Unter dem Titel BLOOM[1] behandelt das Universalmuseum Joanneum in „10 Ausstellungen“ an „8 Standorten“[2] bis zum Herbst diverse Aspekte um das Thema Blumen. Von mittelalterlichen Erzählungen, von Kunstwerken und Installationen handeln die Ausstellungen, von Kulturgeschichte der Flora beziehungsweise, wie im Naturkundemuseum, von Botanik im engeren Sinn, wenn es um das „Liebesleben der Pflanzen“ geht.
Nach schon naturwissenschaftlicher Methodik nähert sich die Grazerin Hildegard Könighofer der jeweiligen Anatomie von Ragwurz-Arten (Ophrys, Familie der Orchideen) im Eingangssaal der Neuen Galerie. Im Rahmen der Ausstellung Analytische Schönheit. Blumenbilder aus 200 Jahren zeigt Könighofer ein Konvolut von Ophrys-Blüten, die sie auf Reisen zur Feldforschung in Friaul-Julisch Venetien, Istrien und der Kvarner Bucht, Dalmatien, Korsika, Sardinien, in Apulien und Sizilien seit 2006 zunächst fotografierte und zuhause in malerische Grafik (Bleistift, Aquarell, Farbstift, Tusche) übertrug. Die Serie umfasst mittlerweile 270 Blätter verschiedener Arten der Gattung Ophrys inklusive Hybriden, wozu gerade auch ein Buch[3] erschienen ist.
Die einzelnen Blätter zeigen die gemalten Blüten in etwa zehnfacher Vergrößerung. Dazu, auf demselben Blatt, jeweils eine Zeichnung der Spezies in Schwarzweiß und Originalgröße (die Ophrys sind sehr klein und mit freiem Auge in ihren Details kaum zu erfassen) und Vermerke in Bleistift um die Art (respektive botanisch noch nicht verifizierte, daher vermutete), Fundort, Datum der fotografischen Aufnahme und Zeitraum der malerischen Umsetzung. Putzig gewissermaßen wirken die Ophrys, scheinen Augen, Flügel und Körper wie Insekten zu haben. Die Ragwurz-Arten sind „Sexualtäuscher“ und ahmen Form, Farbe, Behaarung und vor allem den Duft von Bienen, Hummeln, Wespen und Fliegen nach. Sie blühen während der Schlüpfzeit männlicher Insekten, die kopulieren und Pollen übertragen.
Die Reise … Through „The Secret Life of Plants“[4] führt aber weiter zurück zu „bislang noch nicht gezeigten Blumendarstellungen aus der Sammlung der Neuen Galerie“. Interessant wäre es zu wissen, wie ein „Malereihandbuch des Senfkorngartens“ von 1679 an die NG gekommen sein mag. Dazu gibt es in der Ausstellung allerdings keine Erläuterung. Zu sehen sind kolorierte Holzschnitte eines Buches, das von den chinesischen Künstlern Wang Gai und Li Liufang vor nun 347 Jahren[5] herausgegeben wurde und das später von Zhu Sheng und Wang Zhi[6], „Vertreter bedeutender Schulen der chinesischen Malerei“, ergänzt wurden. Auf den Holzschnitten von Blumen und Pflanzenmotiven finden sich auch Gedichte aus dem 9. und 11. Jahrhundert, die vom Wesen des Menschen in der Natur handeln.
Die Kunst des Ikebana (Blumenarrangements) war in Japan ursprünglich nur Männern – Adeligen, Samurai und Priestern – vorbehalten. Erst im 19. Jahrhundert wurde Ikebana auch von hochrangigen Kurtisanen praktiziert und fand Eingang in die Wohnbereiche des Bürgertums. Beispiele japanischer Malerei zeigen Kimono tragende Frauen, umgeben von floralen Motiven, die, sagt uns der Wandtext, einerseits Sinnbilder für die kosmische Ordnung sind, andererseits aber auch Werbesujets, mit denen im Japan des 19. Jahrhunderts schon Kleidung und Kosmetik beworben wurden.
Dass als Vorläufer der Landeskunstschule (gegründet 1907) in der Steiermark seit 1787 eine Ständische Zeichnungsakademie bestand, erfahre ich auch erst aus dieser Ausstellung. Finanziert durch die steirischen Landesstände, wurde die Zeichenschule von Johann Veit Kauperz nach dem Vorbild der Wiener Akademie gegründet. Die Ausbildung mit Schwerpunkt Zeichnung war deutlich am Klassizismus der Gründerzeit orientiert und in der Schau wird eine Reihe von anonymen, mit Stempel versehenen Pflanzenstudien aus dem „Blumenfach“ gezeigt.
Mit Blumenstillleben, Bouquets, ist neben anderen der Wiener Maler Johann Knapp (1778 -1833) vertreten. Zu seinen Alpenblumen in einer Glasschale (1810) ist eine, die einzelnen Pflanzen ausweisende, Legende beigegeben. Dargestellt sind Alpenpflanzen aus der steirischen Bergwelt mit einer Ausnahme: Die Saxifraga catyledon wächst vor allem in den Westalpen (am Foto links oben mit weißen Blüten).
[1] … und ich kann’s nicht lassen, weil ich ein Wolkenschaufler bin: Das englische bloom kann mit blühen, er- oder aufblühen übersetzt werden. Höre ich aber bloom, spielt mir mein phonetisch umwölktes Gehirn den norddeutsch artikulierten Plural von Blume vor.
[2] „8 Standorte“ heißt es in der Presseaussendung. Mit Kunsthaus Graz, Neue Galerie Graz, Naturkundemuseum, Volkskundemuseum am Paulustor, Schloss Eggenberg, Österreichischer Skulpturenpark, Schloss Stainz, Schloss Trautenfels, Österreichisches Freilichtmuseum Stübing zähle ich neun Standorte.
[3] Jakely & Könighofer (Hrsg.): Hildegard Könighofer. Ophrys Portraits 2006 – 2026. Weitra (Bibliothek der Provinz) 2026. 344 Seiten, ISBN 978-3-991264-36-1
[4] Stevie Wonder's Journey Through "The Secret Life of Plants" (1979) hat zwar nichts mit der Ausstellung zu tun, passt dem Wolkenschaufler aber gut für eine weitere Fußnote.
[5] Der Untertitel der Schau nennt doch „Blumenbilder aus 200 Jahren“, allerdings verfügt die Sammlung der Neuen Galerie offenbar auch über ältere Beispiele.
[6] Als Kunsthistoriker kann ich ja auch nicht alles wissen und muss hier gestehen, dass mir Wang Gai et. al. bislang völlig unbekannt waren und ich mich auf die Wandtexte der Ausstellung verlassen muss. Auf der Suche nach Wang Zhi gibt eine Website der Universität Wien Auskunft über einen chinesischen Piraten, Händler und Schmuggler dieses Namens, der im 16. Jahrhundert chinesische Seide nach Japan brachte, im Austausch gegen japanisches Silber.
Ausstellung:
Analytische Schönheit. Blumenbilder aus 200 Jahren. Bis 4. September 2026, Neue Galerie Graz.