Wie jeden Tag nach dem Aufstehen machte sich Neil Lane als erstes einen Kaffee, stark, groß und schwarz wie die Nacht oder die menschliche Seele wie er zu sagen pflegte, klappte den Laptop am Küchentisch auf und las die Börsenberichte und aktuellen Tagesmeldungen. Wie schon in den letzten Tagen, Wochen, Monaten war die Tendenz fallend, sowohl an der Börse als auch bei den Nachrichten. Die Inflation hatte inzwischen Formen angenommen, dass Papiergeld eher zum Heizen als zum Bezahlen zu gebrauchen war, bei den explodierenden Energiekosten wäre das wohl eine vernünftige Verwendung gewesen. Das allerdings waren Probleme, die Neil Lane nur indirekt betrafen, wenn er sich etwa für Lebensmittel oder Treibstoff in den langen Schlangen vor Geschäften und Tankstellen anstellen musste, denn leisten konnte er sich noch, was er zum Leben brauchte. Seine Familie war schon vor über einem Jahr auf den elterlichen Landsitz im Norden gezogen, um den städtischen Problemen und der zusammenbrechenden Infrastruktur zu entkommen. Ihn selbst zwangen berufliche Unabkömmlichkeiten in der Stadt zu bleiben. Noch. Er arbeitete bereits an seinem Ausstiegsszenario, wie genau er es anstellen würde, war ihm aber selbst noch unklar.
Um die Stadt hatte sich wie um alle größeren Ansiedlungen ein beträchtlicher Speckgürtel gebildet – wobei „Speck“ in diesem Fall wohl eine unzutreffende Formulierung und auf keinen Fall dem Wohlstand geschuldet war –, der eher den Flüchtlingslagern nahe den sich mehrenden und nähernden Kriegsgebieten glich, während die vormaligen Speckgürtel auf ein Beinahe-Nichts geschrumpft waren. Für viele Immobile, die nicht das Geld hatten, größere Sprünge zu machen, war das Vegetieren im Umland die einzige Überlebenschance, bot es immerhin durch Vögel und deren Brut, durch Nagetiere und Ungeziefer wie auch Nutz- und Kulturpflanzen eine gewisse Grundversorgung. Die Stadt verwaiste zusehends, die Geschäfte waren längst und mehrfach geplündert, überleben konnten nur die gut Bewachten und Bewaffneten, die Kampferprobten, die Hartgesottenen, die Geschickten und die Unsichtbaren, die Hoffnungs- und Ahnungslosen, die Alten, die Geschäftstüchtigen und die Wohlhabenden. Der öffentliche Verkehr ruhte bereits seit Längerem und bis auf die gepanzerten Wägen der Reichen, die Militärfahrzeuge und die aufgerüsteten Vehikel der vagabundierenden Banden gab es kaum mehr Verkehr. Es war ruhig geworden in der Stadt und ohne die bewegten Menschenmassen wirkte sie so einsam, verlassen, traurig und morbid wie Neil Lane selbst.
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Neil arbeitete für den Geheimdienst, aber kaum jemand aus seinem näheren Umfeld wusste darüber Bescheid. Offiziell betätigte er sich in einem internationalen Computerkonzern in der Softwareentwicklung, seine eigentliche Tätigkeit bestand jedoch darin, Daten auszuwerten und in künstliche Intelligenzprogramme einzuspeisen, um über algorithmische Lernprogramme potenzielle und zukünftige terroristische und regimefeindliche Handlungen zu prognostizieren und an das Militär weiterzuleiten. Die Datenerhebung erfolgte in Zusammenarbeit mit einem erfolgreichen Globalkonzern über KI-basierte Brillen, die ohne das Wissen der Tragenden Daten sammelten, die irgendwo in Ostafrika gesammelt und kategorisiert und an Interessenten weiterverkauft wurden. Selbst im obligatorischen Besitz einer solchen Brille aufgrund seiner Tätigkeit im öffentlichen Dienst war Neil zunächst begeistert von der Idee und den Möglichkeiten, die sich ihm in erster Linie als Privatperson boten: von der alltäglichen Kommunikation über Unterhaltung bis hin zu Gesichtserkennung inklusive Datenabruf sah er die Welt plötzlich durch (s)eine rosarote Brille. Menschen aus seinem Bekanntenkreis, deren Namen er sich über Monate und Jahre hinweg nicht und nicht merken konnte, kannte er auf einmal und ohne die Hilfe seiner Frau nicht nur namentlich, er wusste sogar von ihren Tätigkeiten, ihren Vernetzungen und Hobbies. Sozial etwas unbeholfen und immer leicht abwesend bewegte er sich plötzlich elegant und selbstsicher am gesellschaftlichen Parkett, ein taumelnder Riese, der sich in eine Prima Ballerina verwandelte. Wenn er einmal U-Bahn fuhr oder durch die Straßen spazierte, spielte ihm die Brille neben Musik oder Nachrichten auch zahlreiche Identitäten vor Augen, die mit einem Mal, einem Wimpernschlag aus ihrer selbsterwählten Anonymität heraustraten. Als Kind des vorigen Jahrtausends fühlte sich Neil in die Science-Fiction-Filme vergangener Tage versetzt. Blade Runner oder Terminator waren düster-dystopische Klassiker seiner Jugend und eben jene Düsterkeit und Dystopie sollten ihn auch bald in seiner Realität heimsuchen.
