„In irgend einem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Thiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmüthigste und verlogenste Minute der ,Weltgeschichte‘: aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Athemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Thiere mussten sterben.“ (Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. Stuttgart 2018. S. 9.)
Beim Bergsteigen geht es bekanntlich darum, Gipfel zu erklimmen. Dabei gilt: je höher wir hinaufwollen, desto bessere Vorbereitungen müssen getroffen werden, da es bei unzureichender Akklimatisierung zu akuter Höhenkrankheit kommen kann. Neben individuellen, körperlichen Faktoren spielt dabei auch der Umstand eine Rolle, dass die Luft beim Aufsteigen „dünner“ wird, was auf den abnehmenden Luftdruck zurückzuführen ist. Zwar bleibt der Sauerstoffgehalt der Luft bei etwa 21% unverändert, doch nimmt der Sauerstoffpartialdruck mit zunehmender Höhe ab, was den verfügbaren Sauerstoff beim Atmen reduziert. In 2400m Höhe beläuft sich die Verfügbarkeit auf etwa 75%, in 5500m nur mehr die Hälfte, in 8000m auf etwa ein Drittel im Vergleich zum Meeresniveau, weshalb ab etwa 6500 Höhenmetern neben der niveauweisen Akklimatisierung – vor allem für nichtprofessionelle Bergsteiger:innen – eine zusätzliche Sauerstoffversorgung empfohlen wird. Zur Besteigung des Mount Everest beispielsweise gibt es in über 5000m Höhe Basiscamps, in denen sich die Bergsteiger:innen für mehrere Tage akklimatisieren, bevor es über die sogenannte „Todeszone“ (7000-8000m) in Richtung Gipfel geht. Bei unzureichender Vorbereitung und Akklimatisierung kann es bereits ab geringeren Höhen zu Hypoxie, vermindertem Sauerstoffgehalt im Blut, und zur Höhenkrankheit kommen, die sich in Form von Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten, Benommenheit, Kurzatmigkeit und erhöhtem Puls bemerkbar macht. Die Folgen sind Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen. Die Luft, der Sauerstoff, das Atmen sind essentiell für unser (Über-) Leben. Nicht umsonst kennt der Buddhismus Atemmeditationen, die die Achtsamkeit gegenüber dieser grundlegenden Lebensfunktion erhöhen sollen, um unser Gleichgewicht zu finden und Stress abzubauen. Wir atmen ein und atmen aus.
Als im 4. Jahrtausend v. Chr. in Mesopotamien die ersten Zivilisationen und damit auch die ersten Städte und Staaten entstanden, entwickelten sich durch Erfindungen wie Rad und Wagen und die Abrichtung von Nutztieren auch Ökonomien, hierarchische und ideologische Systeme und Herrscherklassen, die sich im Laufe der Zeit über diverse Schriftsysteme – sozusagen Festlegungen, Setzungen, Gesetze – manifestierten und festigten. Mit den Zivilisationen entstand auch die Metallurgie, der Krieg, die Klassengesellschaft. Nach zögerlichem Beginn in der Menschheitsgeschichte fand aufgrund dieser Kumulationspunke (des Wissens, der Techniken, der „Beherrschung“) ab diesem Zeitpunkt eine rasante technisch-technologische Entwicklung statt, die im antiken Griechenland dann – auch aus humanistischer Sicht – eine erste Blütezeit erlebte, deren Früchte erstmals in der Aufklärung und dann vermehrt im ausgehenden 19. Jahrhundert von breiteren Schichten verkostet werden konnten. Dann folgten zwei Weltkriege, Diktaturen, die an Grausamkeiten bis dahin nicht einmal fantasiert werden konnten, ehe der Menschheit die vermeintliche Freiheit, die Befreiung aus dem Joch der Knechtschaft, gegeben werden konnte und Individualität und Selbstbestimmung zu mehr als theoretischen Konzepten wurden. Wir atmen ein und atmen aus.
