14/09/2004
14/09/2004

Fotos: Johannes Wohofsky

Der kritische Rechercheur vor Beginn seiner Arbeit am Freitag ... Foto: Harry Saiko

Metamorph 9. Internationale Architekturbiennale
Ein Bericht von Martin Krammer

Etwas spät im Jahresverlauf, aber doch, wurde sie nun also eröffnet, die Biennale in Venedig. Nach zwei Tagen schmerzen nicht nur die Beine, auch im Kopf hat sich einiges zugetragen, wenn man sich dem geballten Auftreten von Architektur aussetzt. Wie auch bei vergangenen Biennalen entsteht ein Situationsbild, eine Momentaufnahme zeitgenössischen Architekturgeschehens, es saugt einen rein, spuckt einen wieder aus, dann hat man alles gesehen oder vielleicht auch nicht.

Immer hübsch aufgeteilt in den allgemeinen Teil und den mit der in die Jahre gekommenen Idee des Nationenpavillons, wobei gerade diese Idee aber eine interessante Frage aufwirft: Kann die Repräsentation von Architektur den Seelenzustand eines Landes zum Ausdruck bringen? Wenn ja, inwiefern? Anscheinend werden die Pavillons gerne dazu verwendet, der Sehnsucht zu folgen. Man denke hier an Österreichs Beitrag vor vier Jahren (kuratiert von Hans Hollein), wo kurz nach der schwarz-blauen Machtergreifung nur Projekte von in Österreich tätigen Ausländern zu sehen waren. Nach dem Motto: "Hallo, seht her, so schlimm sind wir gar nicht". Und heute sind wir Österreicher also jung, die Schweizer wünschen sich eine größere Erde und die Italiener erinnern daran, dass es auch bei ihnen einmal Architektur gab.

Aber der Reihe nach:
Tag 1/Österreich

Wir beginnen sozusagen zuhause im Österreichpavillon. Es ist drei Uhr nachmittags, kurz vor der Eröffnung, weil der Staatssekretär noch nicht da ist, wir warten und haben damit Gelegenheit, reinzugehen. Da sind sie nun, die Jungen, das gemeinsame Projekt kam nicht zustande, nun weiß man, warum: Gemeinsamkeiten sind wenige zu finden, die einen ernsthaft, die anderen dem Lustprinzip folgend. Aussage: Wir haben natürlich alles drauf und zeigen euch das. Warum nur awg, pool, querkraft und the next ENTERprise dabei sind und andere fehlen, erschließt sich nicht. Die mPreis – Projekte tun sich wahrscheinlich schwer, dem durchschnittlichen Biennalebesucher zu erklären, was denn das ist, "Tirol", aber wir wissen's ohnehin. Also, wieder raus, noch immer kein Sekretär in Sicht. Daher rüber nach

Polen

Hier wird gerade eröffnet. Adam Budak hat die Schau kuratiert. Er ist auch Kurator am Grazer Kunsthaus, aber ich glaube nicht, dass hierzulande die Presse dies zur Kenntnis genommen hat. Sehr konzeptuell wird der Versuch unternommen, Architektur als mehrstimmiges Kommunikationsmittel darzustellen. Ohne Erklärung ist’s schwer zu verstehen, so bleibt die Botschaft zwischen den Werken hängen. Also, wieder

zurück.

Österreich hat in der Zwischenzeit eröffnet, Auflauf, le „tout“ (im Verlauf des Nachmittags wird der Wirbel eigentlich nur bei den untereinander benachbarten Briten, Deutschen und Franzosen größer). Wirklich imposanter Auftritt von Prix und Abraham, die nach einer halben Stunde mit ihrer Entourage axial auf den Pavillon zugehen, diesen vielleicht nie erreichen, weil natürlich von Freunden abgewunken. Wenn also Venedig nach Aussage von Prix „Salzburg mit Salzwasser“ ist, ist ER dann der Peter Simonischek der Architektur? Die Weingläser gehen aus, wir werden nach Ägypten geschickt, dort gibt’s welche mit Mineralwasser, das man ja wegschütten könne - schön langsam wird uns unwohl. Nachdem ein wichtiger Wiener neben uns seiner Freundin ganz “geheim“ erklärt, wo die nächtliche Party stattfindet und ganz leise sagt, dass das Geheimwort M-O-R-A-K ist, um reinzukommen, reicht's uns und wir gehen weiter.

USA

Betrachtet man die Beiträge unter dem Aspekt der tatsächlichen Bedeutung von Architektur in den USA (gering) und der gegenwärtigen politischen Situation, so drücken sich hier die Wünsche nach Veränderung aus. Immer wieder werden Versuche unternommen, die gesellschaftspolitische Relevanz zu steigern. So verstehen sich George Yu’s Shopping Center – Konzept oder das Baseball Stadium von Studio Gang als Metaaussagen, die erst Gehör finden werden, wenn das ökonomische Szenario dazu gefunden wird. Poesie pur: Predock_Frane's „Just add water“. Und hier kommt eigentlich eine kleine Erkenntnis, was viele (die meisten) Arbeiten hier auf der Biennale verbindet: Es ist die Rückkehr des Raumes in den Diskurs. Keine Metakonzepte, Surfaces und ob jetzt Blop oder nicht, sondern der Raum an sich ist Gegenstand dieser Schau.

