Diese Folge schließt die Lücke zur ersten Folge, die wir beim Reinerhof am Schloßbergplatz begannen. In Bild 1 habe ich diesmal die Stadtmauer von 1339 nur in dunklerem Rot nachgezeichnet, da sie sich deutlich zeigt. Zwingermauern gab es am Berghang keine.
Der Verlauf der Mauer im Abschnitt vom Inneren Paulustor über den Uhrturm zur Sackstraße ist weitestgehend unbestritten, auch auf weiter Strecke noch erhalten, wenn auch stark überformt. Aber – und das ist leider typisch für Graz – ist sie wegen des unkontrollierten Bewuchses des Gemäuers selbst oder der gesperrten Aufstiege kaum noch zu erkennen. Dass diese Mängel eine grobe Nachlässigkeit gegenüber dem Weltkultur-Auftrag der UNESCO sind, wird offenbar achselzuckend zur Kenntnis genommen. Es geht aber immerhin darum, eine der bedeutendsten Festungen der habsburgischen Erblande zu bewahren und zu präsentieren.
Die Südansicht aus der Vogelschau (1635 von Laurentius Vandesype und Wenzel Hollar geschaffen) zeigt in Bild 2 die imposante Anlage zur Zeit des 30-jährigen Krieges und den diesmal behandelten Mauerverlauf sehr gut; dass dabei nicht alle Details wirklichkeitstreu wiedergegeben sind, werden wir auf den folgenden Seiten behandeln. Schon genauer ist die Darstellung „Graz von Osten“ von Andreas Trost, die 1728 in Deyerlsbergs Werk „Erbhuldigung“ nach einem früheren Stich aufscheint.
Die Ostmauer mit dem „geheimen Gang“
Die zugebaute Reiche zwischen dem Palais Saurau und dem Nachbarhaus Sporgasse 27 markiert den einstigen Beginn der zum Uhrturm führenden Ostmauer (Bild 3); hier sehen wir auch auf alten Fotos die dahinter in die Höhe strebende Mauermasse und Reste des Wehrgangs der Stadtmauer, der 1586 im Auftrag von Erzherzog Karl II. zum „Geheimen Gang“ von der Burg auf den Schloßberg ausgestaltet wurde.
Weiter nach oben ist die Mauer heute für die Öffentlichkeit kaum mehr auszumachen. Der als Serpentinenweg geführte alte Aufgang vom Haus Sporgasse 29 durch den ehemaligen „Pistor-Garten“ zum Cerrini-Schlössl ist nicht öffentlich und auch leider völlig unpassierbar geworden und jetzt nur mehr ein Rückzugsort für Fauna und Flora.
Vom Hof eines Lokals in der Sporgasse ist ein, allerdings stark überformtes, Stück der Stadtmauer beim Palais Saurau sichtbar geblieben; der Stacheldraht auf der Mauerkrone ist jüngeren Datums (Bild 4). Nur wenige Meter der Mauer sind südlich des Neubaus Sporgasse 29b heute noch vom Bewuchs frei, aber öffentlich ebenfalls nicht zugänglich; für einen längeren Abschnitt musste ein altes Foto herhalten (ebenfalls Bild 4).
Der interessante Mauervorsprung auf halber Höhe ist nur von der Bürgerbastei zu erahnen (Bild 5). Der von Zinnen gekrönte Wehrturm, auf der Ansicht von 1635 (Bild 2) irrig außerhalb der Stadtmauer stehend, von Trost einige Jahrzehnte später aber schon in die Mauerlinie eingebaut gezeichnet, bildete eine Art vorspringende Bastei aus dem Mittelalter.
Nach Fritz Popelka wäre diese Stelle als Pulverturm genützt worden. Da wegen der notwendigen Sicherheitsvorschriften oft mit den Augustinern (Sporgasse 23) und auch mit den Bewohnern der Stadt gestritten wurde (aus Wirtshäusern in Sack- und Sporgasse soll öfter auf den Pulverturm geschossen worden sein), ist seine Lage aber dort zu sehen, wo heute der Pavillon im Sauraugarten steht. Festungsbaumeister van Wassenhoven forderte 1684 die Reparatur dieses in den Geheimen Gang einbezogenen mittelalterlichen Turmes, um den Stadtgraben zwischen Innerem Paulustor und Bürgerbastei besser bestreichen (flankieren) zu können.
