, hat Rutschworkshops – Snow-sliding-workshops – organisiert. Das hört sich weniger poetisch an, als es am Ende ist. Urbaniec filmt die Workshops aus der Luft. Die von ihm produzierten Videos sind tief poetisch. Durch Standbilder weißer Landschaft gleiten menschliche Körper von einem Bildrand zum anderen. Diverse Bewegungen durch den Schnee – rollen, rieseln, rutschen – zeichnen Spuren ins Bild. Man könnte Stunden diesen leisen und meditativ wirkenden Fall-Studien folgen.
4 Meter pro Sekunde
Mit dem Schnee beschäftigte sich auch Helgard Haug vom Kollektiv Rimini Protokoll. Für Audioarbeiten bekannt, sucht Rimini Protokoll allen voran nach erzählbaren Geschichten. In Flachau boten sie ein Hörerlebnis auf der Fahrt mit der Seilbahn. Im Zentrum stand das Verschwinden des Schnees durch den Wechsel im Klima. Gelungen ist ein utopischer Ansatz, der eindrücklich vermittelt, was sich in welche Richtung ändern wird.
Town Hall Meeting
Eine ebenfalls dem Klimawandel und seinen Folgen gewidmete Arbeit schufen Ronni Shalev & Vero Róza Risnovska. Sie inszenierten auf einem zwischen Hotel und Pensionen versteckten Tennisplatz eine fiktive Versammlung aus Schneemenschen, die im Angesicht der klimatisch bedingten Schneefallkrise, um ihre bisherige Lebensgrundlage fürchten. Die Künstlerinnen projizierten per Beamer auf Schneefiguren gezeichnete Gesichter und ließen in der Versammlung diverse, gut argumentierte und nachvollziehbare Perspektiven aufeinanderprallen. Die Lösung der Schneemenschen kann als Vorschlag für reale Bewohner:innen- und Gemeindeversammlungen gelesen werden. Man müsse immer wieder und erneut im Gespräch über die unterschiedlichen Bedürfnisse bleiben, um am Ende Krisen gemeinsam zu überstehen. So das Fazit der fiktiven Krisensitzung.
Snow Archive
Eine der Arbeiten, die direkt nach der Gemeinschaft in Flachau fragen, zeigten Nicole Six und Paul Petritsch. Ihr Snow Archive stellt Pokale aus, die Flachauer für Leistungen bei Skiwettbewerben erhalten haben. Hermann Maier als Star, hat eine eigene Galerie in Flachau für seine Pokale und Lebensleistungen. Für die Zeit des Festivals ergänzten Six und Petritsch diesen Ort des Starkults mit etwa 1500 Trophäen. Leistungen im Schatten eines Überfliegers, werden so neu gewürdigt.
Hans Schnell gehören 150 der ausgestellten Siegestrophäen, die das Künstler:innenduo einen Sommer lang in Flachau gesammelt und jetzt in der Hermann-Maier-Galerie ausstellt. Auch ein Pokal aus echtem Silber ist unter den sonst eher absurd anmutenden Objekten, jedes eine Variation aus Sockelquader, Säule und Becher. Natürlich stellt das Projekt die Frage nach dem Wert der Leistung eines Einzelnen im Vergleich zur Summe der Leistungen vieler. Die schillernde Sammlung ist großartig und dominiert den kleinen Ausstellungsraum deutlich. Nicole Six erklärt: „Wir haben uns gefragt, wie ein Ort einzelne Personen unterstützt. Dass die Gemeinschaft toleriert, dass es den einen Star gibt, ist faszinierend.“ Bei der Voreröffnung mit den Pokalbesitzer:innen war ausgezeichnete Stimmung. Die Angst vor der Kunst verflog mit dem gemeinsamen Zeigen der kollektiven Anstrengung.
Stehgreif Festivalzentrum
Was wäre ein Festival ohne Festivalzentrum? „Wir nennen es Stehgreif“. Acht Entwürfe dieser Art werden an der Münster School of Architecture in den ersten Semestern angeboten. Einer davon führt die Studierenden nach Flachau. Insgesamt dauern die Stehgreifentwürfe inklusive Vorbereitungen, Planung und Umsetzung vier Wochen. Die Studierenden entwerfen und bauen in Flachau das Festivalzentrum, Wegweiser und Programmtafeln, Möbel, Lagerfeuerplätze und was immer zusätzlich gebraucht wird. Seit mehreren Jahren kooperiert das Festivalteam mit der Hochschule aus Münster.
„Die Erfahrung ist super, wertvoll, zeigt, dass es andere Felder gibt, in denen man als Architekt arbeiten kann“, erzählt einer der Studierenden, die Hand fest um den Pappbecher mit Glühwein gepresst. Mittlerweile dämmert es und die Temperaturen sinken schnell auf minus 8 °C. „Gefühlt ist das mindestens –20 °C“, wird gescherzt in der Gruppe. Schon die letzten Tage war es weit unter null. Auch das, eine eher existenzielle Erfahrung, so die Studierenden, die man nur gemeinsam übersteht, dann aber umso besser. Man nehme sich viel Motivation fürs Studium aus dieser Woche mit und weiß jetzt wieder mehr, was man gemeinsam trotz ungewohnter Rahmenbedingungen erreichen kann.
Kuratierte Begegnung
800 Schneekanonen und 12.000 Betten bei etwa 2000 Einwohner:innen gibt es in Flachau. Ein wirklich dickes Geschäft ist der Winter. „Da arbeiten alle 24/7“, so der Taxifahrer, der mich zurück nach Radstadt bringt.
Es sind immer noch die Gegensätze, zwischen Nische und Mainstream, zwischen Skifahren und Kunstmachen und zwischen Après-Ski und Künstler:innenparty, die das Festival charmant und so relevant machen. Denn an den Rändern der beiden Blasen begegnet man sich. Das Festival kuratiert diese Begegnungsorte und Resonanzräume. Ein Ergebnis ist gegenseitige Neugier, wenn nicht sogar ein klein wenig Verständnis für das Anderssein.