Unzählige Fotografien, überwiegend im Format 75 × 55 mm, zeigen Grazer Passant:innen am Jakominiplatz, Haupt- und Kaiser-Josef-Platz, am Eisernen Tor, Joanneum- und Opernring, im Stadtpark und weiteren Orten der Innenstadt. Überwiegend sind es Dreiersequenzen, die die abgelichteten Personen bewegt, wie im Film, erscheinen lassen, und die in der Zeit zwischen 1929 und 1932 angelegt wurden.
Nach inzwischen etlichen Ausstellungen zu Themen um historische Fotografie hat die Sammlerin, Kuratorin und Fotokonservatorin Mila Palm nun im Museum für Geschichte eine Schau aus der eigenen Kollektion erstellt, die von Grazer „Gehfotografen“ beziehungsweise „Gehfilmern“ und vor allem deren Geschäftsmodell zur Zeit der Weltwirtschaftskrise nach dem New Yorker Börsencrash im Oktober 1929 handelt. Ein offenbar internationales Phänomen, dem man vor allem in Großstädten wie Berlin oder in touristisch frequentierten Orten wie Nizza begegnete, nach Erläuterung Mila Palms ungefähr in der Zeit zwischen 1927 und 1935. Die Fotografen positionierten sich mit Kamera und Stativ an öffentlichen Orten mit hoher Fußgängerfrequenz. Von Passant:innen wurden je drei Fotos in Serie geschossen und darauf, wie im Fall der Grazer Firma Fritz Taufers, mit dem Hinweis „Sie sind gefilmt worden!“ eine Karte überreicht, darauf laufende Bildnummer und die Verständigung, die Fotografien seien in zwei Tagen bei „J. Koch’s Söhne“ am Grazer Hauptplatz 10, um „S 1.50“ zu erwerben.
Abgesehen von technischen Neuerungen um Kameras und Rollfilm – in die Abzüge der Kleinbilder wurde ein Filmstreifen eingeblendet, der an die Stummfilm-Kadrierung und seitliche Perforierung der 35-mm-Kinofilme erinnerte – vermutet die Kuratorin, dass nicht zuletzt aufgrund der Rezession die Nachfrage nach aufwendiger und vergleichsweise teurer Studiofotografie stagnierte. Die „Gehfotografie“ – und man könnte durchaus an frühe Street Photography denken – dürfte auf großen Zuspruch gestoßen sein, nachdem Palms Sammlung aus 1200 Objekten besteht, die nicht bei den Fotografen abgeholt worden waren, und sie vermutet demnach eine Gesamtproduktion von mehr als 10.000 Fotos, die in Graz aufgenommen wurden. Man müsste bedenken – und das im Vergleich zu unserer heutigen Praxis dauernden Fotografierens und Filmens mit Smartphones –, dass zur Zeit der „Gehfilmer“ das eigene Bild aus Alltagssituationen eine Besonderheit darstellte beziehungsweise, wenn überhaupt eine private Kamera vorhanden war, die Technik des Fotografierens einige Kenntnis verlangte. Die Professionisten dagegen, führt Mila Palm aus, verwendeten beispielsweise die 1928 von Gerhard Steinborn in Deutschland patentierte „AKICE – Steinborn’s Geh-Film-Aufnahmen“. Von den Grazer „Gehfilmern“ Fritz Taufer und Jos Hasler weiß die Sammlerin, dass sie mit Mittelformatkameras arbeiteten und sie vermutet, es handelte sich um ein ARKA Modell, entwickelt 1924 von Oskar Messter – eine automatisch arbeitende Rollfilmkamera, die für Aufnahmen aus der Luft verwendet wurde. In der Ausstellung auch zu sehen ist eine in den 1910er Jahren in Italien konstruierte, kompakte Hybridkamera, die in der Folge von der französischen Firma André Debrie bis 1927 produziert wurde. Die Debrie Sept belichtete 35mm Film und verfügte über sieben (franz. Sept) Funktionen: Einzelbild, Sequenzen und Film, mittels Adapter war die Sept auch Vergrößerer und Filmprojektor.
Viele Personen auf den Grazer Fotografien sind warm gekleidet, was darauf schließen lässt, das in den meisten Fällen im Herbst und Winter auf der Straße fotografiert wurde. Die Fotografen dürften entsprechend Publikumsaufkommen auch von der Grazer Herbstmesse profitiert haben, die seit 1906 stattfindet und die damals schon etwa 60.000 Besucher:innen zählte. Durchwegs wirken die abgebildeten Personen freudig überrascht, posieren manchmal sogar, was darauf schließen lässt, dass die Begegnung mit dem Fotografen weitgehend akzeptiert wurde und das Angebot, eine Fotografie von sich selbst in alltäglicher Situation zu erwerben im Vergleich zur bis heute entwickelten Haltung als gewollt, wenn nicht als kleine Sensation zu betrachten ist.