19/08/2025

Im 8. Teil seiner Stadtspaziergänge entlang der historischen Grazer Stadtmauer führt Peter Laukhardt vom Burgtor bis zum sogenannten Inneren Paulustor.

19/08/2025

Bild 1: Nordostecke der Stadterweiterung (Franzisz. Kataster 1829)

Bild 2: Stadtansicht (Vandesype-Hollar 1635) mit Burgtor, Vizedomamt und Paulustor 

 

Bild 3: Erdgeschoss der Burg (Josef Hillebrand 1780)

 

Bild 4: Freiliegende Stadtmauer im Friedrichstrakt (Skizze mit zwei eingestellten Fotos, Laukhardt) 

©: Peter Laukhardt

Bild 5: Durchbruch durch die Stadtmauer und Bogen über den Zwinger (Schnitt StLA; Fotos Laukhardt)

©: Peter Laukhardt

Bild 6: Ost- und Nordmauer mit Zwinger (Stadtmodell, StMG); freigelegte Stadtmauer am Friedrichsbau (Foto Laukhardt); Zwinger von Norden (Lorenz Creuzthaler 1636, StLA)

©: Peter Laukhardt

Bild 7: Kürzlich freigelegte Stadtmauern im Registraturtrakt (Fotos Laukhardt)

©: Peter Laukhardt

Bild 8: Nordmauer mit Montage, Hillebrand 1780, und Ansicht von Zwingermauer und Ballhaus 1823 (StLA)

 

Bild 9: Regulierungsplan Ballhausgasse 1835 mit mehreren ergänzenden Fotos und Zeichnungen

 

Diese Folge beschäftigt sich mit der Stadtmauer, die ab 1335 vom Burgtor bis zum Paulustor geführt wurde. Kein anderer Abschnitt der Grazer Stadtmauern ist so exakt nachzuvollziehen, große Teile sind – wenn auch meist überbaut – erhalten geblieben und in den nächsten Jahren wird Vieles im Burgkomplex zusätzlich sichtbar gemacht werden.

In Bild 1 habe ich wieder den Verlauf der Stadtmauer von 1339 in Schwarz nachgezeichnet, wie von verschiedenen Grundrissen größtenteils vorgegeben. In gleicher Weise habe ich die Zwingermauer von 1441 gelb eingetragen, wobei mir hier schon Zufallsfunde zu Hilfe kamen.

In Bild 2, mit der Perspektive von Vandesype-Hollar, 1635, habe ich zur besseren Übersicht über unsere Route drei Abbildungen eingefügt. Im Vordergrund präsentiert sich das Burgtor mit seinem 1565 aufgesetzten, später aber abgetragenen Uhrturm (Peham, 1594). In der Bildmitte das sogenannte Vizedomhaus (Andreas Trost, 1700) und ganz links oben das innere Paulustor (Carl O’Lynch of Town, um 1890).

Das Burgtor

Die neben dem Burgtor eingefügte Ansicht in Bild 2 zeigt die Burg von außen. Historiker wie Fritz Popelka und Viktor Thiel sahen diesen Uhrturm hinter dem Burgtor, eventuell beim heutigen Rustika-Tor; so wurde das Eiserne Tor am Gottesplagenbild wegen seines Aufbaus zuletzt noch von Walter Brunner für das Burgtor gehalten. Ein Foto der beiden gotischen Torbögen habe ich in der letzten Folge gezeigt.

Bald nachdem 1441 unter Friedrich III. vor die Stadtmauer die starke Zwingermauer mit einem eigenen Tor gelegt worden war, wurden wegen der Gefahr aus Osten 1479 beide Öffnungen wieder geschlossen. Als Mitte des 16. Jh. vor der Burg die erste, noch kleinere Burgbastei gebaut wurde, entstand eine Holzbrücke über den Stadtgraben. Dass 1654 die Bürger um Offenhaltung des Burgtores in Friedenszeiten für Fußgänger bitten mussten, beweist die kritische Lage dieses Festungsabschnittes.

Erzherzog Karl II. legte 1566 an der Außenfront den noch heute bestehenden Arkadengang an, um weitere Räume in der Burggasse nutzen zu können. Auch ließ er den „alten Glockenturm nächst der Burg“ zu einem Schatzgewölbe zurichten. 1577 erhält der Turm eine Uhr, weshalb man 1618 vom „urtor“ spricht.

