29/07/2025

Die Humanwissenschaften sind in der Menschheitsgeschichte, in der Wissenschaftsgeschichte moderner Zivilisationen, eine relativ junge Disziplin, die den Mensch ins Zentrum wissenschaftlicher Forschung stellt. Ging es anfänglich hauptsächlich um die erkenntnistheoretische Beziehung des Subjekts zur Außenwelt, zum Objekt, rückte im Laufe der humanwissenschaftlichen Entwicklung immer mehr die Beziehung zum Anderen als erkenntnistheoretische Möglichkeit oder gar Notwendigkeit in den Fokus.

29/07/2025

ohne Titel, 2025

©: Severin Hirsch

„[D]er Mensch ist nicht das älteste und auch nicht das konstanteste Problem, das sich dem menschlichen Wissen gestellt hat. […] Tatsächlich hat unter den Veränderungen, die das Wissen von den Dingen und ihrer Ordnung, das Wissen der Identitäten, der Unterschiede, der Merkmale, der Äquivalenzen, der Wörter berührt haben – kurz inmitten all der Episoden der tiefen Geschichte des Gleichen –, eine einzige, die vor anderthalb Jahrhunderten begonnen hat und sich vielleicht jetzt abschließt, die Gestalt des Menschen erscheinen lassen. […]  [E]s war die Wirkung einer Veränderung in den fundamentalen Dispositionen des Wissens. Der Mensch ist eine Erfindung, deren junges Datum die Archäologie unseres Denkens ganz offen zeigt. Vielleicht auch das baldige Ende.“ (Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Frankfurt am Main, 1997. S. 462.)

Ab dem 16. Jahrhundert entwickelte sich aus dem Humanismus der Renaissance sehr zaghaft etwas, das sich im 20. Jahrhundert unter der Bezeichnung „Humanwissenschaften“ etablierte und den Menschen, seine Handlungen, seine Beziehung zur Außenwelt, zum Anderen in den Fokus wissenschaftlicher Betrachtungen rückte. Descartes res cogitans als denkende Substanz, die Entstehung der Anatomie, später dann Darwins Evolutionstheorie waren vereinzelte Wagnisse, die menschliche Vernunft und die Stellung des Menschen im Leben langsam aus der göttlichen Gnade und Abhängigkeit herauszulösen. Anfänglich stand dabei noch der Gegensatz, die Beziehung von Subjekt und Objekt im Vordergrund, die „Subjekt-Objekt-Spaltung“ (ein Ausdruck Jaspers, dessen Fundament in der Philosophie Kants liegt), die Frage nach der Möglichkeit objektiven Wissens trotz subjektiver Erfahrbarkeit der Außenwelt. „Allen diesen Anschauungen ist eines gemeinsam: sie erfassen das Sein als etwas, das mir als Gegenstand gegenübersteht, auf das ich als auf ein mir gegenüberstehendes Objekt, es meinend, gerichtet bin. Dieses Urphänomen unseres bewußten Daseins ist uns so selbstverständlich, daß wir sein Rätsel kaum spüren, weil wir es gar nicht befragen. Das, was wir denken, von dem wir sprechen, ist stets ein anderes als wir, ist das, worauf wir, die Subjekte, als auf ein Gegenüberstehendes, die Objekte, gerichtet sind. Wenn wir uns selbst zum Gegenstand unseres Denkens machen, werden wir selbst gleichsam zum anderen und sind immer zugleich als ein denkendes Ich wieder da, das dieses Denken seiner selbst vollzieht, aber doch selbst nicht angemessen als Objekt gedacht werden kann, weil es immer wieder die Voraussetzung jedes Objektgewordenseins ist.“ (Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie. München, 1989. S. 24f.) Da die Beweisbarkeit objektiver Tatsachen, die erkenntnistheoretische Generierung objektiven Wissens gerade in den Humanwissenschaften ein schier unmögliches Unterfangen darstellte, wurde über die Phänomenologie Edmund Husserls der Begriff der „Intersubjektivität“ hinzugefügt. Bei diesem Begriff handelt es sich weniger um die wissenschaftliche Beweisbarkeit von Tatsachen und Erkenntnissen, sondern – ähnlich der Konvention – um gemeinsame Übereinstimmung, um geteilte Bedeutung als Ergebnis sozialer Interaktion und Kommunikation der Subjekte untereinander.

Durch den Prozess der Objektivierung als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen verlor der Mensch seine heilige, göttliche Stellung im Universum und als Objekt wurden nunmehr die geistigen und körperlichen Funktionsweisen bis in die verborgensten Sphären durchleuchtet. Begriffe wie die „Würde“ und die „Unantastbarkeit“ des Menschen gewannen im gleichen Atemzug zunehmend an Bedeutung. Wurde der Mensch als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen anfänglich innerhalb einer „Geschichte des Gleichen“ als isoliertes Subjekt im Bezug zur objektiven Außenwelt erörtert, spielte in weiterer Folge auch die soziale Interaktion im Objektivierungsprozess eine immer größere Rolle. In seinem unter deutscher Besatzung geschriebenen Hauptwerk Das Sein und das Nichts wies Sartre dem Blick einen zentralen Stellenwert in der Objektivierung des Subjekts zu. Der Blick des Anderen, das vom Anderen Erblickt-Werden objektiviert mich mir als Subjekt, macht mich mir selbst zum Objekt. Durch den Blick des Anderen verliere ich mir gegenüber den Subjektcharakter und werde so zum Objekt meiner eigenen Betrachtungen. Ich werde zu einem Sein-für-Sich im Verlust des Seins-an-Sich, werde aus der Totalität der Erfahrungen herausgerissen und verliere zudem noch die Freiheit. Was bleibt, ist die Scham – im Erblickt-Werden vom Anderen, im Objektivierungsprozess meiner selbst. Auch auf diese Weise, in Form eines äußerlichen Subjekts, bekommt das Andere so Zutritt zum Eigenen. „Die Hölle, das sind die anderen“, heißt es daher nicht umsonst in Sartres Drama Geschlossene Gesellschaft – nicht nur, weil sie uns die Freiheit nehmen und uns mit Scham erfüllen, auch weil durch sie Unaufrichtigkeit, Lügen und Selbstlügen aufkommen. „Das Faktum des Andern ist unbestreitbar und trifft mich mitten ins Herz.“ (Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Reinbek 1993. S. 494.)

