27/01/2026

Das Jahr hat ja schon einmal gut begonnen, so gut sogar, dass gar kein übertriebener – nicht einmal ein bescheidener –  Optimismus aufkommen kann. Politisch und gesellschaftlich wird es also weiter spannend bleiben, Spannungen erzeugen und globale Reaktionen zur Folge haben. 

Wo in diesem Spannungsfeld Europa bleibt, wird auch sehr interessant. Europa bleibt am Boden. Europa bleibt auf der Landkarte. Europa bleibt ein Spannungsfeld. Europa wird zum Schlachtfeld. Europa wird ein Trümmerfeld. Europa wird ein Trauerhaufen. Eines nach dem anderen.

27/01/2026

madrigali guerrieri et amorosi, 2026 

©: Severin Hirsch

Zuerst wird der venezolanische Präsident Nicolás Maduro und dessen Ehefrau in einer Nacht- und Nebelaktion von US-amerikanischen Streitkräften entführt und in die USA gebracht. Zwar war die Präsidentschaft Maduros in keinster Weise legitimiert, aber genauso wenig war es der nächtliche Streifzug der Delta-Force-Spezialeinheit, ebenso sehr wie davor schon die Angriffe auf vermeintliche venezolanische Drogenboote. Doch auch ein gewisser Donald Trump, seines Zeichens Präsident der ältesten Demokratie und Fast-Friedensnobelpreisträger, steht in der langen US-Tradition, andere Länder ihrer autokratischen Herrschaftsformen zu entledigen und sie fürsorglich – fast mütterlich – behutsam an der Hand in eine demokratische Gesellschaftsform zu führen. 
Ach ja, in diesem Falle war es Drogenhandel auf Kosten des US-amerikanischen Lebens. Oder war es das Erdöl? Ich komme da immer ein bisschen durcheinander. Fix ist allerdings, dass illegaler Drogenhandel in Richtung USA ein absurder Fehltritt ist, schließlich wollen das Land und die Konzerne sich beteiligen, mitnaschen und mitverdienen, wie die große Opioidkrise oder „geduldete“ Abkommen mit anderen drogenproduzierenden Ländern belegen.

Zur Klärung: Legalität bedeutet, dass der Staat, Konzerne, Lobbys, einflussreiche Personen und Ähnliches von etwas wissen, daran mitverdienen und kontrollierte Wege zur Einfuhr und Distribution finden, während Legitimität heißt: wer die Macht hat, der kann und wer kann, der macht, während die anderen nur zuschauen können, aber nicht imstande sind, etwas (dagegen) zu machen. Diese modifizierte Form der Legitimation könnte auch im Falle Grönlands in Kraft treten. Das Günstigste dabei ist, dass die selbsternannten Legitimierten in solchen Fällen keinerlei (nationaler oder internationaler) Absprachen bedürfen, sondern einfach nur zuzugreifen brauchen, bei dem, was sie begehren. Wladimir Putin darf sich getrost zum Urheber dieser modernen Legitimationsform bekennen und sein Beispiel findet nachahmenden Gefallen. Nicht nur nach außen, sondern auch nach innen, wie die zwei jüngsten brutalen Ermordungen in den USA durch die Einwanderungsbehörde ICE beweisen. 

In solchen Zeiten kommen mir die Radio-Eriwan-Witze aus den Zeiten des Kommunismus in den Sinn: „(An)Frage an Radio Eriwan: Ist die Securitate das Herz des Landes? Im Prinzip ja, weil es schlägt und schlägt und schlägt.“ Galgenhumor nennt sich das und mir schnürt es schon den Hals zu, ich kann kaum schlucken, obwohl es so viel zu schlucken gibt, mir stockt der Atem.

Atemnot zum Abendbrot.

Ich schweife ab, drehe ab, bin abgedreht. Ich brauche eine Brille, erkenne nur umrisshaft, was um mich herum stattfindet, schemenhafte Schimären, chimärische Schatten umreißen Silhouetten des Alltäglichen. Ich brauche eine Brille. Eine Klobrille. Alles angepisst. Verschissen. Verschissenes Leben.
Was nun, was tun, wenn du erwachst und plötzlich merkst, dass du dein Leben verschlafen hast? Dein eigenes Leben. Dein einziges Leben. Plötzlich muss alles schnell gehen. Von einem Rausch in den nächsten, von der Todessehnsucht in den Blutrausch, das Leben bis zum letzten Tropfen aufsaugen, aussaugen, ausschlachten.  

Liebe und Hass können sich nicht gegenüberstehen, sie stehen sich höchstens im Weg. Die Liebe ist immer gegenwärtig, produziert sich stets aufs Neue und immerfort, sie kennt keine Ursache, sie ist hier und jetzt anwesend, sie kennt keinen Aufschub und keine Anderen, ihr ist niemand fremd, sie umschließt, vereint, sie ist das Eine, ist ufer- und ausweglos, sie ist sprachlos.  Der Hass dagegen bezieht sich auf Vergangenes und projiziert es, projiziert sich in die Zukunft, zeigt, zielt auf das Eine, das das Andere repräsentiert, schließt es aus und macht es zur Zielscheibe. Der Hass ist abgeleitet, ein Aufschub unterdrückter Gefühle der Wut, manifestiert durch manipulative Ideologien.