Die nordischen Länder

... haben’s irgendwie verhaut. Hier zeigen sich die Schwächen konventioneller Architekturrepräsentation. Pläne und Fotos vom Gebauten sind durch die Zeitschriftenwelt dermaßen ausgereizt, dass man nicht mehr hinsieht. Ich konnte mir auch keines der Projekte merken, Ähnliches wird mir später im spanischen Pavillon widerfahren.

Großbritannien

Die Peter Cook-Show, in die er sich neben Ron Arad, Ian Ritchie, Richard Murphy und anderen mit dem Kunsthaus gleich auch selbst hineinkuratiert hat. Durchaus beeindruckend, was hier so geboten wird, im Katalog werden alle Teilnehmer vorgestellt und auch begründet, warum sie dabei sind (siehe Ö).

Frankreich

Man hat sich wohl verleiten lassen, teilzuhaben am Paris des Jahres 2014, 2034 und 2064, aber warum denn? Die Zeiten, als man herging und bunte Klötzchen in großformatige Modelle setzte und meinte, das werde dann schon einmal in richtige Architektur umgewandelt werden, sind doch schon vorbei. Aber die Sehnsucht nach der Macht, solches geschehen zu lassen, ist natürlich verführerisch, entschuldigend wird das ganze als Spielchen bezeichnet, schade dann wieder.

Deutschland

Die Nachbarn präsentieren sich so, als ob das Land voll der Architektur des Mittelmaßes sei (urteilen Sie selbst). Die durchgehende Präsentationsschleife, auf die verschiedene Gebäude in unterschiedlichen Perspektiven in alle möglichen Umgebungen hineincollagiert wurden, erzeugen unweigerlich Schwindel. Man fühlt sich, als würde ein kleiner Drogenrausch über die Qualität der Architektur hinweghelfen. Also raus.

Japan

Das ist es! Endlich. Japan zeigt das, was es am besten kann und was auch zunehmend für den Städtebau relevant wird. POP! Superpavillon, alles richtig gemacht: Ein Thema, vielschichtige Präsentation, zukunftsweisende Problematik, am Puls der Zeit – die Städte entwickeln sich nunmal selbstständig und werden vom Menschen und seinen Tätigkeiten beeinflusst und eine davon (und keine kleine) ist Entertainment. Warum die Themenparks den Konzernen überlassen, wenn man sie auch flächendeckend selber machen kann? Schöner Katalog, die 20 Euro sind gut angelegt.

Venezuela

Eigentlich ein interessanter Beitrag: eine Garderobe und viel Infomaterial mit Plastikmöbeln zu zeigen, vor allem für ein südamerikanisches Land, beim Rausgehen haben wir dann aber das Schild „Cloak Room, Infopoint“ doch gesehen...

Schweiz

Wieder eine Allmachtsfantasie. Diesmal ganz ironisch. Die Welt (Schweiz) ist zu klein, also wird sie in den Orbit verlegt und entsteht dort als neue Erde, nur größer. Christian Waldvogel trifft allerdings keine Aussage, ob man auf der neuen Erde nach Außen oder nach Innen schaut (Ich habe sie vielleicht auch nur nicht gefunden, die Aussage). Das wäre aber entscheidend, weil einer der Vorteile der alten Erde eben ist, dass man, wenn man nach oben schaut, nicht seinesgleichen sieht.

Dann ist Pause – interessantes gastronomisches Konzept der Biennale – eine Empfehlung: machen Sie lauthals auf sich aufmerksam und essen Sie nichts.

Italien

50 Jahre Italienische Architektur – kündigt doch einiges an – vor allem, wenn man an die letzten zwei Jahrzehnte (was ist da eigentlich in Italien architektonisch passiert? Irgendwo muss sie ja sein, die gute Architektur) denkt. Und dann zeigt man ein bißchen Fotos. Spannender sind da schon die Schau „In Praise of Shadows“ und die Rauminstallationen von Kengo Kuma, Peter Eisenman, UN Studio, Massimo Scolari, Ron Arad (endlich jemand, der LED verwendet) u.a... Zuguterletzt hat sich Kurt W. Forster entschlossen, Konzerthallen als Beispiel der permanenten Veränderung der Architektur zu zeigen. Offensichtlich motiviert durch Hans Sharouns „ständige Wandlung“ geht er also davon aus, dass dieser Gebäudetyp einer besonderen Evolution unterzogen sei. Mag sein. Giencke, Kada, alle da.

Israel

Wieder ein psychologischer Beitrag: Was wäre, wenn man Tel Aviv noch einmal als Insel vor der Küste aufbaut und dort hinzieht. Ein kleiner 1:1 Strand jedenfalls, der an Zeichensaalprojekte aus den 90ern erinnert.

