Forum Baukultur
“Was bleibt von der Grazer Schule?“, lautete die spannende Frage, unter der das vom IAKK Institut für Architekturtheorie, Kunst und Kulturwissenschaften der Technischen Universität Graz Mitte November ausgerichtete internationale Symposium stand. Wie unerwartet aktuell und kontrovers zu beantworten diese Frage tatsächlich war, wurde schnell deutlich, hatte doch das Institut in seiner Einladung auch gleich eine vorläufige Antwort suggeriert, die sich verkürzt las als: „Anfänglich ein Geheimtipp, dann ein international beachteter Hype und schließlich geschmäht, zählt die sogenannte Grazer Schule bis heute zu den bekanntesten Phänomenen der österreichischen Architektur des 20. Jahrhunderts. Sogenannt deshalb, weil die Grazer Schule weder eine zentrale Lehrerfigur noch ein gemeinsames Programm noch stilistische Gemeinsamkeiten besitzt – allerdings hat sich dieses Etikett eingebürgert und treffendere Bezeichnungen konnten sich bislang nicht durchsetzen; als Vereinbarungsbegriff wird man es daher dabei belassen müssen. Der kleinste gemeinsame Nenner besteht lediglich darin, dass die Mitglieder der Grazer Schule an der Architekturfakultät der Technischen Hochschule bzw. Technischen Universität Graz studiert haben – und insofern besitzt der Gruppenname eine gewisse Berechtigung.“
Sogar zeitlich wollten die Veranstalter die Schule von den 1960er Jahren über ihren internationalen Durchbruch in den 1970er und 80er Jahren bis zu ihren Ausläufern auf das Ende des letzten Jahrtausends festlegen. So, das war die Hoffnung, lasse sich jene Periode als eine historisch abgeschlossene Phase begreifen, der man sich mit Abstand nähern, ja deren Programme, Ideen und Konzepte man hinterfragen und auf ihre aktuelle Relevanz prüfen könne: eine Rechnung, die nicht ganz aufging.
Aufs Podium gebeten wurden, wie immer, wenn man sich in der steirischen Hauptstadt mit internationalem Renommee zu schmücken trachtet, die Graz-Dauerredner Peter Cook, der dann allerdings kurzfristig verhindert war, sowie Peter Blundell-Jones, dazu viele „Ehemalige“.
Bevor nun der Eindruck entsteht, als Teilnehmer einen Bericht über die Tagung abgeben zu wollen, muss spätestens jetzt die erklärende Anmerkung folgen, nicht dabei gewesen zu sein, was die berechtigte Frage aufwirft, warum ihr ein derart vielzeiliger Platz im „Forum Baukultur“ eingeräumt wird. Die Erklärung ist sehr einfach: Hier wurde ein wahrlich existierendes Desiderat aufgegriffen, und der Einladung wohnte das Versprechen inne, sich selbigem konkrettheoretisch zu nähern, und zwar abseits des durch alle Lande und Länder tingelnden uniformen Veranstaltungszirkus zu Globalisierung, Rekonstruktion, Zukunft oder Nachhaltigkeit der Architektur und den reißerisch-abstrakten Themen selbsternannter (Architektur-) Vordenker, die dem kläglichen Versuch geschuldet sind, der Architekturtheorie im allgemeinen Diskurs wieder den Rang zu verschaffen, den sie über die Jahre im selbstreferentiellen Theoretisieren verloren hat.
Ob und wie sich die Diskussionen als aktuell und kontrovers entpuppten, zeigt sich auf der Homepage des Vereins zur Förderung steirischer Architektur im Internet GAT, die nicht nur mit einer ausführlichen mehrteiligen Nachlese des Events, sondern ebenso mit einer, um es vorsichtig auszudrücken, sehr drastisch bildhaften nachträglichen Stellungnahme des geladenen Gastes und „Grazer Schülers“ Bernhard Hafner aufwartet – ein extrem lebendiger Diskurs, der eine genaue Lektüre verdient. Schauen Sie deshalb unter www.gat.st (hier: www.gat.st/pages/de/nachrichten/4585) nach, wie anregend und notwendig Positionsbestimmungen in der Architektur auch heute noch sein können. So sind in dieser Nachbetrachtung bemerkenswerte Sequenzen anzutreffen, wie ein kleiner Auszug verdeutlicht: „Die Grazer Schule ist ein Fake. Dieser provokante Ausspruch kommt von einem Vertreter der Grazer Schule, der keiner gewesen sein will, eine typisch österreichische Eigenart, wie Manfred Wolff-Plottegg, Professor für Architektur und Entwerfen an der Technischen Universität Wien, selbstironisch meint. Der Blick von außen ist ein der Grazer Schule immanentes Phänomen, wurde doch selbst die Bezeichnung von einem Außenstehenden, dem Wiener Architekturkritiker Friedrich Achleitner, 1981 erstmals verwendet.