Als Karls Sohn als Kaiser Ferdinand II. Von Graz, 1619 nach Wien übersiedelte, nahm er den Großteil des Schatzes mit. Maria Theresia, die sich 1765 vorübergehend in der Grazer Burg einrichten wollte, hat dann 19 Truhen und Kisten nach Wien geschickt. Friedrich Kaiser verdanken wir die Kenntnis, dass sich im Grazer Schatz auch „Kostbarkeiten“ befanden, die nach 1590 von Amerika über Spanien als Geschenke für Maria, die Witwe Erzherzog Karls II. nach Graz gekommen waren.

Der Karlstrakt der Burg

Die Pläne von Josef Hillebrand aus 1780 (das Erdgeschoss in Bild 3) würden eine genauere Erläuterung der Beschreibungen verdienen, wie z. B. der als vier grüne Quadrate gezeichnete „Garten der Burg Gräfin“ oder der Stiegenabgang in den Keller des 1854 abgebrochenen Friedrichstrakts, der gerade freigelegt wird. Wesentlich ist aber, dass der Plan deutlich zeigt, wie die mittelalterliche Stadtmauer noch heute durch diesen Baukörper führt. Die im 15. Jh. entlang der Stadtmauer wohl von Friedrich errichteten zweigeschossigen Gebäude wurden unter Erzherzog Karl II. ab 1570/71 überbaut, und dabei östlich des mittelalterlichen Mauerzugs der alte Stadtgraben bis zur Zwingermauer einbezogen.

An einem leichten Knick in der Mitte ist die Mauer durchbrochen. Die von Friedrich III. gleichzeitig mit dem Nordtrakt erbaute Kammerkapelle (auch hier zeigt ein Stein die Inschrift AEIOV 1447) ragte damals vor die Stadtmauer hinaus und ist vermutlich an der Stelle eines Wehrturms entstanden; sie hat selbst eine leicht verschobene Achse. Die gerade angelaufenen Arbeiten für die Revitalisierung der historischen Burg werden die Kapelle wieder in ihrer ursprünglichen Form – zweigeschossig, mit einer Empore – präsentieren.

Nördlich der Kapelle sind im Friedrichsbau teilweise Mauerteile sichtbar (siehe Skizze in Bild 4). Der einzige immer schon freiliegende innere Teil der Stadtmauer des 14. Jh. liegt in einem Anbau beim Durchbruch in den dritten Burghof (ursprünglich Zwinger, „Turnierhof“ oder Tiergarten), der auf Hillebrands Plan von 1780 noch nicht zu sehen ist. Hier ist sie in einem Abstellraum unverputzt erhalten, angrenzend direkt an einen teilweise verbauten Spitzbogen der gotischen Halle. An der Außenfront zum Burggarten hin konnte ich bei einer Restaurierung vor etlichen Jahren ihren Aufbau aus Bruchsteinen fotografieren (Bild 6).

Gotische Halle und Zwingerbogen

An der Nordostecke der Stadtmauer von 1339 wäre eigentlich ein mächtiger Wehrturm zu erwarten, doch davon ist nichts mehr zu entdecken. In tieferer Lage als der kleine Zwischenhof verbirgt sich hinter drei teilweise vermauerten gotischen Spitzbögen aber die sogenannte „Gotische“ oder „Einstützenhalle“. Die archäologischen Untersuchungen der Bögen und der teilweise mit Freskenresten (König Salomon?) geschmückten Wände sind noch im Gange, aber vermutlich hat hier Friedrich III. den Abschluss der Burg nach Norden einem besonderen Zweck gewidmet, dem vielleicht ein Eckturm des 14. Jh. weichen musste. Das historisierende Aquarell von Carl Reichert (1853) spricht von einem „unterirdischen Rüstungssaal der Knappen“.