Im 1. Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würden und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Solidarität begegnen.“ Die Geschichte des Menschen als freies Individuum ist keine von langer Dauer, nimmt in der Menschheitsgeschichte als praktische Umsetzung, als Realisierung eines theoretischen Konzepts keinen großen Raum ein und hat sich auch zu keiner Zeit über die Gesamtheit der Menschen ausgebreitet. Was sich einst über die herrschenden Klassen und später das Bürgertum erstreckte, wurde für den Großteil – und das spätestens über die letzten dreißig Jahre – zu einem kapitalistischen Konstrukt, in das wir uns verlaufen, verirren, wenn wir meinen, unsere Individualität auszuleben. Individuelle Reiseziele, individuelle Modegeschmäcker, individuelle Musik- oder Nahrungsvorlieben, bevorzugte Restaurants oder Wohnviertel, Berufswünsche usw., alle Möglichkeiten aus einem dargebotenen Angebot auszuschöpfen, macht aus uns noch kein freies, unabhängiges, selbstbestimmtes, eigenermächtigtes Individuum. Wir sind nicht frei geboren, wir liegen überall in den Ketten (Rousseau) der vorherrschenden ideologischen Systeme, die uns eingeprägt werden wie unser Name in ein Dokument, die unsere Identität bestimmen, von der aus wir die Differenzierung erlernen. Auch die Menschenrechte – so gut sie auch gemeint sind, vor allem aber aus heutiger Sicht – teilen die Menschen in zwei Klassen: diejenigen, für die sie Gültigkeit haben und die dafür eintreten, dass an deren Realisation weitergearbeitet wird und diejenigen, auf die sie in keiner Art und Weise zutreffend sind. Auch wenn sie das Beste für jeden Menschen im Auge haben, wünscht sich nicht jede/r das Beste für ausnahmslos alle.
Die Zeit der Befreiung des Individuums, der Individualisierung, (über)dauerte nur wenige Jahrzehnte. Mag sein, dass sie aus einer „natürlichen“ Entwicklung in einer Zeit erfolgte, oder aber auch ein Experiment, eine Vorbereitung, eine Entgleisung oder Teil eines größeren Plans war, der sich unserer Vorstellung entzieht. Vielleicht ging der Aufstieg der Individualität für uns wie auch die Herrschenden zu schnell vonstatten und ein Höhenrausch, die Höhenkrankheit machte sich breit, vielleicht entglitten wir sogar den Machtsystemen aus ihrem festen Griff, aus ihrer Vorsehung für uns und sie errichteten ein Basiscamp in Form von Isolation und Ausgangssperren während der Corona-Pandemie. Der Gipfel ist hinter Wolken verborgen und niemand weiß, ob wir von selbst oder nur durch starke Führer hinaufgelangen werden oder ihn überhaupt erklimmen können – sofern es einen Gipfel gibt. Um selbst einmal verschnaufen zu können, hängten sie uns eine Lungenkrankheit an. Es ist auffällig, dass in Gesprächen – ohne Zufuhr externer Stoffe – kaum noch Euphorie, Optimismus, Enthusiasmus vorhanden ist, alle klagen über ähnliche Symptome: es fehlt die Luft zum Atmen, ein einengendes Gefühl schnürt sich um den Brustkorb, das Gefühl der inneren Freiheit und Unbekümmertheit ist verloren gegangen. Panikatmung, Luftknappheit, keine Zeit zur Atmungsregulierung, zur Akklimatisierung, wie bei Hamstern, die ihr Rad nicht verlassen können. Ob diese Symptome von überstandener Krankheit stammen oder ob sie der derzeitigen (welt)politischen und ökonomischen Situation verschuldet sind, kann jede/r nur für sich entscheiden. Wir atmen ein und atmen aus. Ein Atemzug. Dann sind wir fort.
„Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind [...].“ (Ebda. S. 15.)