Samstagvormittag, Graz-Paris: Ein Gespräch mit dem Architekten Dietmar Feichtinger, der Ende der 1980er von Graz nach Frankreich ging. Gemeinsam mit Barbara Feichtinger-Felber gründete er 1994 ein Architekturbüro in Paris. Mittlerweile ist Feichtinger Professor an der TU Wien und Dietmar Feichtinger Architects (DFA) international mit ausgeprägtem Sinn für Ingenieurswesen und Ästhetik etabliert.
Nach dem Studium an der TU Graz zog es den Architekten bewusst in größere Maßstäbe und komplexere urbane Zusammenhänge. Dietmar Feichtinger wollte „raus aus der kleinen Stadt“. In Frankreich fand er nicht nur die gesuchte, gesellschaftliche Wertschätzung der Architektur: Viele Kommunen behandelten Architektur als politisches und öffentliches Thema und damit als Aufgabe, die über Wahlperioden hinaus Bestand hatte. Paris bot damals jungen Büros reale Handlungsspielräume. Durch Wettbewerbe und staatliche Programme war es möglich, früh an Aufträge zu gelangen. „Es gab große Bauaufgaben. Architektur war dort ein gesamtgesellschaftliches Thema“, erklärt Feichtinger und ergänzt, dass das eine gewisse Parallele mit Graz hatte. „Ich habe in Graz bei Eilfried Huth, Volker Giencke und Klaus Kada gearbeitet. Da wurden sehr viele Wettbewerbe gezeichnet. Projekte waren im Gegensatz zu heute für kleinere Büros über diese noch zugänglich.“
Wie funktioniert die Architekturpraxis heute und welche Ansprüche formulieren junge Mitarbeiter und Studierende?
Während Feichtingers eigene Anfangszeit durch Wettbewerbsdruck, lange Arbeitszeiten und persönliche Verausgabung geprägt war, legen die jüngeren Architekt:innen heute mehr Wert auf Organisation und Arbeitsbedingungen. „Tatsächlich haben junge Architekt:innen genug davon, sich an Star-Architekten zu orientieren“, das merke er auch in seinem Büro. „In unserer ein wenig übertriebenen Begeisterung haben wir uns wahrscheinlich am Anfang nicht wirklich gut organisiert. Die neue Generation kann das wesentlich besser, da viele in Kollektiven arbeiten“, so Feichtinger. Qualitativ sei das nicht schlechter. Es gäbe grundsätzlich einen Wandel des Architekturverständnisses und damit auch in der Architekturausdrucksform. Aktuell dominiere eher alltägliche Architektur, kaum spektakuläres. Gleichzeitig verschärfen sich die Zugangsbedingungen zum Markt durch Referenzanforderungen und wirtschaftliche Kriterien, was insbesondere klassische mittelgroße Bürostrukturen unter Druck setzt, allerdings kollektive Arbeitsformen begünstigt.
Für Feichtinger sind Architekt:innen vor allem Vermittler:innen komplexer Zusammenhänge. Er beschreibt die Disziplin nicht als spezialisierte Fachleistung, sondern als integrative Kompetenz, die Licht, Raum, Kontext, Konstruktives und Nutzung zusammenführt. Eine Haltung, die zunehmend infrage gestellt wird. „Bauherr:innen und Verfahren verlangen klar definierte Expertisen, während Architektinnen traditionell generalistisch arbeiten.“ Feichtinger sieht darin ein strukturelles Missverständnis, das auch die Position der Architektur gegenüber der Bauindustrie und den technischen Fachplaner:innen schwächt. Wer sich dieser Logik unterwirft, riskiert die eigene gestalterische Bandbreite. Gemeint ist: Wer sich zu sehr spezialisiert, verliert die Fähigkeit, Zusammenhänge neu zu denken. „Routine kills creativity“, nennt Feichtinger das.
Können Sie mit Kreislaufwirtschaft und der Umbauwende etwas anfangen?
Im Umgang mit Nachhaltigkeit plädiert Feichtinger für eine differenzierte Haltung. Er kritisiert vereinfachende Konzepte wie radikale Materialdogmen oder rein energetische Optimierungen, wenn diese die räumliche Qualität beeinträchtigen. „Mit Einschränkungen, ja. Eine Spannweite von 4,50 Meter im Holzbau zum Beispiel ist vernünftig. Aber wenn ich jetzt meine ganze Welt mit 4,50 Meter modular organisiere, dann komme ich sicher nicht zu den Räumen, die Wohlbefinden ermöglichen.“
Aktuell erweitern DFA eine bestehende Brücke in Nantes. Sie überzeugten die Stadt von dem Erhalt und schlugen eine Ergänzung vor, die den Anforderungen an neue Verkehrsströme gerecht wird. Architektur müsse selbstverständlich ökologische Verantwortung mit Nutzungsqualität verbinden. Die Herausforderungen bei der Erweiterung bestehender Strukturen oder der Wiederverwendung von Bauteilen zeigen für ihn allerdings, dass nachhaltiges Bauen immer eine Abwägung bleibt und keine universelle Lösung kennt. „Wir versuchen bei DFA durchaus so viel wie möglich zu erhalten. Gleichzeitig möchten wir aber neue, räumlich zugängliche und offene Gebäude erzeugen. Die Annahme mit einer Runderneuerung wäre alles gut, ist einfach falsch.“ Bei dem Vergleich, ob Neubau oder Umbau, sei wichtig, dass das architektonische Element berücksichtigt wird. „Wenn die Architektur nicht ein maßgeblicher Aspekt ist, dann kommt man unter Umständen zu anderen Schlüssen.“
„Wir müssen wieder lernen, Architektur als Priorität zu begreifen.“ Feichtinger stellt die zentrale Frage nach der zukünftigen Rolle der Architekt:innen in der Gesellschaft. In der Lehre an der TU Wien sieht Feichtinger seine Rolle in der Weitergabe dieser Haltung. Neben digitalen Werkzeugen betont er die Bedeutung von Handzeichnung, Modellbau und konstruktivem Verständnis, um ein räumliches Bewusstsein zu entwickeln. Technisches Wissen ist für ihn Voraussetzung, um mit Ingenieur:innen auf Augenhöhe zu arbeiten und Materialeinsatz sinnvoll zu steuern. Mehr noch geht es ihm aber um strukturelles Verstehen der Zusammenhänge „Durch die Präsenz von AI und der sozialen Netzwerke, werden die Räume, die wir tatsächlich begehen, benutzen, die wir teilen – die öffentlichen Räume – einen beträchtlichen Stellenwert bekommen.“
Was zeigen Sie in der Ausstellung in New York?
„Wir beziehen uns auf die Eigenschaft der Architektur als connective system, mit dem Blick voraus.“
Ein Vorschlag für den Weg zu einer besseren Architektur?
„Wir müssen wieder über Architektur sprechen. Genauer: über Raum und seine vielfältigen Qualitäten." Denn während über Baukosten, Prozesse und Effizienz permanent gesprochen wird, bleibt Wesentliches auf der Strecke. „Diese Leerstelle müssen wir besetzen. Da gibt es für uns Architekten viel zu holen. Wir sollten uns aufraffen und uns als Generalisten sichtbar machen – eine Chance für Architekt:innen aller Generationen.“