Der heute noch vorhandene und auch begehbare Bogen mit Übergang zu einem Türmchen in der Zwingermauer (Bild 5) hatte im weiteren Verlauf Richtung Westen einen „Zwilling“, von dem heute nichts mehr übrig ist. Das Stadtmodell und die eingefügten Ansichten zeigen das in Bild 6 relativ gut, doch sind hier die auf Plänen des 18. Jh. noch gezeichneten, an der Außenseite der Stadtmauer (!) stehenden mächtigen Stützpfeiler nicht zusehen. Sie könnten die Antwort auf die Frage der hier grabenden Archäologen sein, die weiter unten gestellt werden wird.

Die Stadtmauer beim Registraturtrakt

Der Verlauf der nördlichen Stadtmauer von 1339 war seit jeher unbestritten: Dieser ist im östlichen Teil identisch mit der Außenmauer des 1581-85 von Erzherzog Karl II. erbauten, gartenseitig mit zweigeschossigen Arkaden geschmückten sogenannten „Registraturtraktes“. Die 1780 von Josef Hillebrand gezeichneten Grundrisspläne zeigen die Stadtmauer auch hier deutlich, aber auch, dass sie westlich des zweiten Zwingerbogens im ersten Obergeschoss nur mehr normale Stärke besitzt.

Klar definieren die Linie der Stadtmauer aber nicht nur die Pläne Hillebrands, sondern auch die Wandstärken beim Tor im dritten Burghof (am Plan von 1780 noch nicht ersichtlich, siehe Bild 5) und bei den nordwärts gerichteten Fenster- und Türöffnungen des Baus. Eine beim Bau der Landesdruckerei 1912 entdeckte Schießscharte ist leider nicht mehr zusehen. Die vor Kurzem angelaufenen Ausgrabungen unter der Leitung von Gudrun Praher-Malderle haben erstmals große Teile der Stadtmauer im Inneren des Traktes freigelegt (Bild 7). Erklärungsbedürftig schien, warum diese mächtige Stadtmauer nur von zwei Schichten von Steinblöcken als Fundament getragen wurde. Ältere mächtige blockartige Pfeiler unter dem Bodenniveau zeigen aber, dass hier bereits vor dem 16. Jh. Gebäude bestanden haben müssen.

Die in Bild 6 eingefügte Ansicht der Zwingermauer von Norden (Lorenz Creuzthaler 1636) zeigt den dritten Zwingerturm mit Zinnen, ebenso die Ost-Ansicht von Trost von 1700; in den späteren Ansichten (Bild 8) sind aber durchwegs steile, spitz zulaufende Turmdächer aufgesetzt. Nach den vorhandenen Grundrissen und der Ansicht von Trost zu schließen, hatte dieser Turm keine Verbindung zur inneren Stadtmauer. Er ist auf der Karte zum Franziszeischen Kataster von 1829 (Bild 1) in der damaligen Vicedomgasse, der späteren Hartiggasse, noch deutlich zu sehen, auf dem Regulierungsplan von 1835 nicht mehr.

Die Zwingermauer in diesem Abschnitt diente übrigens in der ersten Phase der Neubefestigung von Graz ab 1543 als provisorische Kurtine zwischen der ersten Burgbastei und dem Paulustor; auch nach der Erweiterung der Stadt bis zum Äußeren Paulustor zu Anfang des 17. Jhs blieb sie mit dem Inneren Paulustor als eine Art Sperre für diese rein „katholische“ Neustadt erhalten.  

Vizedomgebäude und Ballhaus

Kaum eines der längst verschwundenen, aber bedeutenden historischen Gebäude von Graz ist so schwer in seiner Baugeschichte zu interpretieren wie diese beiden. Während die in der Mitte von Bild 2 eingefügte Ansicht des Vizedomhauses (Vandesype, 1635) sein Aussehen um 1700 zeigt (Macher, Graecium), ist seine Rückansicht von Norden am 1636 entstandenen Aquarell von Lorenz Creuzthaler (Bild 6) interessanter. Es scheint, dass der nördlichste Bauteil die Form eines mehreckigen Mauerturmes gehabt hat, der von der Linie der Stadtmauer weit in den Graben hineinragte, aber nicht die Zwingermauer erreichte, also vor 1441 entstand. Der im Plan von 1833 (eingefügt in Bild 8 oben) sichtbare Grundriss zeigt auch schießschartenartige Öffnungen und einen Durchgang (wie am Grazer Stadtmodell von 1800). Auf der Ostansicht der Stadt hat Andreas Trost um 1700 im Turm einen Stiegenaufgang dargestellt.