Die anfängliche Brillen-Euphorie verschwand, nicht wegen der hasserfüllten Beschimpfungen von Mitmenschen, die sich überwacht und ausspioniert fühlten und denen der fragwürdige Umgang mit dem Datenschutz ein Dorn im Auge war, sondern erst als in seiner Arbeit die gesammelten Daten weiterverwendet wurden. Von diesem Zeitpunkt an begann er, die Brille nur mehr während der Arbeitszeiten bei sich zu tragen. Er durchforstete Archive von Privataufnahmen, die es auch hätten bleiben sollen, der gläserne Mensch, ohnehin schon zerbrechlich, begann durchlöchert zu werden. Jede harmlose Geste, jede erhobene Faust des Protests, jedes falsche Wort, jede berechtigte Systemkritik wurden als staatsgefährdend eingestuft und ihr entwickeltes Programm lernte schnell eins und eins zusammenzuzählen, das Ergebnis aber war stets ein anderes. Neil empfand Unrecht, Ungerechtigkeit, dass die Bestätigung einer Person aus hunderten Verdächtigen als staatsgefährdend oder terroristisch die Observierung und Perlustrierung hunderter Menschen rechtfertigte. Sich selbst als „glasshole“ beschimpfen zu lassen, war das eine, das andere aber war, die Transparenz des Menschen, der für die staatliche Sorge ohnehin schon unsichtbar geworden war, soweit zu durchlöchern, bis nichts mehr von ihm übrigblieb und seine Unantastbarkeit vollends außer Frage stand. Geister kann man nicht berühren.
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Neils Entschluss, der Stadt und der Arbeit den Rücken zuzukehren, stand schon länger im Raum. Er wusste, beides würde ihn nicht gehen lassen und viele Gefahren mit sich ziehen. Der Geheimdienst würde ihn aufzuspüren versuchen, ihn als Verdächtigen oder gar als feindlichen Spion ansehen, ihn verhören, ausquetschen wie eine unreife Zitrone, um einen Tropfen ihrer Wahrheit ans Licht zu bringen. Neil war sich des Risikos eines unerlaubten Austritts, eines ungenehmigten Ausritts in einer Zeit, in der Gehorsam über allem stand, durchaus bewusst. Aber er konnte und wollte einem System, das jeden Menschen vermehrt als Verdächtigen und potenzielle Gefahrenquelle erachtete, nicht mehr anstandslos dienen. Neil hatte Anstand, den bekam er in seinem Elternhaus neben guten Manieren und Achtung des Königshauses mit. Aber was jetzt in der Stadt passierte, hatte mit Achtung nichts mehr zu tun, eher mit Verachtung, und da war Achtung geboten – ebenso wie beim Verlassen der Stadt, vorbei an den Kontrollposten der Militärpolizei, vorbei an den Checkpoints der bewaffneten Banden. Er hatte noch zwei Kanister Benzin im Keller stehen, für Notfälle, aber jetzt war dieser Notfall eingetreten, er musste nur raus aus dieser Stadt, durch die Speckgürtel, die ihm alles abverlangen würden, die alles von ihm verlangen würden, das gepanzerte Glas zu durchlöchern versuchen würden, ihn zu durchlöchern versuchen würden, er musste ganz einfach raus aus dieser Stadt, raus aufs Land zu seiner Familie, raus aus dem Land seiner Familie, raus aus diesem Leben, raus aus diesem System, raus aus dieser Welt…
Aus dem Roman: Ritchie Richison, Glasgow, Glastonbury and the Glassholes: A Knight’s Tale by a Nightingale. London 2025.
Übersetzung: Romina Habacher