26/05/2026

Zu Themen, die die Gesellschaft aktuell bewegen. Jeden 4. Dienstag im Monat

26/05/2026

Ohne Titel, Severin Hirsch, 2026

„Ich ist ein anderer“ schrieb Arthur Rimbaud einst an seinen Dichterfreund Paul Demeny, was sich einerseits als Auflösung des Subjektbegriffes, der Konstruktion des Ichs zugunsten einer breiteren, tiefgreifenderen Sinnes- und Gefühlserfahrung lesen lässt, die auch die Wiener Moderne prägte, andererseits aber auch die Ablösung des Werkes von seinem Urheber/seiner Urheberin. Das Ich ist ein anderer, das Ich ist der/die Andere, das Ich ändert sich, das Ich verändert die Sicht auf das Andere, Anderswertige, das Außerhalb, das Fremde. Das Ich ändert sich und ändert das Andere, aber es ändert nichts. Die Situation bleibt zerfahren, solange wir die Verantwortung auf das Andere, die Anderen schieben, ihrer Haltlosigkeit die Zügel überlassen und uns selbst aus der Verantwortung ziehen. Wem also sollen wir die Verantwortung für das Leben, für Gerechtigkeit, für eine gerechte Welt in die Hände legen?

„Die Infragestellung des Selbst ist nichts anderes als das Empfangen des absolut Anderen. Die Epiphanie des absolut Anderen ist Antlitz, in dem der Andere mich anruft und mir durch seine Nacktheit, durch seine Not, eine Anordnung zu verstehen gibt. Seine Gegenwart ist eine Aufforderung zu Antwort. […] Von daher bedeutet Ichsein, sich der Verantwortung nicht entziehen zu können. […] Die Infragestellung meiner Selbst durch den Anderen macht mich dem Anderen in unvergleichlicher Weise solidarisch. […] Hier ist die Solidarität Verantwortung, als ob das ganze Gebäude der Schöpfung auf meinen Schultern ruhte. Die Einzigkeit des Ich liegt in der Tatsache, daß niemand an meiner Stelle antworten kann.“ (Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. Freiburg im Breisgau/München 1999. S. 223f.)

Der Andere/die Andere/das Andere ist die Antwort auf mich, ist in meiner Verantwortung. Ich bin die Antwort auf die Frage nach der Verantwortung. Die Verortung des Anderen ist außerhalb meiner selbst, er/sie/es ist nicht dasselbe wie ich, sie bestehen in ihrer Exteriorität, die ich mir nicht einverleiben kann, deshalb sind sie das absolut Andere, die radikale Andersheit, mein Spiegel und mein Gegenüber, mein Gegenüber im Spiegel, das eine Integration unmöglich macht. Ich gebe Dir die Antwort, ich übergebe Dich meiner Verantwortung. Das Ich und das Andere sind Singularitäten, eigenartige Einzigartigkeiten, schwarze Löcher, in die niemand hineinsehen kann, die dennoch einander beeinflussen, einander antworten, sich anziehen, sich abstoßen, sich dabei aber niemals vereinen, niemals verneinen, niemals zu einer Einheit werden. Ich sehe in Dein Antlitz und erkenne Dich als das Andere, das Fremde, mir Äußerliche, ich erkenne Dich in Deiner Andersheit, Deinem Anderssein, Deinem anderen Sein, Deinem Selbstsein an, zeige mich solidarisch, gebe Antwort und trage die Verantwortung für Deine Andersheit und meine Selbstheit. Wir laufen immer Gefahr, die Grenzen des Eigenen auf alles Äußerliche, auf das vollkommen Andere auszuweiten und es dadurch auf das Eigene zu reduzieren – ein Grund, warum Integration nicht funktionieren kann, weshalb Kriege im Namen des x toben, weshalb der Staat und die Demokratie einbrechen. Reductio ad absurdum. Mich mit dem Anderen zu identifizieren, bedeutet, dass ich das Andere an mich angleiche, mit mir übereinstimme, mit ihm dasselbe werde.

Ich werde mit Dir identisch. Ich gebe Dir (meine) Identität. Ich werde Erde. Ich werde Licht. Ich werde Ich. Und Du?

