28/07/2026

Zu Themen, die die Gesellschaft aktuell bewegen. Jeden 4. Dienstag im Monat

28/07/2026

ohne Titel, 2026

©: Severin Hirsch

„Unser Paradox war dies: eine Regel könnte keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei. Die Antwort war: ist jede mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen, dann auch zum Widerspruch. Daher gäbe es hier weder Übereinstimmung noch Widerspruch. Daß da ein Missverständnis ist, zeigt sich schon darin, daß wir in diesem Gedankengang Deutung hinter Deutung setzen; als beruhige uns eine jede wenigstens für einen Augenblick, bis wir an eine Deutung denken, die wieder hinter dieser liegt. […] Darum ist >der Regel folgen< eine Praxis. Und der Regel folgen glauben ist nicht: der Regel folgen. Und darum kann man nicht der Regel >privatim< folgen, weil sonst der Regel zu folgen glauben dasselbe wäre, wie der Regel folgen.“ (Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. In: ders., Tractatus logico-philosophicus. Werkausgabe Band 1. Tractatus logico-philosophicus. Tagebücher 1914-1916. Philosophische Untersuchungen. Frankfurt am Main 1997. S. 225-580. S. 345.)

Spiele gibt es, seit es die Menschheit gibt und auch im Tierreich sind spielerische Formen zum Erlernen von überlebenswichtigen Fähigkeiten und zur Stärkung der sozialen Bande bekannt. Auch wenn unterschiedlichste Arten von Spielen existieren, lässt sich allgemein sagen, dass eine – wenn nicht die – grundlegende Funktion des Spielens im Erlernen von Regeln liegt, deren Gebrauch sich später in der Entwicklung des Menschen wie auch der gesamten Menschheit auf alle Lebensbereiche ausweitet. Dabei gibt es stets Grenzen, an die der Mensch stößt und die er austestet und ausreizt, bis es mitunter auch zu Grenzüberschreitungen, Regelübertretungen und -verstößen kommen kann, die je nach Ausmaß von Schweregrad und/oder Mutwilligkeit Ermahnungen, (Geld-) Strafen oder Ausschlüsse zur Folge haben, im Leben bis hin zum Freiheitsentzug in Form von Gefängnisstrafen, mancherorts gar mit dem Entzug vom Leben selbst, sprich der Todesstrafe. Das Spiel ist eine Analogie zum Leben, mit klaren Grenzen und eigenen Regeln, in dem wir zum Vergnügen, zur Entspannung oder zur Berufsausübung neben dem Regelgebrauch Fähigkeiten wie Geschicklichkeit, soziales Handeln, strategisches Denken, Fairness, Informationsaneignung, Geduld, Rollenwechsel, Konstruktionsmöglichkeiten oder Ausdauer üben und mit Situationen wie Glück, Zufall oder Wettkampf umzugehen lernen. Regeln gibt es überall, aber nicht alles, was Regeln hat, ist ein Spiel. Spielen ist ein Teil des Lebens, auch des Lernens, nicht nur für Kinder, aber als Spiel ist es vom Leben ausgeklammert. Das Spiel ist sozusagen ein Paralleluniversum, ein virtueller Raum, ein Leben unter Idealbedingungen mit gleichen und immer neuen Chancen für alle, das Spiel für sich zu entscheiden. Sollte man meinen.

Regeln und Betrug bedingen einander wie Lüge und Wahrheit: es sind die zwei Seiten derselben Medaille, sie können nicht unabhängig voneinander existieren. Wo es Regeln gibt, wird versucht, sie zu umgehen, umzudeuten, Lücken zu finden, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Im Leben gibt es dafür Anwält:innen. Im Spiel gibt es kaum Regeln, die festlegen, wie bei einem Betrug vorgegangen wird. Wenn beim „Mensch-ärgere-Dich-nicht“ beispielsweise die Anzahl der Würfelaugen nicht mit den Zügen übereinstimmt, könnten die Mitspielenden die/den Betrügende:n zurück zum Start schicken oder eine Runde pausieren lassen. Die Strafe würde dann auf einem Konsens basieren und der Betrug hätte keine Auswirkungen auf das Leben. Das Spiel bleibt im Spiel. Wenn der Betrügende allerdings eine Pistole zöge und einen der Mitspielenden aus Wut oder Rachsucht erschießen würde, wäre es zwar kein Verstoß gegen die Spielregeln, hätte dann aber straf- und zivilrechtliche Folgen, da gegen staatliche Gesetze und Regelungen verstoßen wird. Soll heißen: solange wir uns im Spiel nach den Regeln richten, selbst wenn wir gegen diese verstoßen, bleibt es ein Spiel und hat keine Konsequenzen für das Leben. Beim Fußball gibt es die mündliche Ermahnung, die gelbe Karte (Verwarnung) und die rote Karte (Platzverweis), die je nach Schweregrad des Vergehens eine dementsprechende zukünftige Spielsperre nach sich zieht. Darüber hinaus können körperliche Gewalttätigkeiten und Fouls, die aus Mutwilligkeit mit besonderer Brutalität und Rücksichtslosigkeit verübt werden, aber auch straf- und zivilrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, die zu Geldstrafen, Schmerzensgeld oder Verurteilung wegen Körperverletzung führen können. Der Spruch „was am Spielfeld geschieht, bleibt am Spielfeld“ hat demnach nur für Spielende, die im weitesten Sinne die Regeln befolgen, seine Gültigkeit. Und das ist auch gut so.