Die meisten Historiker sehen diesen merkwürdigen Bau aus dem mittelalterlichen Schreibhof hervorgegangen. Da dieser mit 1349 erst knapp nach der Osterweiterung von 1336/39 genannt wird, ist es nicht unmöglich, dass dieser Schreibhof aus dem früheren Meierhof der Burg am Schloßberg entstanden sein könnte. Mehrere Urkunden lokalisieren ihn gegenüber von Häusern in der heutigen Hofgasse, so des Hans Nyster 1427 und 1436. Es dürfte sich um eine Art landesfürstliche Kanzlei gehandelt haben, die 1439 zum letzten Mal als Schreibhof erwähnt wurde, und nach dem Bau der Burg durch Friedrich nicht mehr als solcher genannt wird.

Der mächtige Turm (siehe Bild 2) hat seine Funktion mehrmals verändert und ist dabei wohl auch öfter umgebaut worden. 530 wird hier das „k. Mt. Casstenhauß“ (der kaiserlichen Majestät Kastenhaus) genannt, besaß also einen Schüttboden für Getreide, und 1537 gehörte der Garten zwischen ihm und der Burg dem „casstner“, dem Kastenamtsverwalter.

Schon 1566 deutet ein Vorschlag für einen Zubau für die Burg „in dem langen Stock, so gegen dem zeughaus geet“ die lange Nutzung als Teil des landesfürstlichen Zeughauses an. 1572 muss der „oberste Poden“ (das Dachgeschoß) vom dort eingelagerten Getreide geleert werden, um „im alten Zeughausgebäude“ mehr Platz zu schaffen; erst nach der Fertigstellung des mit Strafgeldern aus den Bauernkriegen finanzierten neuen Hofzeughauses (Hofgasse 12) übersiedelten 1579 die landesfürstlichen Waffenbestände dorthin. Das alte Zeughaus diente fortan als Wohnung des jeweiligen Hofzeugwartes und dessen Untergebenen, doch logierten hier auch zeitweilig der erzherzogliche Stallmeister und die Hundewärter. 

Aber noch 1612 liest man „alter hoher Stock des Zeughauß“, und 1620 „die alte Puerkh im Zeughaus“. Am 3. April 1627 wurde dem Vizedom Sigmund Kugelmann befohlen, den „hindern stockh im Zeughauß“ reparieren und zur Einrichtung einer Wohnung und Kanzlei für die künftigen Vizedome adaptieren zu lassen. Der steirische Landesvizedom war zeitweilig neben dem Landeshauptmann der bedeutendste Amtsträger und vor allem für die landesfürstliche Finanzverwaltung zuständig.

Den Erben Kugelmanns wurde nicht gestattet, auch die im Turm gelegenen Räumlichkeiten weiterzunutzen. Am 4. November 1632 verfügte die Hofkammer, dass der „alte Stokh, so der geweste Herr Lanndts Vizdomb bewohnt, hinfüro khainem andern als ainich vnnd allain zum Hofzeugsnotturfften reseruiert seie“
In der Nutzung des Vizedomamtes blieben nur die südlich an den Turm angrenzenden niedrigen, fast bis zur Hofgasse reichenden, ehemaligen Zeughaustrakte. Sie enthalten Stallungen, Magazine, Werkstätten und Unterkünfte von Artilleristen.

Nachdem 1823 ein Brand das 1776 eröffnete ständische Schauspielhaus vernichtet hatte (es war mit Genehmigung von Maria Theresia im Hof- oder Vizedomgarten erbaut worden), sollte es durch einen Neubau mit einer repräsentativen Fassade nach Westen ersetzt werden. So wurde 1825 der östlichere, zum ehemaligen Zeughaus gehörige niedrige Trakt abgerissen; das Hofzeughaus war ja 1777/78 in der Hofgasse 12 neu erbaut worden. Der westliche Trakt wurde erst 1838 für die Anlage des Franzensplatzes niedergelegt.

