Mit emphatischem Humor führt Christof Schwarz durch die Alte WU, ein Gebäude, das vielleicht nie schön war, aber eben auch nie unbrauchbar. Die Botschaft: Unsere Wahrnehmung ist verrutscht. Wir verwechseln nach wie vor „vernachlässigt“ mit „wertlos“, „leerstehend“ mit „überflüssig“. Wer sich auskennt weiß, dass Leerstand nicht erst nach dem Auszug der letzten Nutzer:innen beginnt, sondern dann, wenn man aufhört, Räume weiterzudenken, sie anzupassen, sie zu pflegen.
Stopp, will man direkt nach diesem Film rufen. Aufzeigen, mit einer großen Portion Energie, aber nicht aus Empörung, sondern allen voran aus Zuversichtlichkeit, dass noch nicht das letzte Wort gesprochen, noch nicht der Bagger den Abriss begonnen hat und nicht der letzte Planungsstrich gezeichnet ist.
Gelungen ist Schwarz eine Hommage, an „das Kind der 1980er“, an ein Gebäude, dessen gebaute Zukunft momentan in einem höchst komplexen städtebaulichen wie architektonisch anspruchsvollen Wettbewerb entschieden wird. Dabei erinnert Schwarz an etwas, das im Diskurs um Stadtentwicklung oft fehlt: ein wenig Fantasie. Die Alte WU erscheint bei ihm nicht als hoffnungsloser Problemfall, sondern als, zugegeben, widerspenstige Figur mit Charakter – „ein ungeliebter Onkel“, wie es im Film heißt, „den man trotzdem zu jedem Familienfest einlädt“.
Natürlich gibt es Probleme. Asbest in den Hörsaalböden etwa. Doch selbst hier entlarvt der Film die Reflexe der Gegenwart: Muss wirklich alles herausgerissen, bis auf den Rohbau entkernt werden? Oder ließe sich pragmatischer mit dem Bestand arbeiten? Der Hausportier liefert im Vertrauen die vielleicht klügste Antwort: drin lassen, kennzeichnen, umsichtiger mit den Dingen umgehen. Dem gegenüber stellt der Film dann trocken fest, dass große Keramikwandgemälde in Kürze abtransportiert und die vielfältig bespielte Raumkulisse der WU in ihrer Gesamtheit spätestens Ende 2026 Geschichte ist.
Der Film gewinnt an Schärfe durch den aktuellen Kontext. Auf dem Gelände der Alten WU plant die Stadt Wien ein milliardenschweres Bildungsprojekt. 150.000 Quadratmeter Raumprogramm treffen auf einen Bestand, der selbst durch Erweiterung ein Fünftel weniger Fläche bieten kann. Die Entscheidung scheint gefallen: Das Programm bleibt, der Bestand muss weichen. Dass dabei ausgerechnet Universitätsgebäude für neue Universitätsgebäude abgerissen werden sollen, ist eine jener Absurditäten, die Schwarz nicht laut kritisiert, sondern leise bloßstellt. Und ja, hier wird ein wenig ausgeblendet, dass Universitätsgebäude nicht gleich Universitätsgebäude ist.
Dabei liegt im Ort selbst ein kaum zu überschätzendes Potenzial. Die aufgeständerte Struktur, die vorhandene Tiefgarage, das autofreie Plateau – ein Stadtraum, der heute selten geworden ist. Ein Glücksfall möchte man sagen. Und einer, der daran erinnert, dass wir nicht nur Gebäude entsorgen, sondern auch die in ihnen gebundene Energie, die graue wie die kulturelle.
Schwarz’ Film ist deshalb mehr als eine Dokumentation. Er ist ein Vorschlag. Einer, der nicht nostalgisch argumentiert: Vielleicht müsste man zuerst das Raumprogramm hinterfragen, statt den Bestand. Vielleicht wäre weniger tatsächlich mehr. Vielleicht braucht es nicht das „Wunschkonzert“ der Ausschreibung, sondern den Mut zur Lücke.
Empfehlen sollte man diesen Film vor allem jenen, die über die Zukunft dieses Ortes entscheiden oder entscheiden wollen. Nicht als sentimentales Plädoyer für den Erhalt, sondern als Einladung, genauer hinzusehen. Und sich eine einfache Frage zu stellen: Muss da wirklich alles rein oder könnte man doch noch mit dem arbeiten, was längst da ist?