Wolkenschaufler_95
Milica Tomić, Gibt es etwas auf dieser Welt, für das du bereit wärst, dein Leben zu geben?, 2025
© Foto: Wenzel Mraček
Milica Tomić, Aktenzeichen XY... Ungelöst – Reconstruction Of The Crime, 1996/97, Videostill
© Foto: Wenzel Mraček
Milica Tomić, One Day, Instead of One Night, a Burst of Machine-Gun Fire will Flash, if Light Cannot Come Otherwise, 2009, Detail
© Foto: Wenzel Mraček
Eine Plastik, die an einen Knoten erinnert, bildet das Zentrum der Ausstellung. Die Form des Knotens übernahm die Künstlerin Milica Tomić von einem Entwurf für Tapisserien ihrer Mutter Marija Milutinović. Im Konzept der Arbeit bezieht sich Tomić aber auch auf ein Sinnbild des Psychoanalytikers Jaques Lacan, der den Terminus des „Borromäischen Knotens“ nach einem Wappen der italienischen Familie Borromeo einführte. Das Bild von drei miteinander verbundenen Ringen steht bei Lacan für das Imaginäre, das Symbolische und das Reale, die drei Teile des Unbewussten jedes sprechenden Subjekts bilden. Gibt es etwas auf dieser Welt, für das du bereit wärst, dein Leben zu geben? nennt Milica Tomić ihre in diesem Jahr entstandene Plastik, die gemeinsam mit Wissenschafter:innen der Technischen Universität Graz entwickelt wurde. Hüllrohre aus einem 3D-Drucker tragen Elemente aus gebranntem Ton, die durch ein organisch wachsendes Myzel verbunden sind.
Seit 2014 ist die 1960 in Belgrad geborene Milica Tomić Leiterin des Instituts für Zeitgenössische Kunst an der Technischen Universität in Graz. Mit ihren Arbeiten thematisiert die Künstlerin vor allem Fragen um politische, wirtschaftliche und strukturelle Gewalt. Jeweils auf Recherchen basierend, setzt sie ihre Konzepte in den Medien Fotografie und Video um. Respektive sind es didaktisch angelegte Installationen, in denen sie Literatur und Dokumente zur Schau stellt, wie etwa zu den großformatigen Fotografien der Delegationsleiter*innen der 1. Konferenz der Bewegung der Blockfreien Staaten in Belgrad am 05.09.1961.
Und freilich ist es auch immer wieder die Auseinandersetzung um die Kriege in Jugoslawien. Individuelle und kollektive Traumata infolge von Kriegsverbrechen werden assoziativ vergegenwärtigt. Ein Video (Aktenzeichen XY … Ungelöst – Reconstruction Of The Crime, 1996/07) beispielsweise erinnert an den 28. März 1989 als Bürger*innen Jugoslawiens im Kosovo gegen die Änderung der serbischen Verfassung protestierten. Die serbische Polizei tötete 33 Personen. Mittels Fotos der Opfer rekonstruierte Tomić deren Kleidung, die im Video von Kulturschaffenden aus Belgrad getragen wird. In einem Video (in der Sammlung der Neuen Galerie Graz) von 1999 sieht man die Künstlerin selbst wie sie, auf einer rotierenden Plattform stehend, in verschiedenen Sprachen immer wieder sagt: „Ich bin Milica Tomić“. Während die Person Tomić ihre Identität behauptet, erscheint ihr Körper dabei mehr und mehr verwundet.
Eine Fotostrecke dagegen zeigt, wie die Künstlerin 2009 mit einem Sturmgewehr in der Hand zwei Monate lang durch Belgrad ging. Sie suchte Orte auf, an denen Mitglieder der Volksbefreiungsbewegung während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg antifaschistische Aktionen durchführten. Die Intention war, mit solcher Geste Aufmerksamkeit für nicht offensichtliche faschistische Strukturen zu erregen.[1]
Einer Allegorie auf Vergangenes kommt Knotworks (2025) gleich. Wieder sind es Knoten oder Verknüpfungen, ein Gewebe oder eine Textur, die assoziativ zur eigenen Identität, Politik und Geschichte führen. Die Mutter der Künstlerin, Marija Milutinović, war Schauspielerin. Ihren Beruf hatte sie aufgegeben und begonnen, Wandteppiche in Anlehnung an serbische Traditionen zu weben. Sie selbst hat diese Tapisserien später aber zerstört und es existieren davon nur mehr Fotografien. Eines der verschwundenen Objekte besteht nun in großformatiger Reproduktion. Ein Video aus dem Jahr 1999 (Portrait of My Mother, 64 min.) zeigt Milica Tomić‘ Weg von ihrer Wohnung zu der ihrer Mutter durch die Straßen Belgrads. Während ein Gespräch der beiden um Politik und den Zerfall Jugoslawiens zu hören ist, handeln die mit subjektiver Kamera aufgenommenen Bilder vom Alltag unter den Bedingungen des Krieges.
[1] Mir ist ein nicht in der Ausstellung gezeigtes Video von One Day, Instead of One Night, a Burst of Machine-Gun Fire will Flash, if Light Cannot Come Otherwise bekannt. Darin wirken Passanten auffallend uninteressiert gegenüber der Frau, die mit einem Gewehr durch die Stadt geht – q. e. d.