06/01/2026

Es heißt bekanntlich, Architektur sei ein Beruf für alte Menschen – und auch in Österreich scheint man bemüht zu sein, dass es so bleibt. Ein beliebtes Instrument zur Marginalisierung junger Architekt*innen sind dabei zunehmend Wettbewerbe. Ein Blick in aktuelle Ausschreibungsunterlagen zeigt: Immer mehr offene Auslobungen schließen mittlerweile angehende Architekt*innen durch die gekonnte Ausreizung europäischer Vergaberichtlinien von einer Teilnahme aus, selbst wenn die Bauaufgabe trivial ist. Die Hürden sind geschickt gewählt; zumeist genügen fehlende finanzielle Mittel des Büros oder mangelnde ‚technische Leistungsfähigkeit‘ zur Disqualifikation.

06/01/2026

Sverre Fehn / Geir Grung: Maihaugen folk museum, Lillehammer, Norwegen. Verwaltungs- und Museumsgebäude
Foto: Mahlum, 2006 (public domain)

Wer bereits Erfahrung im Umgang mit den immer erfinderischen Ausschlusskriterien gesammelt hat, beginnt beim Lesen der Auslobung am besten bei den Absätzen „laut Paragraph 84 und 85 des Bundesvergabegesetzes“. Wer heute an einem Schulbauwettbewerb im Burgenland teilnehmen will, muss bereits mindestens eine Schule gebaut haben; wer ein sozialpädagogisches Zentrum in Salzburg entwerfen möchte, muss ein vergleichbares Projekt realisiert haben. Krankenhäuser dürfen nur von Krankenhausarchitekt*innen konzipiert werden, Museen ausschließlich von Museumsarchitekt*innen. Exklusiv auch die Bedingungen des Wettbewerbs für den kleinen Österreich-Pavillon auf der Expo 2027 in Belgrad. Büros, die dafür einreichen möchten, müssen in den letzten drei Jahren einen Netto-Umsatz von jährlich 500.000 € erzielt [Formblatt 4] und über denselben Zeitraum mindestens fünf Mitarbeiter*innen beschäftigt haben [Formblatt 5] – davon zwei mit fünfjähriger Praxiserfahrung im Museums- und Ausstellungsbau in leitender Funktion. Außerdem muss das Büro über einschlägige Referenzen verfügen, ebenso wie zwei seiner Mitarbeiter*innen. Alle Referenzen müssen von den ehemaligen Auftraggeber*innen bestätigt werden, ebenso, dass sie zufriedenstellend ausgeführt wurden. [Formblatt 6 + 7 + 8 + 9] Sie alle müssen mit mindestens 100.000 € netto budgetiert gewesen sein, aber ihre Realisierung darf nicht länger als zehn Jahre zurückliegen. Dann folgen drei weitere A4-Seiten, in denen das ausgeklügelte Punktesystem zur Bewertung der Referenzen erläutert wird. Punkte gibt es für Besucherzahlen [mehr als 100.000], oder etwa für Ausstellungen, die sich „unmittelbar“ mit der österreichischen Exportwirtschaft auseinandergesetzt haben. Wer denkt sich so etwas aus?

Man mag sich kaum vorstellen, welch weitere Beeinträchtigung der Ergebnisse diese fortschreitende Bürokratisierung des ohnehin schon kriselnden Architekturwettbewerbs nach sich ziehen wird. Schon in den letzten Jahrzehnten haben sich im Wettbewerbswesen unter dem zunehmenden Druck gesetzlicher und ökonomischer Auflagen unter den Teilnehmer*innen grundsätzlich zwei Herangehensweisen etabliert, die je nach Kalkül auf unterschiedliche Art gemischt werden. Die eine nimmt die Rahmenbedingungen des Wettbewerbs zum Ausgangspunkt: Wer sitzt in der Jury, wer sind die Mitbewerber*innen, welche Entwürfe wurden in vergleichbaren Wettbewerben prämiert, das heißt welcher Zugang ist in dem gegebenen politisch/wirtschaftlichen Umfeld üblicherweise erfolgreich. Der architektonische Entwurf orientiert sich am Verfahren, nicht am Inhalt. Es geht darum, eine Art Algorithmus zu entwickeln, der innerhalb des Gegebenen die höchsten Erfolgschancen verspricht. Die Konsequenz ist längst sichtbar in der Verkümmerung öffentlicher Bauten auf eine Ansammlung von Würfeln und Kisten mit abwechselnd gerasterten Fassaden; leicht zu reinigenund billig im Betrieb. „Die Verängstigten“, so schreibt Adorno in der Minima Moralia, „glauben nur durch Einfühlung, Beflissenheit, zur Verfügung stehen, durch Schliche und Tücke der als allgegenwärtig vorgestellten Exekutive sich zu empfehlen, durch Händlerqualitäten, und bald gibt es keine Beziehung mehr, die es nicht auf Beziehungen abgesehen hätte (...).“[1]

