11/09/2006
11/09/2006

Prix, Frey, Gerngross 1966, Quelle: Katalog Int. Sommerakademie Salzburg 1966, c. Frey

Biennale Venedig 2006

Leiden Architekten an einer Störung des Realitätssinnes, zu glauben, dass Meta-Cities des 21.Jahrhunderts ein Manifest der Architekturbiennale 2006 brauchen können?

In der Sommerakademie Salzburg mit Jakob Bakema haben Wolfgang Prix, Konrad Frey, Heidulf Gerngross u.a. 1966 physische Stadtmodelle entworfen und – infiziert auch von den genialen Zeichen "City in Space" und Flugzeugträger im Marchfeld – geglaubt, was Brauchbares für die Stadtentwicklung vorzuschlagen.

"Altspatz" war damals die von Walter Pichler eingebrachte Kennzeichnung für Zurückgebliebene. Und 1925 hat Le Corbusier den Kiesler gefragt: "Beabsichtigen Sie, die Stadt von Zeppelinen abzuhängen?"

In der Tat haben sich die Städte dann anders entwickelt. Und ohne Architekten zu fragen.
Haben wir daraus was gelernt?

Wiedereinmal war es Manuela Hötzl, die die erste Grundsatzkritik zum Biennaleauftritt Österreichs ausspricht (Architektur & Bauforum 15. Sep. 06). Und Walter Titz hat in der Kleinen Zeitung am 8. September etwas nachgelegt. Zu diesem Anlass noch einige Anmerkungen:

Wo bleiben die Aufträge aus den Megacties?

Ist es das Nicht-wahr-haben-wollen unseres Nicht-mehr-gebraucht-werdens, wenn wir mit einer Ausstellung von „Form, Raum, Netz“ so tun, als wär´ nix? Oder sehe ich nur die Relevanz dieser Präsentation für Singapur oder Sao Paolo nicht?

Eine Frage wird im Österreichpavillion schon gestellt. Nämlich die nach dem Rollenverlust der Architektenschaft, insbesondere als Stadtgenerator. Und die Antwort wird gleich mitgebracht. Durch Jahrhunderte haben Baumeister Hauptrollen gespielt. Die Ratlosigkeit gegenüber der Marginalisierung ist noch größer als in anderen Berufen, die nicht mehr gebraucht werden. Aber das kann im Rummel schon mal leicht übersehen werden. So ist die Ratlosigkeit und die schon chronische Realitätsverweigerung (fast) des ganzen Berufsstandes ungewollt die durchaus nützliche Message dieser Biennale.

Was wäre also interessanter und spannender, als neue Strategien für die eh nicht mehr so neue Wirklichkeit zu thematisieren.

In Wirklichkeit sind wir schon froh, wenn uns Wirtschaft oder Politik irgendwo ein Platzerl zur Verfügung stellen und einer als Hofnarr der Gesellschaft ein Gebäude zum kulturellen Kitzel hinstellen darf. Wissen Sie, dass die Behörden in Venedig jeglichen Versuch, aktuelle, auch nur temporäre Architektur zur Biennale, außerhalb der definierten Räume aufzustellen, autoritär unterbinden? (so 2004: Gerngross fragen).

Wie lange kann das noch gehen, dass wir unsere eigene Irrelevanz betreiben?
Wie lange noch zuwarten mit kritischer Selbstbefragung und Strategien zu neuer Positionierung?

Ich polemisiere nicht. All das wird schon seit langem von Toten und Lebenden aus den eigenen Reihen weisgesagt. Der Österreich-Pavillon ist der letzte Beweis. Was haben sie aus dem gewaltigen Bild des Flugzeugträgers gemacht: ein niedliches Pappmodell auf das der Besucher hinabblicken kann. Oh Graus!

Ich hatte vom Österreichbeitrag zu diesem Zukunftsthema erwartet, dass über Architektur und Stadtplanung Hinausweisendes gebracht wird. Warum hat man nicht In- und Auslandsösterreicher geholt, die aktuell relevantes vorzuzeigen haben: zu kybernetischem Denken; Netzwerkdenker jenseits von Design; Algorithmendenker; Planer, die sich mit dem Unplanbaren auseinandersetzen; oder – last but not least – über „non-architecture“-Projekte schon vor 40 Jahren im Grazer Zeichensaal..........?

Oder mal eine Architekturausstellung ohne Gebäude?

Österreich hätte die Chance gehabt, auch als Land ohne Megacity in der Weltaufmerksamkeit der Biennale intellektuelle Kompetenz vorzustellen.
Und Fragen zum Thema zu machen, wie etwa:

· Ist das vom Biennaledirektor angekündigte "Manifest für Städte des 21. Jahrhunderts" tatsächlich ernst gemeint?
· Warum ist die moderne Stadtplanung so daneben gegangen?
· Gibt es den Architekten als Stadtgenerator noch?
· Ist die Ausbildung großer Stadtgebilde ihrem Wesen nach planbar/steuerbar?
· Ist die Planung von oben herab überhaupt wünschenswert?
· Wie müssen wir umlernen, um unsere Fähigkeiten - außer zur Verschönerung
wenigstens punktuell wirksam einzubringen?
· Was könnten Strategien für die neue Wirklichkeint sein?
· Was für Projekte machen Konsulenten aus Österreich in Megacities?

Aber wahrscheinlich ist die Österreichschau eh ganz treffend: so ist es eben.

"Too old to help" hat James Joyce als 20-jähriger zum 37-jährigen William Butler Yeats gesagt.

KONTAKT:
Arch. DI Konrad Frey
Rupertistraße 79, 8075 Graz
konrad.frey@aon.at

Verfasser/in:
Architekt Konrad Frey, freie Meinung
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