Emmanuel Lévinas geht in seinen Betrachtungen noch einen (radikaleren) Schritt auf den Anderen zu. Bei ihm ist das Antlitz das Gegenblickende, sogar – in seiner Fremdheit, in seiner Andersheit – das radikal Entgegenblickende, sowohl in Raum und Zeit als auch in seiner Darstellbarkeit. Das Andere kann in diesem Sinne nicht als Anderes erfasst werden, es bricht in unsere Erfahrung ein und eröffnet so den Raum der Transzendenz. „Das Wunder des Antlitzes rührt her vom Anderswo, von wo es kommt und wohin es sich auch schon zurückzieht. Aber diese Ankunft von Woanders verweist nicht symbolisch auf dieses Woanders als Zielpunkt. Das Antlitz stellt sich dar in seiner Nacktheit, es ist nicht eine Gestalt, die einen Hintergrund verbirgt und eben dadurch auf ihn verweist […]. Der Andere kommt her vom unbedingt Abwesenden. Aber seine Verbindung mit dem absolut Abwesenden, von dem er herkommt, bezeichnet dieses Abwesende nicht, enthüllt es nicht; und dennoch hat das Abwesende im Antlitz eine Bedeutung.“ (Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie. München 2007. S. 227.) Für Lévinas ist die Erfahrung des Anderen – selbst in dessen Abwesenheit – fundamental und ausschlaggebend für (s)eine Ethik und er rückt das Subjekt der Erfahrung zugunsten Alterität des/der Anderen aus dem Zentrum, um so einem zu starken Individualismus (und damit einhergehenden Egoismus) Vorschub zu leisten.

Die Ablösung der Wissenschaften aus der Vorsehung Gottes und die Entstehung der Humanwissenschaften mit dem Fokus auf den Menschen, das Menschsein, haben Erkenntnisobjekte etabliert und den Menschen selbst zum Gegenstand der Betrachtungen gemacht. Ging es zu Beginn noch darum, die Beziehung des isolierten Subjekts zur Außenwelt und die Möglichkeiten der Erkenntnis zu eruieren, rückte später die Beziehung zu anderen, zum Anderen als Erkenntnisform und generelle Erkenntnismöglichkeit/-notwendigkeit in den Mittelpunkt. Das Andere als Teil der menschlichen Sozietät, als Teil der (geteilten) Beziehung zur Außenwelt, die potenzierte Relationalität wurde essentieller Bestandteil humanwissenschaftlicher Theorien. Nun verhält es sich mit philosophischen Theorien wie mit politischen Ideologien: wir können mit ihnen sympathisieren, ihnen zustimmen oder sie ablehnen; manche sind unserem Denken verwandt, andere wiederum fremd, manche basieren auf Inklusion, andere auf Exklusion. Es gibt keine richtigen oder falschen Ansätze, sofern sie nicht vorsätzlich auf Betrug, Lügen oder Selbstlügen fundieren oder das Andere vehement ausklammern. Das zumindest sollten wir überprüfen, wenn schon nicht durch Informationen, dann wenigstens durch logische Beweisführung. Der fremde Blick, das abwesende Antlitz, kann uns immer treffen und beobachten, und die Verantwortung für unsere Meinungen soll keinen Anlass zur Scham geben. Es ist wichtig, dass die eigene Meinung als Äußerung, als Veräußerung meiner selbst auch dem fremden, objektivierenden Blick standhält, ihn einschließt, dass sie diskussionswürdig ist und zu einem allgemeinen Diskurs beiträgt. Dafür bedarf es neben dem wachsamen Blick des Anderen auch des aufmerksamen Ohrs eines Selbst. Meinungen gibt es ja angeblich so viele wie Menschen oder wie Sand am Meer. Das darf getrost bezweifelt werden zu einem Zeitpunkt, an dem die Diversität, die Meinungsvielfalt, die Disposition von Wissen, von Informationen durch das Machtdispositiv immer mehr ins Verschwinden gerät.

„Wenn diese Dispositionen verschwänden, so wie sie erschienen sind, wenn durch irgendein Ereignis, dessen Möglichkeit wir höchstens vorausahnen können, aber dessen Form oder Verheißung wir im Augenblick noch nicht kennen, diese Dispositionen ins Wanken gerieten, wie an der Grenze des achtzehnten Jahrhunderts die Grundlage des klassischen Denkens es tat, dann kann man sehr wohl wetten, daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.“ (Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Ebda.) 

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