Fußball ist für viele ein faszinierender Sport, ein Spiel, ein Wettkampf, in dem Taktik, Disziplin, Spielwitz und -verständnis, individuelle Fähigkeiten und Teamgefüge eine gleichbedeutende Rolle spielen, das von Überraschungsmomenten, manchmal auch von Glück und Zufall lebt und in dem mitunter auch Erfolge von Außenseitermannschaften verbucht werden können. Doch wie bei allen Sportarten, die kapitalisiert und vom Geld korrumpiert wurden, bleibt es leider nicht alleine beim Spiel. Die Fußballweltmeisterschaften sind zu Ende, doch es bleibt ein fahler Nachgeschmack, ein gewaltiger Nachhall, der dem Fußball nachhaltigen Schaden zugefügt hat. Letzten Endes geht es um die Glaubwürdigkeit des Spiels, die Glaubwürdigkeit am Spielfeld. Wir, die wir uns in jedem Lebensbereich an die Regeln halten, wollen glauben, was wir sehen, wollen gerechte sportliche Wettkämpfe, ein aufrichtiges Kräftemessen sehen. Kaum jemand ist so naiv zu glauben, dass der/jeder Sport frei von Betrug, frei von Abmachungen und Absprachen ist. Für Österreicher:innen ist das nichts Neues, besonders für ältere Semester, 1982 die „Schande von Gijon“, als Österreich sich Deutschland in einem Unspiel, das beiden Teams den Aufstieg bescherte, 0:1 geschlagen gab, der Dopingskandal rund um Walter Mayer bei den olympischen Spielen 2006 in Turin, der trotz zahlreicher Nachfolgeskandale der Begeisterung für den Nordischen Wintersport keinen Abbruch tat, Radsport, Leichtathletik, die Liste nationaler und internationaler Betrügereien lässt sich unendlich fortführen, dennoch gestehen wir Fehler zu, ohne an der Glaubwürdigkeit des Sports, des Spiels selbst generell zu zweifeln. Auch der Fußball ist durchzogen vom Betrug, von Bestechung, Wettskandalen, Absprachen, bestochenen Spielern und Schiedsrichtern, von der Mussolini-WM 1934 in Italien bis heute. Von der FIFA ganz zu schweigen, nahmen die Korruptionsvorwürfe ab den 70-ern unter der Führung von Joao Havelange beständig zu, bis sie unter Sepp Blatter 2015 nach Ermittlungen des US-Justizministeriums durch zahlreiche Verhaftungen von Funktionären und dem Vorwurf der Bestechung und Geldwäsche ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Dann kam Gianni Infantino und wer glaubte, dass Sepp Blatters Machwerk aus Korruption, Geld- und Machtgier nicht mehr übertroffen werden konnte, wurde spätestens bei diesen Weltmeisterschaften eines Besseren belehrt. Das Skandalöse daran war, dass Infantino die Frechheit besaß, in die Regeln des Spiels einzugreifen, das korrupte, mafiöse Gehabe der FIFA, des (jeweiligen) FIFA-Präsidenten außerhalb des Spielfeldes waren wir ja schon gewohnt. Doch als Infantino nach Einführung der Trinkpausen in beiden Halbzeithälften für hochdotierte Werbepausen, über die die weltweiten Fußballfans noch mit geschlossenen Augen irgendwie hinwegsehen konnten, auf Drängen von Donald Trump auch noch die rote Karte für den US-Spieler Folarin Balogun revidieren und zurücknehmen ließ, brachte diese Aktion das Fass zum Überlaufen. Noch nie oder endlich wurde im Fußball die Korruption so offen zur Schau gestellt, die Eitelkeit und der Stolz der eigenen Machtbefugnisse und Grenzüberschreitungen in den Mittelpunkt gerückt. Alles, was in der Politik im Stillen und Heimlichen gang und gäbe ist, das Ändern von Regeln und Gesetzen zum Vorteil, zur Bereicherung der Mächtigen, fand in dieser einen, scheinbar harmlosen Geste Ausdruck: ich kann das machen, also mache ich es – ich muss mich vor niemandem und für nichts rechtfertigen und niemand kann mich bestrafen. Diktatorengehabe, die Spitze des Eisbergs, die höchste Instanz der Jurisdiktion, Gottes Nächster und Nachfolger. Das wollen wir nicht sehen, nicht im Spiel, nicht im Fußball. Das sehen wir jeden Tag in Politik und Wirtschaft. Im Spiel, im Sport hat diese skrupellose politische Art und Weise der Einflussnahme nichts zu suchen. Sportler:innen werden für jede Art von politischen Stellungnahmen bestraft oder vom Bewerb ausgeschlossen. Von innen darf nichts Politisches nach außen dringen, aber die politisch-mediale Einflussnahme von außen macht die Wettkämpfer:innen zu leibeigenen Gladiator:innen ohne eigene politische Meinung. Mit der Bannerbotschaft „Las Malvinas son argentinas“ (die Falklandinseln sind argentinisch) sorgten einige argentinische Fußballer nach dem Semifinalsieg über England für einen politischen Eklat und ließen die Erinnerungen an den legendären Vergeltungssieg über England durch Maradonas gerechte Gotteshand (und das spektakulärste WM-Tor aller Zeiten) bei der WM 1986 wieder aufleben. Die englische Regierung verlangt nun eine Untersuchung des Vorfalls, der ultralibertäre, rechtspopulistische Trump-Verbündete und Infantino-Freund Javier Milei, Präsident Argentiniens und selbstbezeichneter Anarchokapitalist, stellte sich hinter „seine“ Mannschaft.