Am 22. Juni 1750 wird der Garten des in der Hofgasse 8 wohnenden Grafen Lamberg als anstoßend bezeichnet „an die vorhin sogenannte Friedrichsburg, nunmehr landesvicedomhaus“. Die Bezeichnung Friedrichsburg ist deshalb nicht unberechtigt, weil – wie Viktor Thiel 1927 in seinem Werk über die Burg erwähnt – beim Abriss 1837 Werksteine mit dem AEIOV von Friedrich III. und der Jahreszahl 1438 gefunden wurden. Als Herzog hatte Friedrich vermutlich den Bau erneuern lassen. Der offene Stiegenaufgang in Bild 6 wurde aber erst 1690 gebaut.

Nach Fritz Popelka soll dieses nunmehrige Vizedomhaus ab dem 17. Jh. zeitweilig auch als „großes Ballhaus“ (eine Art Tennishalle) für Auftritte von Theatertruppen genutzt worden sein. Robert Baravalle meint in seinem Werk „100 Jahre Schauspielhaus“ 1925, dass der berühmte englische Komödiant John Green 1607 und 1608 „wahrscheinlich“ im großen Ballhaus aufgetreten ist. Das war für mich aus den Quellen nicht nachvollziehbar.

1602 wird nämlich das „neuverpaute Pallnhauß“ genannt, in dem 1708 Herr Johann Michael Thürnberger, Pallmeister, wohnt. Die Lage des Hauses wird 1728 so beschrieben: „An dem alten Paulusthor das Soldatenhaus. In dem Zwinger rechts das Ballhaus.“ 1804 zog hier die Domänen-Administration ein, also die Verwaltung der landesherrlichen Güter. Zwar werden im Plan von 1823 (Bild 9, unten) mit dem Sigel EE das Vizedomgebäude und das nordwestlich gegenüber an der Zwingermauer liegende wie folgt erklärt: „Das sogenannte große Ballhauss, gegenwärtig von der K. K: Domainen Admin. bewohnt“.  

Ein vermutlich ebenfalls von Josef Hillebrand 1780 gefertigter Übersichtsplan (Bild 9 in der Mitte) bezeichnet aber nur das ganz westlich im Zwinger stehende Gebäude als „Pallhaus“. Es wurde 1782 an einen Josef Schaz verkauft und fiel 1846 dem Bau der Ballhausgasse zum Opfer. Deshalb ist auch der vom Amtszeichner Joseph Melling 1784 verfasste Stadtplan in Zweifel zu ziehen, der sowohl das Ballhaus, als auch das Vizedomgebäude ebenso wie der von Reindl 1806 nachgezeichnete Plan unter der Nr. 84 führt, die aber nur in der Legende von Melling als „Poll-Haus“ bezeichnet werden.

Und Viktor Thiel klärte in seinem Buch über die Grazer Burg 1925 auf, dass ein zwischen dem Vizedomhaus und dem richtigen Ballhaus gelegenes, unscheinbares Gebäude irrig als „kleines Ballhaus“ bezeichnet worden war.  Die Eintragung in einem Situationsplan von 1786 bestätigt das: „abgetragenes kleines Ballhaus“. Es wurde niedergelegt, um eine vorläufige bessere Verbindung von der Sporgasse zu Burg und Theater zu ermöglichen. Östlich daneben wachte noch ein vierter Zwingerturm über den Stadtgraben.

Die Stadtmauer bis zum Inneren Paulustor

Interessant auf dem mittleren Insert in Bild 6 (Kuwasseg 1837) ist der links vom Vizedomhaus auf Kragsteinen ruhende innere Wehrgang der Stadtmauer, der 1586 von Erzherzog Karl II. zum „geheimen Gang“ auf den Schloßberg ausgebaut wurde. Einen ebensolchen Wehrgang zeigt an der Seite zum Schloßberg das Innere Paulustor in einer Tuschezeichnung des Grazer Künstlers Carl O’Lynch of Town, um 1890 (Bild 2).

