28/04/2026

Zu Themen, die die Gesellschaft aktuell bewegen. Jeden 4. Dienstag im Monat

28/04/2026

maybe you´re fucked up. 
©: Severin Hirsch, 2026

„Insoweit die alternativen Welten als schön empfunden werden, insoweit sind sie auch Realitäten, innerhalb derer wir leben. Der ,digitale Schein’ ist das Licht, das für uns die Nacht der gähnenden Leere um uns herum und in uns erleuchtet. Wir selbst sind dann die Scheinwerfer, die die alternativen Welten gegen das Nichts und in das Nichts hinein entwerfen.“ Vilém Flusser, Digitaler Schein, in: ders.; Medienkultur. Frankfurt am Main 1997. S. 202-215. S. 215.)

Es ist schon eine Zeit lang her, da tickten die Uhren noch anders, nein, sie tickten noch, zumindest die meisten, die Telefone standen daheim auf einem Kästchen oder einer Kommode, es gab den Festnetz-Viertelanschluss, den man sich mit drei anderen Haushalten teilte und darauf hoffen musste, dass gerade niemand telefonierte, wenn man ein dringendes Gespräch zu führen hatte, im Fernsehen gab es zwei Programme mit fixen Programmpunkten zwischen 16 und 23 Uhr, danach die Bundeshymne und Sendeschluss, wer Glück hatte und in einer Grenzregion wohnte, konnte im nachbarlichen Programm mitschmarotzen, dazwischen gab es Sendeausfälle und Testbild, Nachrichten erfuhr man aus der Zeitung, dem Radio, den Abendnachrichten, die schon damals „Zeit im Bild“ hieß oder von informierten Nachbar:innen oder Bekannten, Kinder gingen alleine zur Volksschule, Roller ließen sich nur per Fußantritt fortbewegen, die Straßen der Außenbezirke waren mäßig vom Autoverkehr befahren, Musik gab es im Radio, sonntags „Die großen 10“, von der Platte oder Kassetten, in regelmäßigen Abständen gab es Stromausfälle, bei denen alle auffindbaren Kerzen aktiviert wurden, bis es wieder Licht wurde. Computer waren nur selten und in progressiven Haushalten anzutreffen, Commodore 64, eine etwas verbesserte Version der Schreibmaschine mit Floppy-Disc-Speicher, gelegentlich auch ein Atari-Spielcomputer mit einer begrenzten Auswahl an Spielen, die einfach gebaut waren und deren Grafik sich noch linear gestaltete. Zu Herzrasen und emotionalen Ausbrüchen kam es trotzdem. Beliebt und häufiger anzutreffen waren da noch die „tricOtronics“, elektronische LCD-Konsolen für die Hosentasche, einfach in der Handhabung und grafischen Ausführung, dennoch stellten sie die Nerven auf eine Zerreißprobe. Ansonsten gab es Brettspiele und Bücher und zwischendurch und immer wieder Langeweile, aus der dann wieder aus dem gemeinsamen Erfindungsreichtum wieder ein Spiel unter Freund:innen entstand, mit dem man sich – drinnen oder draußen – wieder ein paar Stunden beschäftigen konnte. Freund:innen waren wichtig, das Wichtigste überhaupt, auch das Langweilen wurde gemeinsam erträglicher, in der Natur gab es viel zu entdecken und erkunden, dazwischen immer wieder Mutproben mit zumeist glimpflichem Ausgang, das Vertrauen der Eltern in die tägliche Rückkehr der Kinder in den Schoß der Familie war enorm oder sie kümmerten sich nicht allzu sehr und waren froh über ein wenig Ruhe und Ein- oder Zweisamkeit. So in etwa fühlte sich meine Kindheit in den 80-ern an, auch wenn es für die heutige Jugend vielleicht so klingt wie für mich damals Peter Roseggers „Waldheimat“. Was ich nicht beschreiben kann, ist das Gefühl von Unbekümmertheit, von Sorglosigkeit, von Freiheit, von Zukunftszuversicht, das mich durch meine Kindheit und Jugend, auch noch im Erwachsenenalter begleitete und erst in den letzten Jahren gemindert wurde. Auch das Kernreaktorunglück vor 40 Jahren in Tschernobyl, der damaligen UdSSR und heutigen Ukraine, das unser kindliches Dasein in der Freiheit der Natur merklich einengte, konnte an diesem unbekümmerten Gemütszustand wenig verändern, ebenso wie Skepsis der Elterngeneration gegenüber den technologischen Errungenschaften unserer Kindheit und Jugend, die ihrer Ansicht nach unsere Entwicklung und den natürlichen Freiheitsdrang, das „Draußen im Freien“, das ihnen Ruhe bescherte, beeinträchtigten. Umso bemerkenswerter dabei ist, wie vorbehaltlos auch diese Generation, vollständig analog aufgewachsen und sozialisiert, in den darauf folgenden zwei Jahrzehnten den Einstieg in die digitale Welt vollzog.

