Nichts sei „hässlicher, kälter, feindseliger, kleinlicher als die Treppen in den Mietshäusern von heute“ schrieb Georges Perec vor knapp fünfzig Jahren und fügte hinzu, man müsse lernen, mehr in den Treppenhäusern zu leben. „Aber wie?“
Auch in österreichischen Stiegenhäusern scheint in dieser Hinsicht bis heute eine gewisse Ratlosigkeit zu herrschen. Nach sozialräumlicher Innovation sucht man in den meisten Entwürfen vergeblich; zwar ist man heutzutage vielerorts bemüht sie mit schrillen Farben und „dynamischen LED-Lichtbändern“ etwas modischer zu gestalten, doch dominiert zumeist eine spür- und erlebbare Geringschätzung der sozialen Dimension von Erschließung.
Dabei ist das Stiegenhaus gerade im Wohnbau zuallererst ein soziales Instrument: ein räumliches Gefüge, das das Zusammenleben ermöglicht, Kommunikation und Bewegung strukturiert und beeinflusst.
Früher etwa galt in Gebäuden die einfache Formel, je weiter oben, desto minderwertiger. Denn vor der Erfindung des Aufzugs staffelte sich ein Haus vertikal entsprechend der Anstrengung, die es kostete, einen Raum zu erreichen. Unter dem Dach wohnten die Bediensteten, die Habenichtse, die Künstler. Carl Spitzwegs berühmtes Gemälde „Der arme Poet“ gibt davon anschauliches Zeugnis. Interessanterweise schwingt in dem österreichischen „Stiege“ immer noch das Steigen und damit die Mühsal mit, während die Deutschen von „Treppe“ sprechen und damit neutral dem Ding als Mittel zur Bewältigung von Höhen den Vorzug geben.
Auch sie erkennen aber die wichtige soziale Funktion dieses Bauteils an, wie Begriffe wie der „Treppenwitz“ zeigen. Der Witz ist dabei als geistreicher Gedanke gemeint, der einem zu spät, eben erst nach Verlassen des Beisammenseins in einer Wohnung, beim Herabsteigen der Treppe, einfällt. Friedrich Nietzsche meinte in diesem Sinne, dass „der Witz mancher Menschen nicht mit der Gelegenheit gleichen Schritt hält, so daß die Gelegenheit schon durch die Türe hindurch ist, während der Witz noch auf der Treppe steht.“[1]
Einig sind sich das deutsche wie das österreichische Deutsch, dass die Treppe oder Stiege ein eigenes Haus hat. Denn sie ist durch ihre Trennung sowohl von den Wohnungen oder Büros als auch vom Außenraum ein Gebäude im Gebäude, ein halböffentlicher Zwischenraum. Die Begegnungen und kurzen Unterhaltungen dort sind häufig die einzige soziale Verbindung zwischen Menschen, die als Nachbarn jahrelang unter einem Dach leben. Die Plage des Hinaufsteigens eröffnet darüber hinaus zahlreiche Möglichkeiten der Handreichung, der Unterstützung beim Hinauf- oder Herabtragen: von Einkäufen, größeren Gegenständen oder sogar Mobiliar im Falle eines Umzugs. Durch ihre gestufte Bauweise als vorübergehende Sitzgelegenheit prädestiniert, kann sie in Ausnahmefällen bei überlaufenden Wohnungen – etwa im Falle einer Feier – auch als Aufenthaltsraum genutzt werden. Selbstverständlich gesetzeswidrig, da ein tatsächliches Bewohnen des Stiegenhauses, ebenso wie etwa das Kinderspiel, in der Regel längst per Hausordnung untersagt sind.
Heute sind mehrgeschossige Häuser ohne Aufzug eine Ausnahme. Auch deshalb wird die Stiege vernachlässigt beziehungsweise nur mehr als notwendiges Übel gesehen. Die Bilanz ihrer Gestaltung fällt daher bescheiden aus. Wie im Wohnhaus „The Metropolitan“ von Delugan Meissl am Wiener Hauptbahnhof, das zeigt: ab einer gewissen Stockwerkszahl kann man sich auch die gestalterische Beschönigung dieser toten Räume getrost sparen. Ohne Ideen zur sozialen Neuinterpretation dieser Räume kann man unbeholfene Design-Experimente eben auch gleich bleiben lassen und sich auf die Einhaltung der Mindestvorgaben laut Bauordnung beschränken. Rein, rauf, runter, raus!
Vielleicht hat der Sozialraum Stiegenhaus im Zeitalter des Aufzugs schlicht ausgedient. Schließlich wurde auch die soziale Logik der Gründerzeitstiege durch ihn vollständig umgekehrt. Wer heute vermögend ist, wohnt unter dem Dach, im Geschoss der einstigen Waschküchen und Bedienstetenkammern, und hat eine eigene Aufzugstür im Vorraum.[2] Das Wohnen im Stadthaus benötigt die Stiege anscheinend nur noch im Brandfall, dann aber möglichst auf die Seite geschoben, platzsparend und ohne unnötige „Wendelungen, Ausblicke, An- und Austritte [die] im Zusammenhang mit der Neigung spezielle Bewegungswahrnehmungen [schaffen], die das Befinden und Verhalten konditionieren“[3]. Kommunikation wird überflüssig.
Selbst durchaus gelungene Architektur ist vor diesem Dilemma nicht sicher.
Etwa das Bürowohnhaus C21 des österreichischen Architekten Werner Neuwirth, einer der konzeptionell wie räumlich außergewöhnlichsten Neubauten Wiens. Wer selbst schon einen der beiden Erschließungskerne des Gebäudes betreten hat, kennt womöglich das leichte Unbehagen, das einen beschleicht, wenn man sich zu lange in ihnen aufhält: Eine eigentümliche Orientierungslosigkeit stellt sich ein. Die Vorstellung unerwarteter Begegnungen und zwischenmenschlicher Kommunikation nimmt dadurch etwas latent Bedrohliches an. So ist man erleichtert über die geschickte Positionierung des Durchlader-Aufzugs, und zieht ihn der Stiege auch am Weg nach unten dankbar vor.
Hoffnung kommt vielleicht – was heutzutage selten genug ist – aus Amerika.
Dort gibt es schon seit über einem Jahrzehnt Bestrebungen, Treppen gezielt im Dienst der öffentlichen Gesundheit einzusetzen. Angesichts des Durchschnittsgewichts vieler Amerikaner*innen scheint jede Form von Bewegung ein Gewinn; und gerade das Stiegen steigen, als besonders anstrengende Variante, erweist sich dabei als äußerst wirkungsvoll. Die soll das gezielte Hervorheben von Stiegen durch sogenanntes „Active Design“ fördern. Ein Punkt im entsprechenden Entwurfsratgeber der Stadt New York lautet somit: „increase stair use among the able-bodied by providing a conveniently located stair for everyday use, posting motivational signage to encourage stair use, and designing visible, appealing and comfortable stairs”[4]. Dem ist nichts hinzuzufügen.
[1] Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches. Bd. II, (Leipzig 1900), S. 169
[2] Ein Umstand, der dem österreichischen Architekten Harry Glück vor knapp zehn Jahren bekanntlich zum Verhängnis wurde, als Einbrecher direkt über den Aufzug in seine Wohnung gelangten.
[3] Hermann Czech, Ausstellungstext in der Ausstellung „Die Körper und der Raum“ im Tiroler Architekturzentrum aut., 2021