Ein aktuell in Printmedien viel beachtetes Thema – die Essenslieferanten von Foodora und co., ihre Lebensrealität und die Veränderung des städtischen Erscheinungsbilds durch sie – wurde in der Diskussion „Riders on the Storm, Infrastrukturen der Versorgung: Platforms, Food Delivery, Gig Jobs und die Stadt dazwischen“ besprochen. Im Folgenden ein paar Auszüge daraus, die einige Ideen um die Thematik und diskutierte Punkte umreißen sollen.
Den Anfang des Pannels machte die Vorstellung der von Fabio Hofer und Ana Mikadze kuratierten Ausstellung „Zwischen Pick-up & Drop-off. Wer unser Essen liefert?“ 2025 für das Wien Museum und die WIENWOCHE. Aus dieser Ausstellung ging etwa eine langfristige Kooperation mit einem Zentrum für Männergesundheit hervor.
Harald Trapp beschrieb anschließend unter dem Titel „Gig Space“ am Beispiel von London die Logiken hinter den von Plattformen geschaffenen Arbeitsrealitäten. Gig spaces beschreiben einen abstrakten Raum, entdinglicht, etwa wie Airbnb – eine Plattform, die selbst keinerlei Infrastruktur oder Hotels besitzt oder mietet, oder auch Uber, das ganz ohne eigene Autos auskommt. Bleibt man beim Beispiel Uber lässt sich ein Vergleich mit den traditionellen Black Cabs anstellen – den Uber Fahrern fehlt oft das Wissen über die Stadt, die Routenplanung jedenfalls erfolgt vorgegeben durch die App, die dafür auf Satelliten zurückgreift. Im Gegensatz zu den Black Cabs in London, die, nach jahrelangem erlernen der Stadt und ihrer Straßen und wichtiger Punkte, eine ausführliche Prüfung darüber ablegen. Und, nicht zuletzt, seit dem 19 Jh. gab es in der Stadt verteilt „shelters“ für die Black Cabs, wo sie ausruhen konnten, heute gibt es nur mehr noch 3 davon in London. Die Arbeit selbst ist bei den Plattformen dagegen einer Art gamification unterworfen, Bezahlung und Auftragslage ändert sich je nach Stoßzeit und Wetter, und der spielähnliche Aufbau der App soll zu mehr Leistung anregen.
Die Essensauslieferung, für deren Fahrer Aufenthaltsräume jedoch fehlen, hat eigene neue Strukturen produziert – Dark Kitchens nahe an der Innenstadt, an denen gekocht wird, und die so das Restaurant – einen Ableger in Form eines Containers - in die Nähe der Orte bringen, an denen sich die Kunden gehäuft aufhalten oder leben.
Emilia Bruck hat am Beispiel Canadas zu plattformbasierten Dienstleistungsunternehmen geforscht und stellte im Anschluss Erkenntnisse aus ihrer Arbeit vor. Sie definierte die digitalen Plattformen der Essensauslieferung als Unternehmen, die profitorientiert und extraktiv arbeiten, im Gegensatz zur klassischen Tätigkeit der Messenger oder Botendiensten mit klassischen Angestelltenverhältnissen, und größerer Bedeutung als Bestandteil einer Infrastruktur etc.
Die Arbeit der Plattformen ist, den Vorgang des Bestellens, Zubereitens und Zustellens der Mahlzeit zu vernetzen. Ihr „räumlicher“ oder „materieller“ Ausdruck ist die Fahrt selbst, oder die Zustellung an sich. Sie nutzen dafür bestehende Infrastrukturen, unter dem Vorwand, dass wir dadurch entlastet werden, durch vermeintlichen Zeitgewinn und Erleichterung des Alltags.
Auf der anderen Seite dessen stehen die Fahrer, ihnen fehlen Räume des Wartens oder durch die Plattform zur Verfügung gestellte Aufenthaltsräume, nicht zuletzt die auch etwa WCs zur Verfügung stellen, die für diese „just in time workforce“ notwendig wären. Gleichzeitig gibt es ein Überangebot an „Ridern“, um die Anforderung der Rechtzeitigkeit zu erfüllen. Dieses Überangebot an „Ridern“ bildet eine Art „industrielle Reservearmee“ die es ermöglicht, die Arbeitsbedingungen so zu halten, wie sie sind. Die Personen, die hier beschäftigt sind, sind heute Flüchtlinge die auf den niederschwelligen Job, der keine Sprachkenntnisse etwa voraussetzt, angewiesen sind.
Die Plattformen der Essensauslieferung bieten keine Arbeitsplatzinfrastruktur jeglicher Art, wodurch eine Abwälzung der Kosten auf die „Rider“ und die Öffentlichkeit stattfindet, bei gleichzeitiger Nutzung der Straßeninfrastruktur, der Infrastruktur der Telekommunikation, Satelliten, bis hin zum Gefährt der Fahrer. Investitionen und auch Risiko sind somit ausgelagert. Besprochen wurde auch, dass diesem Arbeitsverhältnis jegliche Freiheit zur Entscheidung über die Arbeitszeit, oder sogar über die zu fahrende Route fehlt.
Hier setzten die beiden Vortragenden des Riders Collective und der Gewerkschaft Vida an, die in den Arbeitsbedingungen eine Zerstörung der Sozialpartnerschaft sehen, da die Plattformen verneinen Arbeitgeber zu sein, was durch die freien Dienstverträge möglich ist.
Die Branche ist geprägt vom Kampf um die Vormachtstellung am Markt, da das Geschäft soweit nicht rentabel ist oder scheint, bzw. es nur wäre, wenn eine der Plattformen eine Art Monopolstellung hätte. Über die Dienstleistung hinaus finanzieren sie sich auch über die Lukrierung von Daten, etwa indem Dark Kitchens an profitablen Orten entstehen.
Lieferando hatte bis 2025 angestellte Fahrer und ebenso bis zu diesem Zeitpunkt hubs als Aufenthaltsräume und stellte dann die Beschäftigungsstruktur um, wohl, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Plattformen würden durch Aufenthaltsräume und Arbeitsinfrastruktur etwa zugeben, de facto Arbeitgeber zu sein.
Man plädierte dafür, Stadt und Regierungen darin zu bestärken, mit den Plattformen zum Thema Infrastruktur zu verhandeln, anstatt das zur Verfügung stellen von Infrastruktur zu übernehmen. Denn im Umkehrschluss würden sie dadurch nur die Firmen aus der Verantwortung nehmen.
Vida geht von der Grundannahme eines Angestelltenverhältnisses aus und führt einen Prozess gegen die Plattformen, der bis Dezember dieses Jahres zu einem Ergebnis gelangen sollte.