Die vierundfünfzig Lebensjahre von Kurator Carlo Ratti spiegeln seine gesamte Lebenserfahrung wider. Er ist Architekt und Ingenieur, Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie am Mailänder Politecnico und hat die Umwälzungen auf unserem Planeten somit mit eigenen Augen gesehen und hautnah miterlebt. Seine schon zu Beginn der 19. Architekturbiennale lancierte Botschaft, energisch auf die klimatischen Veränderungen zu antworten, fällt mehr als deutlich aus: Um einer Welt in Flammen zu begegnen, muss die Architektur in der Lage sein, die gesamte Intelligenz, die uns umgibt, zu nutzen. Der Titel der Ausstellung Intelligens. Natural. Artificial. Collective. präsentiert sich als rätselhaftes Wortspiel, in dem intelligens, abgeleitet vom lateinischen Wort gens (Menschen), die menschliche Gemeinschaft umfasst. Insgesamt bedeutet der Titel, dass jeder Person und allem Wissen die Verantwortung – oder besser gesagt die unabdingbare Verpflichtung – zukommt, sich der Zeit und den kommenden Herausforderungen stellen „zu müssen“.
Was Architektur leisten kann?
Was kann laut Rattis Vision Architektur nun leisten? Sie kann sich strategisch anpassen und flexibel sowie dynamisch werden. Wie der Kurator mit empathischem Nachdruck betont: Im Zeitalter der Anpassung kommt der Architektur eine Schlüsselrolle zu, die den Prozess mit Optimismus leiten muss. Im Zeitalter der Anpassung muss die Architektur auf alle Formen der Intelligenz zurückgreifen: natürliche, artifizielle, gemeinsschaftliche. Im Zeitalter der Anpassung muss die Architektur mehrere Generationen und mehrere Disziplinen ansprechen, von den exakten Wissenschaften bis zu den Künsten. Im Zeitalter der Anpassung muss die Architektur das Konzept der Autor:innenschaft überdenken und integrativer werden, indem sie von den Wissenschaften lernt.
Was bedeuten diese Prämissen? Die Architektur, die ursprünglich Menschen vor den Naturelementen schützen sollte, ist nun gefordert, neue Methoden und Nutzungsmöglichkeiten zu entwickeln. Man denke nur an den fortschreitenden Temperatur- und Meeresspiegelanstieg. Sowohl für die Umwelt als auch für uns als ihre Bewohner:innen steht viel auf dem Spiel.
Wegen Renovierungsarbeiten im zentralen Pavillon der Giardini wurde die von Carlo Ratti kuratierte internationale Ausstellung Intelligens. Natural. Artificial. Collective. fast ausschließlich in den monumentalen Gebäudekomplex des Arsenale verlegt. Dieser weitläufige, mehrere Jahrhunderte alte Komplex offenbart den Geschmack des Meeres und industrieller Geschäftigkeit. In den Giardini dominieren hingegen unangefochten die klassischen nationalen Pavillons.
Der italienische Pavillon: TERRÆ AQUÆ
Es ist etwas anstrengend, zu den Tese delle Vergini vorzudringen, jenem Gebäude am Ende des Arsenale, in dem sich der Italienische Pavillon befindet. Doch auf den letzten Metern trägt der Blick auf die Gaggiandre zur Aufmunterung bei: Die bemerkenswerten Trockendocks aus dem 16. Jahrhundert – imposant überdacht und von Bögen umschlossen – sind das Werk des Renaissancearchitekten Jacopo Sansovino.
Das Innere des riesigen Padiglione Italia entschädigt die Besucher:innen auf sensationelle Weise für alle Mühen. Gleich beim Eingang beeindruckt eine Projektion auf etwa 35 Meter Länge. Nur ein Vorgeschmack auf die Inszenierung, die zahlreiche Bildschirme nutzt und in der Italien mit seinen Küstengebieten, den natürlichen Grenzen zwischen Land und Meer, zum Protagonisten wird. Der Titel der Ausstellung: TERRÆ AQUÆ. Die Intelligenz des Meeres. Zu sehen sind architektonische Projekte, Häfen, Infrastrukturen, Strände, Landschaften, Einrichtungen und andere Bereiche zum Thema in Form von Plandarstellungen, Simulationen und Fotos. Die Kuratorin Guendalina Salimei, Architektin und Dozentin an verschiedenen Universitäten, hat ein gut durchdachtes Ausstellungskonzept entwickelt. Salimei zeigt beachtliches Organisationstalent und kann zahlreiche berufliche Erfolge vorweisen, darunter eine beeindruckende Anzahl gewonnener Architekturwettbewerbe. Ihr Ziel bei der Gestaltung der Ausstellung war es, durch die Zusammenstellung experimenteller und kreativer Vorschläge, die aus kollektiver Intelligenz ebenso hervorgehen wie aus dem Aufeinandertreffen diverser technischer Wissensfelder, neue Wege für die Architektur aufzuzeigen, ohne dabei einen gewissen utopischen Überhang auszuschließen.