« Und weiter: »Zwischen allen Teilnehmern des Symposiums herrschte Übereinstimmung, dass es den Architekten der Grazer Schule nie um Form oder gar die Schaffung eines Stils gegangen war, sondern gesellschaftliche Überlegungen im Vordergrund standen. (…) So kristallisierten sich neben der Suche nach der Essenz der Grazer Schule zwei Aspekte heraus, die im gegenwärtigen Architekturdiskurs von besonderem Interesse sind: die Rolle der Zeichensäle als konstituierender und (bildungs)politischer Faktor damals und heute sowie der Ansatz des strukturalen Denkens, insbesondere in Verbindung mit der Frage nach Utopien. Eine für alle Seiten fruchtbare Besonderheit in Graz war die starke Verflechtung der Architekten mit Bildenden Künstlern, Literaten, Musikern und sogar Medizinern im Forum Stadtpark und international im Rahmen der Trigon-Ausstellungen, die einen intensiven Austausch mit italienischen und (damals) jugoslawischen Künstlern und Architekten ermöglichten. Heute würden es findige PR-Leute wohl einen kreativen Think-Tank nennen. Dass dieser tatsächlich Bemerkenswertes hervorbrachte, macht Wolff-Plottegg mit der Frage deutlich, welche heutigen Studentenarbeiten wohl nach 30 Jahren noch ausgestellt und diskutiert würden. Die von damals werden es. Abschließend beschwor er mit einer polemischen Kritik an der Strategie des Schönsaufens der (eigenen) Architektur, der immanenten Struktur der Selbstüberschätzung und der fehlenden Fähigkeit zur Theoriebildung in der Grazer Schule eine Diskussion unter den Teilnehmern herauf, die mit teils energischen Zwischenrufen und gegenseitigen Provokationen einen kleinen Einblick bot, wie es vor 50 Jahren in den Zeichensälen zugegangen sein könnte. Nur durch die Luft fliegende Weingläser und zerstörte Modelle musste man sich noch dazudenken“ (aus: GAT, „Was bleibt von der Grazer Schule? Teil 1: Auf den Spuren einer Marke“, Martin Grabner)
Andere Abschnitte machen kaum weniger Lust auf eine intensive Beschäftigung und lassen zugleich das Bedauern wachsen, nicht teilgenommen zu haben. In Kürze soll es nun eine Publikation des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften zum Symposium und dessen Ergebnissen geben. Dass darin die klare Definition eines Grazer Schülers, wie Hafner sie nach der Veranstaltung in seinem Brief an die Initiatoren des Austauschs abgegeben hat, erscheinen wird, darf man zumindest bezweifeln. In seinen Ausführungen findet sich eine sehr eigene Sicht, wenn er unter anderem formuliert: „Etwa um 1970 wurde von Achleitner/Huth der Begriff Grazer Schule geprägt. Die Absicht war klar: Mitglieder der Gesellschaft der Architektur, die in der Blutgasse in Wien ihr Quartier hatten und die wir Blutgruppe nannten, wollten durch Branding einer Marke die österreichische Avantgarde bereichern und das Grazer Ereignis von Studierenden und jungen Absolventen auf befugte Architekten ausweiten. Die Marke war erweitert, aber noch einige Zeit eine Marke geblieben. (…) Dies könnte ein Motto künstlerischer Arbeit in Graz sein: Denken, welche Gestalt das Gegenteil dessen annehmen könnte, was geläufig ist; die Unbescheidenheit und das Selbstbewusstsein haben, ganz von vorne beginnen zu wollen; die Enge des regionalen, geistigen Horizontes nicht als Maßstab zu nehmen und den Mut zu haben, zu meinen, man könne sich mit jedem messen, wenn man sich selbst richtig misst. (…) Die Grazer Schule von 1970 ist etwas ganz anderes als die Grazer Schule von 1984, und ich sage das als jemand, ohne dessen Arbeiten in den 1960er Jahren es diesen Begriff gar nicht gäbe. Ich mag in gewissem Sinn, wie andere auch, Teil von etwas sein, aber dieser Schule zugehörig sehe ich mich nicht. (…) Warum gibt es keine Projekte mit architekturtheoretischem Anspruch mehr, bevor gebaut wird? Damit nämlich beginnt die Auslese einer Schule. (…) Es ist gar nicht so schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Verlangen wir erstens, jedes Mitglied der Grazer Schule muss ein Buch über Vorsokratiker gelesen haben. Er soll wissen, dass weder Euklid noch Pythagoras Faschisten waren, weil sie Gesetze geometrischer Ordnung und Lehrsätze zum rechten Winkel verfassten. Der rechte Winkel ist nicht böse; der schiefe Winkel ist nicht gut, und die Geometrie ist weder das eine noch das andere. Zweitens, jedes Mitglied der Grazer Schule muss den Daumen-Zeigefinger-Test bestehen. Es soll nachweisen, dass seine Anregungen von ihm selbst kommen und nicht vom Blättern in Architekturbilder-Büchern oder -Zeitschriften. Drittens, jedes Mitglied der Grazer Schule muss den Braune-Nasen-Test bestehen. Es darf höchstens am eigenen Hintern riechen, nicht aber an dem anderer.“
So viel Engagement um einer Überzeugung willen beeindruckt, und zwar unabhängig von dem Aspekt, ob seine Gedanken nachvollziehbar sind oder nicht. Denn hier geht es erkennbar um eine Sache mit Herzblut – und das ist in der heutigen Zeit eitler Selbstdarstellung selten geworden.
Auf www.gat.st lassen sich im Übrigen noch viele weitere „Fundstücke“ entdecken.
Der Artikel ist erstmalig in der Jänner Ausgabe von [Umrisse] - Zeitschrift für Baukultur (Forum Baukultur, S.8/9) erschienen. Die Wiederveröffentlichung auf www.gat.st erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.
- Verfasser/in:
- DI M.Arch. Elisabeth Plessen; Forum Baukultur