Es ist meine Verantwortung mir gegenüber, meine Wünsche und Bedürfnisse zu (er)kennen, zu identifizieren, zu formulieren und auszusprechen, zu wissen, was ich will und was ich nicht will. Dadurch wird meine Verantwortung mir gegenüber zu einer Antwort Dir gegenüber, zur Verantwortung des Gegenübers. Indem ich mich mit meinen Wünschen und Bedürfnissen als Ich identifiziere, hat der/die/das Andere die Gelegenheit, Verantwortung für den Umgang mit meinen Wünschen und Bedürfnissen zu übernehmen und auf diese zu antworten, indem die eigenen Wünsche und Bedürfnisse ausgesprochen werden. Ich und der/die/das Andere werden so zu einem Gegenüber, zu Exterioritäten, die sich in ihren exteriorisierten Wünschen und Bedürfnissen gegenüberstehen und auf diese (mit Anerkennung oder Ablehnung) reagieren können. Der Umgang mit den Vorstellungs- und Lebenswelten, den Wünschen und Bedürfnissen des Anderen und diese zu verstehen, zu respektieren, bedeutet Verantwortung. Wir müssen, ja wir sollen uns gar nicht mit dem Anderen identifizieren, sondern es als das Andere, als eigenständige Singularität, als einzigartige Welt in einem undurchdringlichen Vorstellungsuniversum anerkennen. Diese Verantwortung für das Andere als Antwort auf das Andere trägt jeder mündige Mensch mit und in sich. Selbstverständlich birgt diese auf Emmanuel Lévinas Theorie des Anderen aufgebaute Idee der Verantwortung eine gehörige Portion Idealismus, beinhaltet sie doch die Wahrnehmung (des Antlitzes) des Anderen, die Anerkennung der Andersheit im Anders-Sein und eine auf dieser grundlegenden Differenz aufbauenden Solidarität, bei der es um das Sehen und Gesehenwerden der Nacktheit und Verletzlichkeit, der Fragilität und Zerbrechlichkeit des Lebens als Symbiose mit dem Anderen, als Relation zum Anderen geht. Leben geht auch anders. Sobald ich in das Antlitz des Anderen sehe, sobald ich sein Antlitz in meinen Blick nehme, übernehme ich bereits Verantwortung. Nur durch gezieltes Wegsehen, durch ein Nicht-Sehen-Wollen, kann ich mich meiner Verantwortung entziehen.

Legen wir dieses Konzept einmal auf den Staat um: Wir erwarten uns vom Staat, von den Regierenden, dass wir gesehen werden, in unserer Nacktheit und Verletzlichkeit, unseren Ängsten, unserem Schmerz, unseren Wünschen und Bedürfnissen. Der Staat mag zwar alles sehen, aber Dich in Deiner Andersheit sieht er bestimmt nicht. Auch mich nicht. In den Wahlkampfparolen versuchen Politiker:innen durch die Inhalte des Ausgesprochenen bestimmte Interessen anzusprechen, um Identifikation mit ihnen zu schaffen und über die Differenz zu ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen hinwegzutäuschen. Es ist nicht etwa so, dass sie ihren Wunsch nach Macht, Ruhm und Geld ausformulierten und zugleich den Wünschen der potenziellen Wählerschaft Gehör schenkten, ihnen ins Antlitz sähen und die Verantwortung für sie, die Umsetzung ihrer Wünsche und Bedürfnisse übernähmen oder abwägten, ob es dabei zu Interessenskonflikten kommen könnte. Vielmehr formulieren sie mit den Hilfsmitteln der Demagogie Parolen, Reden, die mit den Ängsten der Wählerschaft spielen und auf deren Erwartungen abzielen. Sich mit dem Vernommenen oder Politiker:innen zu identifizieren ist ein Weg, auf dem wir unsere Identität, unser Gesicht, unser Ich aufgeben, um den Wünschen und Bedürfnissen anderer/des Anderen nachzukommen, sie zu erfüllen und unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse aus den Augen zu verlieren. Wir sollten wählen können zwischen Wünschen, Vorstellungen des Lebens, des Zusammenlebens, Abdeckung von Bedürfnissen und dabei unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse klar auszuformulieren. Dann kann der/die/das Andere Verantwortung für uns und wir können wiederum für den/die/das Andere Verantwortung übernehmen. Dann lässt sich die Last aufteilen und wiegt nicht mehr so schwer. Es kann ja nicht der mehrheitliche Wunsch sein, dass die Bildung oder die Sozialleistungen gekürzt werden und wenn schon, dann sollten wir die Verantwortung für das Andere tragen und ihnen dabei ins Gesicht sehen können. Das Ich ist zerbrechlich und konstituiert sich durch das Andere. Es ändert sich, wie sich die Wünsche und Bedürfnisse verändern. Wir dürfen unsere Wünsche dem Anderen ins Gesicht sagen. Wir dürfen ja noch wünschen.

„Das Gesicht ist Spur, sofern es etwas besagt, ohne etwas zu sagen, sofern es widersteht, indem es dem Widerstand den Boden entzieht, und sofern es eine Verantwortung für den Anderen hervorruft, die man nicht gewählt, für die man sich nicht entschieden hat.“ (Emmanuel Lévinas, Zwischen uns. Versuche über das Denken an den Anderen. München/Wien 1995. S. 45.)   

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