Russland

Und da ist der Zeichensaal dazu. Gutes Konzept, russische Studenten im Pavillon unter Anweisung prominenter Architekten (Sauerbruch&Hutton, SnØhetta, Boeri, West 8, etc.) arbeiten zu lassen. So gibt’s immer was Neues. Wer allerdings jemals öffentlich entworfen hat, weiß, dass das nicht nur lustig ist (und wenn man den russischen Instruktoren zuhört, ist es auch nicht lustig). Verdammt, Architektur ist Knochenarbeit !

Niederlande

Da ist er, der Raum wieder, der holländische, flach, riesig und geplant. Ende mit holländischer Fröhlichkeit und Relaxen und so. Jetzt wird Flachware produziert und kommt dann in Planschränke (bunt), und dann wird natürlich gebaut, was das Zeug hält, aber das sieht man wahrscheinlich erst wieder in zwei Jahren.

Belgien

Danke. Goldener Löwe und mit Recht. Eigentlich zu schade für die Architekturbiennale: „Kinshasa, The Imaginary City". Hier wird ein Thema aufgegriffen, das sonst die ganze Zeit unter den Tisch fällt, in der eurozentristischen Sicht der Dinge. Die tatsächlichen Umstände, unter denen die Menschen in diesen Städten leben, werden hier nur angerissen, mehr ist auch gar nicht notwendig und erfassbar, wenn man ein Fußballstadion mit 30.000 Leuten und zwei Fernsehpredigern sieht, wird einem klar, wie lächerlich unser bisheriger Diskurs ist. Ein Beginn...

Spanien

Klassische Architekturausstellung, Pläne, Fotos, alles fesch, könnte kein einziges Projekt beschreiben (siehe: Die nordischen Länder).

Tag 2

Gegenüber dem Eingang zum Arsenale hat sich Singapur eingemietet.

Ich fühle mich ein wenig an Spanien erinnert, der Titel "Second Nature" kann nur mit der Tatsache zu tun haben, dass es in Singapur keine erste gibt.

Raus und rein ins

Arsenale

Man geht rein und „I will survive“ aus dem Lautsprecher bereitet einen auf das Kommende vor, immerhin: es gibt Hoffnung.

Architekturweltschau. Ausstellungsgestaltung Asymptote, in thematische Grüppchen gegliedert, Kristin Freireiss (die Dame von Aedes und NAI) erzählt neben uns Tratsch- und Klatschgeschichten zu den einzelnen Projekten.

Das Bild verfestigt sich: Es geht um den Raum an sich, sei er gebaut, sozial oder ökonomisch. In dieser Schau ist es jedenfalls eindeutig das Architektonische, vorbei anscheinend die Zeit des Metakonzepts, der Kiste und der hypothetischen Oberfläche (Ausnahmen sind natürlich zu finden, ich sage nur: Container City). Hier wird der Raum bearbeitet, neu erfunden, umdefiniert, wieder gebogen, geschliffen und seziert. Der Aufmarsch ist beeindruckend, in einer Art „best of“ wird gezeigt, was alle so drauf haben. Am Anfang steht Dagmar Richter, am Ende Marcos Novak, dazwischen 186 Projekte, Modelle, Schautafeln und eine Menge Leute. Kleine thematische Unterteilungen, die sich nicht immer ganz erschließen, aber den Räumen Namen geben, strukturieren das Ganze, unterbrochen nur durch eine kleine Schau in der Mitte, „Nature of Artificie“, in der Fotografie den Diskurs zwischen Natur und Kunst führt. Weiter geht’s: viele Österreicher eigentlich, Domenig, Tschapeller, Podrecca, the next Enterprise. Lustigerweise auch die Murinsel, deren Spielplatz im Katalog ganz ausführlich beschrieben ist. Zwischendurch ertappt man sich selbst, zu staunen, dass z.B. das Max Reinhardt Haus schon wieder zwölf Jahre alt ist, oder bei manchen Projekten nach Fehlern zu suchen. Hier wird man auch fündig: Richard Roger’s Fourth Grace. Hier stimmt was nicht, wenn Sie es herausfinden, schreiben Sie mir. Zu gewinnen gibt’s wie immer nichts.

Wenn Sie jetzt noch können, sollten Sie noch ein Stückchen weitergehen, gehen Sie vorbei an den Fotografien, und dann zu den nächsten Ländern und lassen Sie sich noch ein wenig von den Häuseln des estnischen Beitrags verzaubern, hier kommt alles wieder zurück.

Vielleicht vermissen Sie jetzt Brasilien, Serbien und Montenegro, Griechenland, Dänemark, Slowenien, Finnland, die Schau "Architecture on Water" und sonst noch einiges.
Fahren Sie, es sind nur 4 Stunden nach Venedig, dann sind Sie dort, nehmen Sie sich zwei oder drei Tage Zeit und lassen Sie sich reinfallen. Ob Sie enttäuscht, begeistert oder was dazwischen sind, entscheiden Sie selbst.

Martin Krammer
für GAT, Venedig

METAMORPH
9. INTERNATIONAL ARCHITECTURE EXHIBITION
VENEZIA GIARDINI/ARSENALE
Bis 7.11.2004

Verfasser/in:
Martin Krammer
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