Aber es geht auch anders: in der Medici-Diktatur Brasiliens, die 1970 einen WM-Titel verbuchen konnte und Joao Havelange, Sohn eines Waffenhändlers und brasilianischer Fußballpräsident, 1974 zum internationalen Durchbruch verhalf, verschaffte sich 1982 in Form des Arbeiterklubs Corinthians aus Sao Paulo eine Widerstandsbewegung mediale Präsenz gegen die Militärdiktatur. Der diktaturfreundliche Präsident des Vereins wurde abgewählt und stattdessen ein linker Soziologe an die Spitze des Vereins gesetzt. Unter der Führung des marxistischen Selecao-Kapitäns, Fußballrebellen und Kinderarztes Socrates wurde die Democracia Corinthiana etabliert und basisdemokratische Strukturen geschaffen, mit Trikotbotschaften wie „Verlieren oder gewinnen, aber immer mit Demokratie“ wurden demokratische Wahlen gefordert. Heute wird im Stadion gegen Senator Flavio Bolsonaro, Präsidentschaftskandidat und Sohn des wegen versuchten Staatsstreichs inhaftierten Ex-Präsidenten und Trump- und Milei-Verbündeten Jair Bolsonaro, demonstriert. Auch Didier Drogba, zweifacher afrikanischer Fußballer des Jahres und Nationalheld der Elfenbeinküste, nutzte gemeinsam mit der Nationalmannschaft die Popularität und mediale Präsenz, um Frieden und Einheit in seinem Heimatland zu proklamieren. Nach der WM-Qualifikation seines vom Bürgerkrieg zerrütteten Landes rief er im Fernsehen die Ivoirer:innen auf, nach dem Beispiel des Nationalteams zusammenzuleben, gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten und sich gegenseitig zu vergeben. Kurz danach veranlasste das Team, ein Testspiel in eine nördliche Rebellenhochburg zu verlegen und reiste durchs Land, um Einheit und für Frieden zu demonstrieren – ein wichtiger Schritt und entscheidender Einflussfaktor, um das bald darauf folgende Friedensabkommen einzuleiten.

Politische Einflussnahme hat im Spiel, im Fußball, im Sport, im Wettkampf nichts verloren, aber Sportler:innen können Gebrauch von ihrer Medienwirksamkeit und Popularität machen, um auf politische Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Doch dafür müssten sie sich selbst als ein Außerhalb des ganzen korrupten Betrugssystems sehen und einen politischen Standpunkt vertreten können.

„Das Wort >Übereinstimmung< und das Wort >Regel< sind miteinander verwandt, sie sind Vettern. Lehre ich Einen den Gebrauch des einen Wortes, so lernt er damit auch den Gebrauch des andern. […] Hätte es einen Sinn zu sagen: >Wenn er jedes Mal etwas anderes täte, würden wir nicht sagen: er folge einer Regel<? Das hätte keinen Sinn.“ (ebda. S. 352.)

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