Die andere Herangehensweise konzentriert sich in solipsistischer Weise auf die Aufgabenstellung, um ein der eigenen Befindlichkeit möglichst entsprechendes Alleinstellungsmerkmal geschickt mit der Aufgabe der Auslobung zu verbinden. Da geht es dann oft darum, die Vorgaben zu missachten, mit der Umgebung zu brechen oder ein überwältigendes künstlerisches Zeichen zu setzen. Auch daraus bezieht die Bauwelt keinen Gewinn, weder was die Ästhetik noch was die Brauchbarkeit der Gebäude betrifft. Denn selbst für die künstlerische Eingebung gilt, wie Adorno schreibt: „Je mehr in der Kunst gemacht, gesucht, erfunden werden muß, desto ungewisser, ob es sich machen und erfinden läßt.“[2]

Die beiden angeführten Strategien haben zu einer selbstreferenziellen Lähmung des Wettbewerbswesens geführt, weil sie weder wirklich Neuland erschließen, noch sich an der Wirkung auf die Gesellschaft orientieren. Stattdessen reproduzieren ihre Protagonist*innen in vorauseilendem Gehorsam bestehende Dünkel und Erwartungshaltungen, oder versuchen mit substanzlosen, geschmäcklerischen Themen-Variationen zu überraschen. Eine solche Praxis produziert nicht nur erwartbare, austauschbare Ergebnisse; sie höhlt zudem das Wettbewerbswesen intellektuell und gestalterisch aus.

Der nächste Schritt ist nun also all jene, die ihre Anpassungsfähigkeit in der Vergangenheit nicht erfolgreich unter Beweis gestellt haben, von Beginn an auszuschließen. Selbst etablierten Architekt*innen muss in dieser Logik die Kompetenz abgesprochen werden, wenn sie keine passende Referenz vorzuweisen haben. Das sich daraus entwickelnde Wettbewerbssystem hat tatsächlich kafkaeske Konsequenzen, da es im Grunde überhaupt nur noch von all jenen aufrechterhalten werden kann, die schon vorher in einer passenden Kategorie Gebäude realisiert haben. Man muss all den Spezialist*innen ein langes Leben wünschen, denn wer sonst soll in Österreich zukünftig Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Feuerwehrstationen, und Rathäuser bauen? Wer sonst soll die österreichische Wirtschaft auf Expos repräsentieren, wenn der/die letzte Architekt*in mit passenden Referenzen verstirbt?

Dass der Wert von Architekturwettbewerben nicht bloß in der Erzeugung von Gewinn-Ware liegt, sondern in der Produktion von kulturellem Überschuss, scheint zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Fest steht, dass unter den herrschenden Bedingungen viele der einflussreichsten Wettbewerbsentwürfe der Architekturgeschichte bis ins 21. Jahrhundert nie gebaut worden wären. Denn ihre Urheber*innen hätten nach heutigen Standards nicht auch nur ansatzweise die nötige Qualifikation zur Teilnahme am Wettbewerb.

Als etwa der norwegische Architekt Sverre Fehn gemeinsam mit seinem zwei Jahre jüngeren Studienkollegen Geir Grung seinen ersten Wettbewerb für ein Handwerksmuseum am Maihaugen in Lillehammer gewann, war er fünfundzwanzig Jahre alt, hatte gerade sein Studium abgeschlossen, kein einziges Gebäude verwirklicht und weder ein zugelassenes Architekturbüro noch irgendwelche Mitarbeiter*innen. Im Alter von zweiundsiebzig Jahren erhielt er den Pritzker-Preis, die höchste Auszeichnung, die es in der Architektur zu vergeben gibt.

 


[1]  Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Suhrkamp (Frankfurt a.M., 2001), S. 24

[2]  Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Suhrkamp, (Frankfurt a.M., 1973), S. 46

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