Bürgerbastei und Cerrini-Schlössl
Wo die mittelalterliche Steinmauer an die später dort aus Ziegeln errichtete Bürgerbastei stößt – 1820 wurde nach den französischen Sprengungen das Schlössl des Hauptmanns Cerrini in die Bresche gebaut – müsste eigentlich der „Geheime Gang“ in das Innere des 1551 von Festungsbaumeister Domenico dell’Allio begonnenen Bollwerks geführt haben. Am Stich von Trost (Bild 2) ist hier ein Eckturm zu sehen, der noch mittelalterlichen Ursprungs sein könnte. Sanierungsarbeiten beim Cerrini-Schlössl haben 1997 Mauerreste freigelegt, die auf einen solchen Zugang hindeuten, aber auch zu einer tiefer liegenden Kanonenscharte gehören könnten.
Da jedoch eine Lücke an dieser Stelle, wo ursprünglich die alte Stadtmauer ein weiteres Mal nach Nordosten vorsprang, fortifikatorisch zu gefährlich gewesen wäre, ließ dell‘Allio 1555 eine schützende Vormauer gegen den Sauraugarten errichten und 1556 durch die meterdicken Mauern der Bastei einen durch eine Gittertür versperrbaren Aufgang legen. Der Zugang zu dieser „dell’Allio-Stiege“ ist auch auf dem Kupferstich von Vandesype/Hollar um 1635 (Bild 2) deutlich zu erkennen. Sie dürfte nur wenigen Grazern bekannt sein, ist aber noch durch einen Blick in den Hof des Cerrini-Schlössls sichtbar (Bild 5).
Der Uhrturm
Die Linie der mittelalterlichen Stadtmauer lief – sofern sie mit der Nordostflanke der Bürgerbastei identisch war – nicht exakt zur Ostkante des Uhrturms. Mittelalterliche Mauerreste sind auf einem kleinen Ruheplatz unterhalb des Turms noch sichtbar, ebenso Teile des Geheimen Ganges (Bild 6), der offenbar hier um die Terrasse des Turms herum die westliche Schloßbergmauer erreichte (siehe Vandesype, Bild 2).
Wäre der ins 13. Jh. datierte Uhrturm als Wehrbau einer gleichzeitigen Stadtmauer errichtet worden, hätte er eine andere Stellung bekommen (Skizze Bild 6, rot), um die Stadtmauern feindseitig wirksamer bestreichen zu können. Die jetzige Lage hätte nur Abwehr von der Ost- und der Westspitze erlaubt, also von sehr beschränktem Raum. Da 1327 ein Brand den hölzernen Teil des Turms zerstörte, hätte das korrigiert werden können, falls die Stadtmauer damals schon bis hierher gereicht hätte. Daher hat wohl erst die Stadterweiterung von 1339 den Turm als Wachturm mit einbezogen.
Die Westmauer zur Sackstraße
Während an der Nordostflanke der Bürgerbastei ober dem Cerrini-Schlössl kaum noch Teile der alten Stadtmauer erkennbar sind, ist ihre Nordwestflanke überwiegend von der mittelalterlichen Mauer übernommen worden. Zum Unterschied von der Ostmauer ist die westlich zur Stadt hinunterführende Stadtmauer trotz der ständig zunehmenden Überwucherungen an mehreren Stellen gut sichtbar. Was man aber nur noch an einer Stelle erkennen kann, ist die Abstufung der Steinmauer, auf deren Bruchsteinkonstruktion später eine ausgleichende Ziegelmauer aufgesetzt wurde. Auf dem um 1848 gezeichneten Stich in Heribert Lampels „Album des Gratzer Schlossberges“ ist das noch deutlich zu sehen, in der Realität nur noch dort, wo der nördlich bergab führende Serpentinenweg direkt an die Mauer stößt (Bild 7).
Im Herbersteingarten, also an der Südseite, kann man bei allen vier an die Mauer stoßenden Terrassen ihre Struktur studieren (Bild 8 und 9). Die erste Plattform beim 1930 errichteten tunnelartigen Abgang aus der Bürgerbastei zeigt besonders eindrucksvoll, wie die Ziegelmauer an die Steinmauer angebaut wurde.
Unterhalb des Tores zum Herbersteingarten, ober dem sich auch noch ein Stück der Mauer zeigt (Bild 10), ist ihr Verlauf fast gar nicht mehr zu erkennen. Aus Plänen wissen wir aber, dass sie wegen der dort fast senkrecht abfallenden Felswand nicht durchgehend verlief, aber auch nicht genau auf die Nordostecke des Turms am Reinerhof zielte.
Nun ist der Ring der mittelalterlichen Stadtmauern geschlossen. Nur der Verlauf der Zwingermauer von 1441 wäre in ihrem südlichen Abschnitt noch zu vervollständigen.
Viel Vergnügen bei der anstrengenden Mauersuche!
Peter Laukhardt