Keine ersichtlichen Zeichen von Stigmata, die wir an uns erblicken, keine von uns vollbrachten Wunder, auf die wir zurückblicken, genug gelitten über das ganze Jahr, um sich jetzt der Dunkelheit ergeben zu wollen, die Finsternis hereinbrechen, in uns einbrechen zu lassen? Kein Grund zur Verzweiflung, es geht alles noch schlimmer, wie immer. Es gibt noch einen Hoffnungsschimmer am unerreichbaren Horizont, wie immer. Doch wie stellen wir Weichen zwischen allen Leichen und Lastern, die wie Reisig den eisigen Weg pflastern. Schritt für Schritt. Retrospektive, Introspektive, Initiative. Wenn sich der Nebel lichtet, das Licht uns wärmt, die Wärme uns öffnet, die Öffnung uns ändert, das Andere uns durchdringt, das Durchdringen keine Gewalt, sondern Mut und Offenheit erfordert, dann sind wir soweit, bereit uns zu stellen, vor die Welt zu treten, uns selbst im Anderen zu erkennen und etwas – so klein und unscheinbar, unbedeutend und wirkungslos es auch sein mag – zu verändern, uns zu verändern, bis wir uns selbst nicht mehr so klein und unscheinbar, unbedeutend und wirkungslos vorkommen.
Ich blicke in die Nacht, es ist dunkel und kalt. Ich blicke in die Zukunft. Die Welt ist am Arsch. Wir werden von alten, weißen Männern regiert, die sich für die einzigen Lichtblicke in der Dunkelheit halten. Lichtbringer, Sternsinger, Schwertschwinger. Damoklesschwerter, die unheilvoll über unseren Köpfen pendeln. Sadisten, die mit ihren Schwertern den Körper der Gesellschaft spalten, die Normen, Gesetze und Werte des modernen Staates zerschlagen, während sie auf Werte und Traditionen pochen und uns dem Sisyphoskampf der gegenseitigen Haarspaltereien überlassen. Würden wir uns lausen, könnte man das wenigstens als Arbeit an der Gemeinschaft einstufen, aber dann müssten wir uns berühren, begreifen, einander zuwenden, aufeinander eingehen, zugehen, uns öffnen. Die alten, weißen Sadisten sehen das nicht gerne. Lieber beobachten sie, wie wir uns voreinander verschließen, uns von der Welt entfremden, entfernen, uns isolieren, in sozialer Einsamkeit dahinleiden und in einer virtual society Zuflucht suchen, in der wir uns verstanden fühlen und einfach zu kontrollieren und überwachen sind. Von der erhofften Weltgesellschaft zur gelebten virtuellen Gemeinschaft hat es nur wenige Jahrzehnte und einiger technologischer, politischer, finanzieller, sozialer Eingriffe bedurft. Voller Stolz lächeln sich die weißen Männer gewissenlos gegenseitig ins Gesicht und blicken mit den Skalpellen und Seziermessern in ihren blutverschmierten Händen auf ihr in Einzelteile zerlegtes Werk. Eizelle, Einzeller, Einzelzelle. Nur keine Keimzellen. Die werden erstickt.
Die alten weißen Sadisten haben uns gelehrt, dass wir uns vor dem Anderen fürchten müssen, uns schützen müssen, uns wehren müssen gegen den Einfluss des Fremden. Doch solange sie an der Macht sind, brauchen wir keine Angst zu haben, weil sie uns beschützen vor dem Anderen, dem Fremden, vor uns. Die Integration hat nicht funktioniert, die Indoktrination hingegen schon. Die größte Angst der weißen Männer und zugleich ihr größter Machtverlust: Zwei fremde Menschen begegnen sich und erkennen sich in ihrem Menschsein. Es ist einfacher, das Unbekannte zu hassen als das Bekannte. Da gehen wir lieber auf Nummer sicher. Da gehen wir lieber auf Distanz. Oder hassen uns selbst, unsere Unzulänglichkeiten, unsere Einsamkeit, unsere Sozialunverträglichkeit, unseren Hass auf das Andere, unsere unadressierten Aggressionen, unsere ziellose Wut, unsere Gewaltbereitschaft, unsere Sehnsucht nach Liebe, nach Zugehörigkeit, nach Bindung, nach Freundschaft. Auch da gehen wir lieber auf Distanz. Zu uns selbst wie zum Anderen. Wir schaffen uns Feindbilder, um etwas zu spüren, um der Spur der Sadisten zu folgen. Wir machen uns selbst zu Feindbildern. Aus der Anonymität heraus hassen wir das anonyme Unbekannte, ein Krieg der Gesichtslosen ohne Risiko, das eigene Gesicht zu verlieren. Bis dem einen oder dem Anderen der Kragen platzt, sie sich Luft, einen Namen, ein Gesicht schaffen wollen und heraustreten aus der Anonymität, aus der gesichtslosen Masse. Dann gibt es ein Massaker, einen Amoklauf, einen Terroranschlag, ein Selbstmordattentat – und die weißen Männer reiben sich die Hände, treiben die Manipulationsmaschinen an und uns weiter auseinander. Schritt für Schritt.
