Ettlingens Altstadt ist ein gewachsenes städtebauliches Gefüge, das geprägt ist von Jahrhunderten Baugeschichte – vom Barock über die Gründerzeit bis in die Postmoderne. Mitten in diesem fein gewebten Textil der Stadtstruktur liegt das Areal des „Stadtbausteins“. Sechs Gebäude, die zuvor eher zufällig nebeneinander existierten, wurden von baurmann.dürr zu einer inneren Einheit verwoben, ohne den historischen Charakter der Einzelbauten zu verlieren. Das ist vielleicht die größte Qualität des Projekts: Die innere Integration bei gleichzeitigem Respekt gegenüber der äußeren Vielfalt.
Die Ausgangslage war alles andere als ideal. Ein vorhergehender Entwurf hatte das Potenzial des Ortes weit verfehlt. Mit einer horizontal betonten Glasfassade und einer Materialität, die dem Ort fremd blieb, stand das damalige Konzept der Sparkassenfiliale aus den 1980er Jahren im eklatanten Widerspruch zur vertikalen Gliederung und Materialität der umgebenden Altstadt. Der Versuch, Modernität über gestalterischen Kontrast zu behaupten, scheiterte und das Gebäude wirkte wie ein Fremdkörper am Erwin-Vetter-Platz.
baurmann.dürr wählten den entgegengesetzten Weg. Nicht von innen nach außen, sondern von der Stadt, von den Fassaden, vom öffentlichen Raum aus gedacht näherten sie sich dem Entwurf. Das Ergebnis ist ein Gebäudeensemble, das sich beinahe unsichtbar in den Bestand integriert. Wer den Erwin-Vetter-Platz betritt, sucht vergeblich nach dem Neubau. Selbst die Sparkassenfiliale, die den Hauptteil des Projekts ausmacht, fügt sich so unaufgeregt ins Gefüge ein, dass man sie nur durch einen Hinweis erkennt.
Besonders eindrucksvoll gelingt dies durch die Anlehnung an die benachbarte Fassade des Kaufhauses von Heinz Mohl, einem der bekanntesten Vertreter der Postmoderne. Dessen Architekturidee, expressive Individualität mit historischem Kontext zu verbinden, wird nicht einfach kopiert, sondern sensibel weitergedacht. Die neue Fassade übernimmt Proportionen, Materialien und Gliederungen und lässt so eine visuelle Kontinuität entstehen, die den Stadtraum aufwertet, ohne ihn zu überzeichnen.
Die wahre Stärke des Projekts offenbart sich im Inneren. Die ehemals separaten Gebäude wurden im ersten und zweiten Obergeschoss miteinander verbunden. Es entsteht ein durchgehender, flexibel nutzbarer Raumkörper, der trotz seiner Komplexität überraschend selbstverständlich funktioniert. Das Dachgeschoss wurde ausgebaut und dient unter anderem als Besprechungsraum. Lediglich das Erdgeschoss bleibt kleinteilig und das ist mit voller Absicht so. Hier soll die Nutzung durch Einzelhandel den Altstadtcharakter im öffentlichen Raum fortschreiben. Kleinteiligkeit ist hier kein Mangel, sondern Identitätsstifter.
Die große Kunst der Architekten liegt darin, dass sich die Gebäude innen als Einheit erleben lassen, während außen jeder Bau seine Individualität behält. Die Fassaden bleiben differenziert, mit individuellen Fensterteilungen, Markisensystemen, Dachformen und Gesimsen. Diese Detailverliebtheit ist nichts für das schnelle Auge, sie offenbart sich demjenigen, der genau hinsieht.
Ein herausragendes Beispiel dafür ist der Bereich zum Rathaus hin. Vier Fassaden greifen hier in unterschiedlichen Farbtönen, Materialien und Maßstäblichkeiten die barocke Architektur des historischen Rathauses auf und lassen dabei dennoch eine gestalterische Zusammengehörigkeit erkennen. Die innere Realität, ein durchgehender Bürokorridor, wird außen durch gestaffelte Fassadenabschnitte überspielt. Der Trick: Der Maßstab der Altstadt wird gewahrt, auch wenn das dahinterliegende Raumprogramm ein anderes ist.
Die bauliche Realität war jedoch kein Spaziergang. Unterschiedliche Geschosshöhen, massive Substanzprobleme in Teilen der Gründerzeitbauten, Anforderungen an Barrierefreiheit und Brandschutz, all dies musste auf hohem Niveau bewältigt werden. Die innere Angleichung der Höhenniveaus etwa wurde nicht mit brachialen Eingriffen, sondern mit fein abgestimmten Niveauversätzen und Verbindungselementen gelöst. Auch der Brandschutz in den historischen Teilen wurde unsichtbar integriert, ohne die Authentizität der Räume zu verlieren.
„Stadtbaustein“ – der Name ist Programm. Es geht nicht um das einzelne Gebäude, sondern um den Beitrag zum Ganzen. Der Stadtbaustein in Ettlingen ist ein Lehrstück darüber, wie Architektur im historischen Kontext heute aussehen kann: unprätentiös, klug, detailliert, städtisch. Ein Projekt, das zeigt, dass „Bauen im Bestand“ nicht gleichbedeutend mit Kompromiss ist, sondern mit Sorgfalt, Respekt und architektonischer Intelligenz zu exzeptionellen Ergebnissen führen kann.
Während vielerorts „Bauen im Bestand“ in einem formalen Mittelmaß steckenbleibt, oft weder Fisch noch Fleisch, demonstrieren baurmann.dürr, dass es auch anders geht. Sie liefern den Beweis, dass man gleichzeitig alt und neu, sichtbar und unsichtbar, funktional und poetisch bauen kann.
Der Stadtbaustein Ettlingen ist mehr als ein gutes Architekturprojekt, er ist ein Statement für einen sensiblen, zeitgemäßen Städtebau. Die Jury der Hugo-Häring-Auszeichnung hat ein feines Gespür bewiesen, diesen Balanceakt zu ehren. Wer heute durch Ettlingens Altstadt geht, wird den Stadtbaustein vielleicht nicht sofort erkennen und genau das ist seine größte Qualität.