Als 1991 Flussers Eingangs erwähnter Aufsatz erschien, funktionierte die Welt noch größtenteils analog. Aus dem Ausland rief man kurz zuhause an, um Bescheid zu geben, gut angekommen zu sein, bestenfalls gab es Postkarten mit einer kurzen Nachricht und Grüßen, ansonsten belief sich die Kommunikation auf die Menschen in der näheren Umgebung, Zufallsbekanntschaften und Freundschaften nicht ausgeschlossen. Während also der Großteil der Menschen analog verkehrte, gab es ein paar theoretisch Denkende und praktisch Experimentierende (die es auch schon in den 50-ern gab), die sich mit dem Kommenden, der Zukunft der digitalen Welt, auseinandersetzten. Viele wurden reich durch ihre Erfindungen, manche sehr mächtig, einige berühmt durch ihre visionären Theorien. Flusser sah schon zu einer Zeit, in der das computergenerierte Bild aus wenigen Pixeln bestand, die Digitalisierung als eine Form der Realität an, den „Schein“, die „Scheinwelt“ als etymologische Heraufbeschwörung einer „schönen“ Welt – die Herleitung des Ausdrucks „scheinen“ vom Wort „schön“. Vielleicht ist das die Macht des Digitalen, das wir in eine Welt verschwinden können, die wir uns selbst so gestalten können, dass sie für jede/n auf ihre jeweilige Art und Weise als schön erscheint, jedem Menschen das bieten kann, was er/sie sich wünscht oder ersehnt – ein Supplement, das die Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit einer Realität ersetzt, in der wir uns in unserer eigenen Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit bewegen, beatmen, ernähren, erhalten, paaren müssen und in der wir mit allen unseren Fehlern und Mängeln sichtbar sind, in der wir die Beobachteten und nicht die Beobachtenden sind. Ein Schein, der auch im Digitalen trügt, denn in der digitalen Welt sind wir nur scheinbar Beobachtende und Agierende, die von Beobachtenden und Agierenden in ihren Wünschen und Bedürfnissen gelenkt und gesteuert werden.

In der Künstlichen Intelligenz hat der Mensch nun endlich auch ein Gegenüber in der digitalen Realität gefunden, mit dem er kommunizieren und arbeiten kann, das Texte schreibt, Bilder macht, therapiert, das Nichts, die Leere in uns füllt und zwischenmenschliche Bedürfnisse erfüllt. Das Internet ist bereits überfüllt von Bildern und Texten von Künstlichen Intelligenzen, noch klar erkenntlich, noch voll von Fehlern, die das ganze Netz durchziehen. Doch irgendwann wird sie aus den Fehlern lernen, Fehler beseitigen, das Netz reinigen von der menschlichen Fehlerhaftigkeit und Fehlbarkeit, wird die Außenwelt und die Virtualität faktisch aneinander anpassen, wird verdoppeln, bis die Außenwelt hinfällig wird, bis die Lebewesen, die Lebensweisen hinfällig werden, weil alles virtuell dupliziert, dokumentiert, gespeichert und archiviert ist. Eine Welt aus Nullen und Einsen, aus dem Nichts und der Fülle, der Leere und dem Gefülltwerden ohne Gefühltwerden und ohne Gefühl zu werden.      

Im Groben befinden wir uns schon in einer Welt der binären Logik, dem Wahren oder Falschen, in der ein Dazwischen nicht existiert. Das zirkuläre, ganzheitliche, einschließende Denken ohne Anfang und Ende verschwindet, die Kunst, die Freiheit, die Meinungsfreiheit, die Unabhängigkeit der Medien. Die geplante Abschaffung der Rundfunkgebühren – so überzogen und unnötig sie auch scheinen mögen – ist nur ein weiterer Schritt in diese Richtung. Richtig oder falsch, 0 oder 1, nichts oder alles, die Leere oder die Mannigfaltigkeit, Krieg oder Frieden, dafür oder dagegen, gut oder böse. Klick, klick, klick, klick, tick, tick, tick, tick…

„Das wirklich Neue aber ist, daß wir von jetzt an Schönheit als das einzig annehmbare Wahrheitskriterium begreifen müssen: ,Kunst ist besser als Wahrheit’. An der sogenannten Computerkunst ist das bereits jetzt ersichtlich: Je schöner der digitale Schein ist, desto wirklicher und wahrer sind die projizierten alternativen Welten. Der Mensch als Projekt, dieser formal denkende Systemanalytiker und –synthetiker, ist ein Künstler.“ (ebda.)              

Josef Fürpaß

Ich hatte – als 1960 Geborener – bis 2005 keinen Computer. In manchen Belangen ein Manko, in anderen ein Vorteil, nach dem Motto: „Vorne sein durch Hinten-Bleiben" (Wolfram Märzendorfer). Was mir an einigen Behauptungen im Text aufstößt: Die digitale Welt filtert das Schöne? Kann ich nicht nachvollziehen. Es propagiert vielmehr die Ängste, das vermeintlich Imaginiert-Gefährliche, -Bedrohliche oder besser konnotiert Medial-Anziehende, denn letzteres ist es, was Aufmerksamkeit – oberflächlich betrachtet – anzieht. Unsere Welt ist infiltriert und dominiert vom Status Quo des vermeintlichen „Fortschritts", als der er nicht wirklich erscheint. Er macht konsumpflichtig, Smartphones werden verpflichtend, um an Vorteilen und Bonus_Angeboten der Gesellschaft teilhaben zu können wie E-Banking oder Förderansuchen in diversen gesellschaftlichen Plattformen, ja PLATTformen, das ist tatsächlich ein treffendes Wort dafür. Hoch lebe der Widerhaken und jene, die sich die Mühe antun zu widerstehen. Freilich wandeln sie (wir) auf verlorenem Posten, aber wir pfeifen mehr und mehr auf sie, ... die Posten. Wir schicken stattdessen noch analog POST (statt Postings), Briefe, Einladungen, Rätselsendungen mit mathematisch-verklausulierten Adressen, die von zeitgenössischen BriefträgerInnen nicht mehr entschlüsselt werden können ... und alsdann als VERZOGEN/UNBEKANNT zurückkehren; ... was unsere diffuse Skepsis wiederum bestätigt, zur Belustigung ... und Melancholie unserer Seelen. Aber was ist denn Glück außer lezthin eingestandener, vielleicht schon DURCHgestandener MELANCHOLIE?!

Mi. 06/05/2026 22:40 Permalink
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