In ihrem Buch On Death and Dying beschreibt die Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, Mitbegründerin der Palliativ- und Hospizpflege, den Umgang Sterbender mit der unumstößlichen Tatsache ihres bevorstehenden Todes anhand eines Fünf-Phasen-Modells. Auf das Leugnen folgen zunächst die Wut, darauf das kindliche Verhandeln, dann die Depression und schließlich die Akzeptanz des Umstandes. Dazwischen keimt immer wieder die Hoffnung auf, dass es doch nicht zu Ende geht.

Auf die aktuelle politische Situation bezogen, ließe sich all den Hassenden und Gehässigen sagen, dass sie sich erst in den ersten zwei Phasen ihrer Entwicklung befinden, nämlich, der der Leugnung (ideologische Manipulation) und der (nicht ausgelebten) Wut, während ich mich beispielsweise schon des Längeren in der vierten Phase, jener der Depression, befinde, nachdem die Verhandlungen der letzten drei Jahrzehnte kläglich gescheitert sind. Geschuldet aber auch dem Umstand, dass ich im Gespräch mit in diesem Millenium Geborenen mit meinen Weltvorstellungen (und Hoffnungen) wie ein sozialromantischer Dinosaurier dastehe, ein museumswürdiges Relikt aus einer fernen Zeit, und erst lernen muss, dass viel später Sozialisierte Gegebenes generell als Normalität bezeichnen.

Sich an die Umstände anzupassen, ist ein (Über-) Lebensprinzip, das hat uns ja schon Darwin gelehrt. Aber in die letzte Phase, die Akzeptanz der Umstände, kann und will ich nicht eintreten, da bleibe ich lieber in meiner Depression, denn das würde meinen sofortigen (geistigen) Tod bedeuten.   
    
Wenn sich der Nebel meiner Erinnerungen lichtet und einen Blick auf die Welt preisgibt, durchfährt mich gewöhnlicherweise das Verlangen, diesen Vorhang aus Nebel, aus Umnachtung wieder zuzuziehen und mich in meine Welt kontemplativ zu versenken. Ein Urheberrechtsstreit um Ansichtssache. Ich bin der Ankläger der Welt und der Anwalt der Menschheit. Ich arbeite im Auftrag der Menschheit, die Menschen beschäftigen mich. Solange ich sie mir auf Distanz halten kann, bleibe ich ihr Freund, Philanthrop auf der Grundlage eines gesunden wissenschaftlich-objektiven Distanzverhältnisses.

Ich kann sie nicht ganz abschütteln, die Trauer über die verlorene Welt, selbst wenn sie nie real, nie umgesetzt war, so war sie eine Hoffnung, die so greifbar nah schien, hätte die Mehrheit zugreifen wollen. Es war mehr als eine Illusion, man konnte diese Welt spüren, riechen, manchmal in ihr probewohnen, andernorts im Kleinen auch in ihr leben. Sie war unser Grönland, das wir hätten besser verteidigen müssen, vielleicht sogar mit mehr Vehemenz, mit mehr Druck, mit mehr Gewalt. Aber wir waren linke Pazifist:innen und Intellektuelle, die dachten, die Zeit wäre auf ihrer Seite und die Erleuchtung käme irgendwann selbst in die dunkelsten Täler. Jetzt müssen wir machtlos dabei zusehen, wie Machtblöcke wie die NATO zerfallen, die ja bekanntlich gegründet wurde, um die verheerenden Gräuel des Zweiten Weltkriegs zukünftig zu vermeiden (und der Sowjetunion entgegenzuwirken), wie die USA der UNO (zumindest 66 ihrer Unterorganisationen), die nach eben jenem Krieg von den USA, der UdSSR und Großbritannien gegründet wurde, um für Frieden und Stabilität zu sorgen, den Rücken kehrt, weil Themen wie Gleichberechtigung, Antidiskriminierung, Umweltschutz, Nachhaltigkeit usw. den nationalen Interessen widersprechen und wie Trump sich von Norwegen unter Gewaltandrohung den Nobelpreis holen wird. 
Absurd. Paradox. Grotesk. Aber er kann eben. Weil er die Macht hat. Und wir können diesem lachhaften Schauspiel nur schweigend beiwohnen und uns wundern, was alles möglich ist. Wir: das ist Europa.

Diese Alles-Wird-Gut-Mentalität dieser aufgeblähten Schädel, die wie Schafe blöken und bei jeder scharfen Spitzzüngigkeit ihre Augen verdrehen ob soviel Pessimismus. Was tun die denn, dass es gut oder wenigstens besser wird? Verdrehen Dir die Worte im Mund, damit sie verstehen können, was Du sagst. Auf einen Nenner gebracht. Was zählt, sind Zahlen und Fakten. Nackte am besten. Akte. Katarakte für Sehende. Graue Eminenzen.
Wir leben alle nach Vorstellungen. Nach den Vorstellungen anderer. Ich will meine Vorstellungen nicht anpassen, ich will mich nicht vorstellen müssen, ich will leben, was ich bin. Ich will erleben, was ich mir vorstelle. Angepasst ist angepisst. Ich kann mich vorstellen, mich verstellen, um in der Welt nicht aufzufallen, nicht anzuecken, aber irgendwann schlage ich Leck, lecke ich Blut, blute ich Leben. Irgendwann breche ich auf, erbreche ich mich über euer vorgestelltes Leben. Verstelltes Leben. Verbautes Leben.

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