Die weißen alten Männer kennen keine Grenzen und Widersprüche lassen sie nicht gelten. Sie kommen immer durch mit allem, sie lassen sich nicht bremsen, bestenfalls beraten, einen Schritt nach dem nächsten zu tun, um weiter in einer weitgefassten Legalität zu bleiben. Sie werden für ihre Taten nicht zur Rechenschaft gezogen, vor kein Tribunal gestellt, sie wollen sich niemandem gegenüber verantworten, das Recht ist – nach ihrer Meinung und ihrem Willen – immer auf ihrer Seite, ansonsten wird es auf ihre Seite gebogen. Solange die Streitkräfte auf ihrer Seite stehen, haben sie wenig zu befürchten. Wir, die Statisten, müssen flexibel sein, uns den Umständen anpassen und dem Recht beugen, während sie ihren Kurs, ihre Standpunkte und Ansichten, ihre gesamte Persönlichkeit wie Statuten in Stein meißeln und zu Lebzeiten schon zu Monumenten und Statuen bauen. Ein beinahe biblisches Zeitalter, in dem die großen Monotheisten auf ihren unerreichbaren Thronen um das Kreuz auf dem (Halb-) Mond kämpfen. Und zwischendurch auch um das am Wahlzettel.
Wir sind hilflos, machtlos, kleine Würmchen, die immer weiter beschnitten und dabei beobachtet werden, wie sie sich wieder und trotz aller sadistischer Grausamkeiten in ihre Löcher zurückziehen. Wir können die Erhabenen nicht angreifen, nicht stürzen, nicht zum Umdenken bekehren. Wir können uns erheben, unser Gesicht zeigen, unseren Namen nennen, uns beim Namen nennen. Wir können demonstrieren, dass wir uns kennen, zusammengehören, eine Gemeinschaft sind, in dem Leid und Unrecht, die uns widerfahren, und uns als Menschen in unserem Menschsein respektieren und anerkennen. Trotz aller Unterschiede und Differenzen. Vorher wird es keinen Frieden geben, nicht einmal ernst gemeinte Verhandlungen. Wie ein Krieg endet, wissen nur die Toten.
Ich wünsche mir fürs nächste Jahr, dass wir an Brücken bauen, dass jede/r einen Beitrag leistet, um die sadistische Diktion der alten weißen Männer zu durchbrechen und unseren jeweils eigenen Duktus zu entwickeln, eine Sprache der Eigenständigkeit und des Verständnisses, keine eingefrorenen, teilnahmslosen Mienen, verminte Einzelzellen, Schutzzonen, kein Mimikry, sondern eine Mimik der Einladung, eine Geste des Empfangs. Alles fängt mit einer Geste an: eine Tür aufhalten, in der schließenden Türe stehen bleiben, wenn Heraneilende die letzte Bahn brauchen, ein paar Worte im Lift mit Unbekannten wechseln, ein Essen teilen, sich mitteilen, sich nicht teilen lassen, den Kopf erheben, wenn Unrecht verbreitet wird, aufzustehen, um Orte demonstrativ zu verlassen und nicht gezwungenermaßen, aufzustehen, um einzugreifen, wenn andere bedrängt werden. Indem wir zusammenwachsen, zusammen wachsen, schaffen wir Raum für neue Projekte. Bis zu den Sternen. Keine Bauprojekte, keine Kriegsprojekte, keine Hassobjekte. Wir schaffen Raum für alle, nehmen den öffentlichen Raum ein, indem wir am öffentlichen Raum teilhaben und teilnehmen. Wir nutzen den öffentlichen Raum, um uns als Gesellschaft, als Gemeinschaft zu sehen, die durch nichts bedroht ist außer durch den Sadismus der alten weißen Herren. Was mit einer kleinen Geste beginnt, kann Schritt für Schritt zu einem großen Wunder werden. Es ist an der Zeit, dass ein Wunder passiert.