Terras Mediterraneas: Heterotopie auf offener See
Unter den im Italienischen Pavillon ausgestellten Projekten haben wir wegen seiner Originalität das Projekt des Studio Andrea Dragoni analysiert. Aber auch aufgrund seiner vorbildlichen Auseinandersetzung mit der Themenvorgabe der Kuratorin, experimentelle Projekte einzubeziehen, die sich den Küstenlandschaften widmen und dabei zukunftsweisende oder utopische Visionen vorwegnehmen. Dragoni ist Architekt und Professor an der DICA der Universität Perugia und der Akademie der Schönen Künste von Perugia. In seiner Laufbahn als Planer wurde er mit einer Reihe internationaler Auszeichnungen gewürdigt. Terras Mediterraneas handelt von der Schaffung einer Art funktionell autonomer Archipele schwimmender Inseln vor der Küste des historischen, am Meer gelegenen Stadtviertels Ostia. Diese sollen autark einen neuen sozialen Zusammenhalt sicherstellen und dabei alle menschlichen, natürlichen und künstlichen Ressourcen nutzen, um zukunftsfähige technologische und kreative Wege zu beschreiten.
Die Vorstellung eines Archipels analoger, maritimer und verträumter Städte – wie es der Verfasser durchaus poetisch beschreibt – greift vor allem die wagemutige Idee einer sich überschneidenden Vergangenheit und Zukunft auf. Dabei wird die Vergangenheit über die Archäologie hinaus als „romantische“ Vision einer ursprünglichen Neugründung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens betrachtet. Die Zukunft wird als Auslöschung des Gefühls der Zerrissenheit gesehen, das mit unseren städtischen Ballungsräumen verbunden ist. Ein Beispiel hierfür ist Rom, insbesondere dessen Stadtteil Ostia, sein ungeordneter städtischer Ausläufer am Meer.
Schwimmende Städte
Terras Mediterraneas ist mehr als nur eine Wohnhypothese, bestehend aus großen, stillgelegten Schiffen, die in schwimmende Oasen umgewandelt wurden, ohne jeglichen Kontakt zum Festland; nur Anlegestellen, die eine Verbindung zum „Kontinent” herstellen. Der Archipel erlebt den Rausch einer permanenten Autonomie, vielleicht eine symbolische Instabilität, und in seinen realen Ausdrucksformen, wie Parks und Stadtvierteln, stellt er technologische Gewohnheiten, architektonische Grundlagen und Umweltvisionen radikal auf den Kopf. Er vertraut sein Schicksal dem Meer an und gestaltet die epistemologischen und anthropologischen Voraussetzungen, die in Jahrtausenden der Geschichte erworben wurden, neu. Terras Mediterraneas schlägt interessanterweise eine Umkehrung des Bildes vor, das uns der lateinische Dichter Lukrez in seinen denkwürdigen Versen von der Sicherheit auf dem Festland vermittelt, indem er im Meer Gefahren und Leiden sieht.
In neuer harmonischer Einheit
Terras Mediterraneas bezieht die für eine neue Einheit zwischen Lebewesen und Kosmos notwendige Energie aus Meerwasser und anderen natürlichen, erneuerbaren Ressourcen. Ist es möglich, daran zu glauben? Also an ein „Anderswo“, an dem eine neue Harmonie zwischen Raum und Bewohner:innen herrscht? Wahrscheinlich ist die bejahende Antwort auf dieses Streben tief im menschlichen Bewusstsein verwurzelt. So gab es etwa die Legende einer Insel des Glücks bereits im antiken Griechenland, die in der Neuzeit vom französischen Künstler Jean Antoine Watteau in einem Gemälde aus dem Jahr 1717 mit dem Titel Einschiffung nach Kythera gefeiert wurde. Darauf ist eine Gruppe von Personen zu sehen, die sich anschickt, zu dieser Liebesinsel überzusetzen. Die mythische Inspiration entsprang der Tatsache, wonach die wunderschöne Aphrodite in den schäumenden Meereswellen dieser Insel der Harmonie geboren wurde.
Der Archipel der maritimen und verträumten Städte begründet somit sein Grundkonzept, auch wenn dies bedeutet, dass alles umfassend neu und außerhalb üblicher Normen konzipiert werden muss. Eine Welt im Wachstum, in der es faszinierend ist, sich das Verhalten der „zukünftigen" Wohngemeinschaften vorzustellen.