Ein paar Stahlstangen. Große, bedruckte Banner. Diverse Fotos. Kurze Sätze. Mehr braucht es nicht.
Die auf den ersten Blick pragmatisch angelegte Ausstellung zum Architekturpreis des Landes Steiermark 2025 hält sich nicht mit Siegerposen auf. Stattdessen zeigt sie die kollektive Anstrengung, die es braucht, um Architektur umzusetzen. Viel zu oft wird Architektur nicht nach ihrer Entstehung und ihrem Nutzen bewertet; gerade bei Preisvergaben entstehen Urteile allein durch das Betrachten von hochglanzpolierten Darstellungen. Ungewöhnlich bei dieser Ausstellung ist daher weniger die Präsentation der Projekte als die Haltung der Kurator:innen. Begleitet vom Team des HDA haben Sevince Bayrak und Oral Göktaş den Preis nicht als Trophäe, sondern als spannungsreiches Kapitel einer Erzählung gedacht.
Architektur aus der Region als globaler Beitrag
Viermal in den letzten anderthalb Jahren waren die Kurator:innen für ihre Aufgabe in der Steiermark vor Ort. Eine Region, die sie zuvor nicht kannten, wie Sevince Bayrak einräumt. Von der Grazer Schule hatte man gehört, nicht aber von der aktiven Szene, die die Region prägt. Beeindruckt haben sie die Selbstverständlichkeit und das Selbstverständnis, mit dem hier gebaut wird.
Die Design- und Bauprozesse, die sie durch Preis, Ausstellung und Publikation kennenlernen konnten, unterscheiden sich weniger von jenen in Millionenstädten wie Istanbul, als man vermuten würde. „We are not of another context. We all need facilities for care and youth. We share the same problems“, lautet eine ihrer Botschaften. Damit würdigen die Kurator:innen die Projekte als international relevante Beiträge. Die ausgezeichneten Lösungen für globale Herausforderungen heben Bayrak und Göktaş ausdrücklich hervor. In der Steiermark könne man lernen, wie man besser baut, so Bayrak im Gespräch: „Was hier entsteht, trägt zur globalen Diskussion bei.“
Die zweite Seite der Architektur
Ein Weg. Zwei Seiten. Zwei Farben. Zwei Sprachen.
Mit einfachen visuellen und räumlichen Mitteln wird eines der wichtigsten Auswahlkriterien auch in der Ausstellung umgesetzt. Auf dem Platz vor dem HDA greift der Anfang eines grünen Folienbanners um eine der Gebäudeecken. Innen kann man dem Banner durch den gesamten Raum folgen. Es ist als ortsspezifische Installation um Säulen und Kanten gewickelt. Auf der grünen Seite werden die 14 Shortlist-Projekte so gezeigt, wie sie eingereicht wurden: mit Projektfotos, Plänen, repräsentativ aufbereitet.
Auf der blauen Seite ist diese Ordnung aufgebrochen. Dort zeigt sich das Material der Entwurfsarbeit: Skizzen, Modellfotos, Renderings, Spuren der Dialoge mit Bauherr:innen und Nutzer:innen. Fragmente. Zweifel. Entscheidungen. „To be honest, architecture is more of a process than a shining piece of work“, erklärt Oral Göktaş. Preis und Ausstellung versteht er deshalb als Einladung, sich mit zentralen Aspekten architektonischer Praxis auseinanderzusetzen.
Mit Fragen einladen
„… Projekte zu antizipieren.“
„Besteht zwischen Gebäuden und Plätzen ein inhärenter Machtkampf?“
„Was passiert, wenn Architekt*innen mehr zuhören als reden?“
Zwischen den Bildern stehen prägnante Aussagen und Fragen, wie Notizen eines intensiven Reflexionsprozesses. Sie geben keine Antworten, sondern fordern Besucher:innen zum Nachdenken auf. Für Architekt:innen ist das eine produktive Reise in die eigene Praxis. Für Besucher:innen ohne Fachhintergrund bleibt vieles damit dennoch abstrakt – eine der wenigen Schwächen der Ausstellung, die jedoch durch einen präzisen Eingangstext aufgefangen wird. Er bringt die Idee auf den Punkt: Diese Ausstellung handelt von Räumen – jenen Räumen, in denen wir aufwachsen, lernen, leben und sterben. Auch wenn Architekt:innen oft wie eine geschlossene Gesellschaft erscheinen, steht außer Frage, dass Architektur Teil des Lebens selbst ist.
Cut the Bench, Not the Tree
Die Kurator*innen kommen aus Istanbul. In der Türkei dominiert der Neubau. Reuse und Care sind dort Ausnahmeerscheinungen. In der Steiermark trafen sie auf eine andere Haltung. Besonders deutlich wird das im mit dem Hauptpreis ausgezeichneten Projekt Salon Stolz von Architektursalon und su.n – spaceunit network. Überzeugt haben sie die Programmierung ebenso wie scheinbar kleine, radikale Entscheidungen. Mehr als 30 Gespräche waren notwendig, um den Erhalt eines Baumes zu sichern. Die Architekt:innen stellten sich dieser politischen Praxis des Aushandelns. Am Ende wich die Bank, nicht der Baum. Gewürdigt wird damit nicht die polierte Darstellung, sondern der Alltag der gebauten Umwelt – im Entstehen wie im Bestehen. Wie nutzen Menschen Räume? Wie selbstverständlich fügen sich Eingriffe ein? Diese Normalität wurde zum Qualitätskriterium.
Der Preis als Dialog
Begleitet wird die Ausstellung von einem Buch, das denselben Gedanken verfolgt: Alltagstauglichkeit als Qualität. Der Architekturpreis des Landes Steiermark 2025 versteht sich damit weniger als Wettbewerb denn als Diskurs. Zerina Džubur, Programmintendanz im HDA, betont die Bedeutung dieses Narrativs für die regionale Architekturproduktion. Die Kuratierung eines Preises gehe über die Verleihung hinaus und erfordere die Organisation von Ausstellung, Projektbesuchen und Publikation. Die beauftragten Kurator:innen nutzten den Preis als Chance, um auf die Werkzeuge architektonischer Praxis hinzuweisen. Sie initiierten eine dreitägige Reise durch die Steiermark, besuchten gemeinsam mit deren Architekt:innen, Auftraggeber:innen, Nutzer:innen und Institutionen die nominierten Projekte. Zusätzlich stellten die Büros Baustellenfotografien, verworfene Details, technische Zeichnungen, Notizen, Budgetinformationen und Krisendokumentationen zur Verfügung – Material, das selten veröffentlicht wird.
Das zeigt Architektur als kollektive, langwierige und viel zu oft ungesehene Arbeit.
So feiert man mit der Ausstellung nicht das Glänzende. Man feiert die kontinuierliche Anstrengung.