Die Linie der Stadtmauer lässt sich auf dem letzten Stück vom Vizedomhaus bis zum Inneren Paulustor durch Vergleich mehrerer Grundrisse und Pläne recht gut festlegen. Sie war zweimal leicht nach außen gebrochen. In Bild 8 zeige ich eine aus mehreren Grundrissplänen zusammengestellte Montage der gesamten Nordmauer, darunter auch die 1823 gezeichnete Ansicht eines auffallenden Gebäudes, das wir wohl bestimmt als „großes Ballhaus“ identifizieren können. Es war 1602 direkt an die Zwingermauer angebaut, ließ aber zur alten Stadtmauer einen kleinen Durchgang frei, der zuletzt „Baalhauss Gassl“ genannt wurde, und eine nur unzureichende Verbindung bot.

Auf der Karte zum Franziszeischen Kataster ist sogar ein Mauerstück gesondert mit der Bauparzellen-Nummer 466 ausgewiesen, ebenso wie das anschließende Vizedomhaus Nr. 465, beide im staatlichen Besitz (Aerar Kais: Kön:).

Auf einer Strecke von rund 45 m dürfte die nördliche Außenwand des Hauses Sporgasse 32 (als Eckhaus auch Ballhausgasse 2) mit der Stadtmauer identisch sein. Die Wandstärke ist dort von einer unglaublichen Mächtigkeit, wie man im Lokal im Erdgeschoss bei jeder Fensternische erkennen kann. Dieses Gebäude wurde 1568 für die Hofstallungen erbaut. In der Bezeichnung „Eselstall“ beherbergte es die erzherzoglichen Maultiere und das Stallgesinde.

Im Vertrag eines zwischenzeitigen Verkaufs an den Hofkammerpräsidenten Polykarp Scheidt 1724 wird seine Lage präzisiert: es grenze an die alte Stadtmauer, "darob dere Schlossgang gebaut sei“ (der „geheime Gang“) und an den alten Turm beim „herinigen Paulstor“ (er ist noch auf der Ansicht von O’Lynch in Bild 1 zu sehen); der Garten stoße an die Zeug- und Wagenhütte und den alten hohen Stock im Zeughaus (das Vizedomhaus). Bevor 1792 der Verkauf an den Goldschmied Philipp Trost und der Umbau in ein Wohnhaus mit josefinisch-klassizistischer Fassade erfolgte, zeigt der Plan von 1780 hier noch die „Maulthierstallung“. Beim seltsam verspiegelten Neubau des Hauses Ballhausgasse 4 wurden auch Reste der Mauer gefunden (frdl. Mitt. v. Erik Hilzensauer).

Die Ballhausgasse

Bild 9 zeigt das interessante Projekt der Regulierung von Franzensplatz und Ballhausgasse 1835: „Situations Plan Uiber die nach Ankauf des Bäckischen Gartens und Demolirung des Vice-Domgebäudes ausführbare Regulirung des Franzens-Platzes, und Verbesserung der Passage in der Hofgasse ohne Unterführung der Frontmauer vom k. k. Artillerie Zeughause. Von der k.k. Provinz-Bau-Direction. Grätz am 25. März ~835; Wotesky mp"

Da der Plan den Altbestand mit den projektierten Regulierungslinien überlagert, ist so klar zu erkennen, dass das 1837 abgebrochene Vizedomgebäude direkt in der Linie der neuen Ballhausgasse zu suchen ist. Eigentlich schade, dass man die Ballhausgasse nicht einfach der Lage des Zwingers angebaut hat, man könnte sich seinen Verlauf heute besser vorstellen.

Ich habe im  Plan noch die vor dem Abbruch 1834 festgehaltenen Fundamente des 3. Zwingerturms eingefügt. Dazu ein Foto der Zwingermauer östlich davon, die durch ihre abgeschrägte Mauerstellung noch heute erkennbar ist. Die im Hofe des Hauses Hartiggasse 1 noch teilweise erhaltene Grabenmauer ist ebenso abgebildet, wie die Innenansicht des Lokals Ecke Sporgasse und ein Schnitt durch den Turm neben dem Inneren Paulustor. Dieses Tor wurde nach der Regulierung der Ballhausgasse 1846 ebenfalls abgetragen.

Nun sind auch die Mauern der Stadterweiterung von 1336 bis 39 und ein Großteil der Zwingermauer von 1441 beschrieben. Die beiden Stadtmauer-Züge vom Uhrturm in die Stadt wären eine eigene Erläuterung wert. 

Viel Vergnügen und bis zum nächsten Mal!

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