22/06/2026

Im architektonischen Aufbruch, der Südtirol in den 1960er und 1970er Jahren prägt, tritt Helga Ehall als eine der ersten in der Provinz Bozen tätigen Architektinnen hervor. Sie profiliert sich durch ihre besondere Hinwendung zur Innenarchitektur, die zum zentralen Schwerpunkt ihres gestalterischen Wirkens wird. In einer Phase, die von neuen Wohnformen, gemeinschaftlichen Lebensmodellen und dem Ausbau öffentlicher Bauaufgaben geprägt ist, versteht Ehall den Innenraum als Ort kultureller Vermittlung. Durch den bewussten Einsatz von Materialien, Licht und Proportionen aktualisiert sie das alpine Erbe den Anforderungen eines zeitgenössischen Lebensstils entsprechend.

22/06/2026

Helga Ehall und Arno Hofer, Theater-Kulturheim Walther von der Vogelweide, Bozen, 1967, Zustand 2012, Quelle: Wikimedia Commons

Architektin Helga Ehall (1928-1925) in den 1960er Jahren, 
© Privat

Architekten Helga Ehall und Arno Hofer in den 1980er Jahren im Büro am Waltherplatz in Bozen, © Privat 

Helga Ehall und Arno Hofer, Theater-Kulturheim Walther von der Vogelweide, Bozen, 1967, aus: Feldkircher 1982 [Walter Feldkircher, Dr. Arch. Arno Hofer. Dr. Arch. Helga Hofer-Ehall, Innsbruck-München 1982]

Helga Ehall und Arno Hofer, Theater-Kulturheim Walther von der Vogelweide, Bozen, 1967, Theatersaal, aus: Feldkircher 1982

Helga Ehall und Arno Hofer, Wohnhaus, St. Michael-Eppan (Bz), 1967, aus: Feldkircher 1982

Helga Ehall und Arno Hofer, Wohnhaus, St. Michael-Eppan (Bz), 1969, Wohnraum mit Kamin, aus: Feldkircher 1982 

Helga Ehall und Arno Hofer, Terrassenhausgruppe, Seis am Schlern (Bz), 1973, aus: Feldkircher 1982

Helga Ehall und Arno Hofer, Mittelschule, Lana (Bz), 1980, Innenhof, aus: Feldkircher 1982

Helga Ehall und Arno Hofer, Mittelschule, Lana (Bz), 1980, Bibliothek, aus: Feldkircher 1982

Helga Ehall und Arno Hofer, Mittelschule, Lana (Bz), 1980, Nord- und Westansicht, aus: Feldkircher 1982

1928 in Graz geboren, wuchs Helga Ehall in einem gebildeten, kosmopolitischen Umfeld auf. Ihr Leben war geprägt vom frühen Tod des Vaters im Zweiten Weltkrieg und vom starken Einfluss ihrer Mutter, einer ausgebildeten Pianistin und Angehörigen der Familie des renommierten Grazer Hotels Weitzer. Dieser familiäre Hintergrund ermöglichte ihr eine höhere Schulbildung und schließlich das Architekturstudium an der Technischen Hochschule Graz – zu einer Zeit, in der das Fach noch deutlich männlich dominiert war.

Sie schloss 1954 mit einem Entwurfsprojekt für ein Wachsendes Haus für junge Architekten ab, betreut von den Professoren Friedrich Zotter und Karl Raimund Lorenz. Unmittelbar nach dem Abschluss heiratete sie ihren aus Südtirol stammenden Studienkollegen Arno Hofer (1923–2017), mit dem sie fortan sowohl privat als auch beruflich eng verbunden blieb. Nach einem ersten Aufenthalt in Bozen verbrachte das Paar ab 1955 zwei Jahre in Rom: Ehall arbeitete dort in einem Architekturbüro, während Hofer die Nostrifizierung seines österreichischen Abschlusses in Italien erlangte. Eine Gesetzesänderung im Jahr 1956 ermöglichte Helga Ehall schließlich die direkte Zulassung zur italienischen Staatsprüfung zur Erlangung der Berufsbefähigung als Architektin (Esame di Stato), sodass sie 1957 – nach Jolanda Zamolo – als zweite Frau in die Architektenkammer der Provinz Bozen eingetragen wurde.

Architekturbüro

Arno Hofer und Helga Ehall gründeten ihr gemeinsames Büro, Architekten Hofer, am Waltherplatz in Bozen. Ihre Arbeit war tief im Südtiroler Kontext verankert und umfasste ein breites Spektrum an Bautypologien, mit besonderer Kontinuität im Schulbau. Besonders hervorzuheben ist die städtebauliche Tätigkeit, die das Paar zwischen 1962 und 1972 in Zusammenarbeit mit Prof. Luigi Piccinato (Rom) und Prof. Werner Jäger (Wien) für zahlreiche Südtiroler Gemeinden ausübte. Der Auftrag umfasste die Ausarbeitung der Flächenwidmungspläne und der entsprechenden Durchführungsinstrumente und stellte einen bedeutenden Beitrag zur raumplanerischen Entwicklung der Provinz in der Nachkriegszeit dar. Diese umfassende Auseinandersetzung mit dem Südtiroler Territorium stellte zudem eine Pionierarbeit für die Provinz dar und nahm Ansätze und Methoden vorweg, die für die spätere Raumplanung maßgebend sein sollten.

Eine systematische Rekonstruktion des Werkverzeichnisses von Ehall und Hofer gestaltet sich anspruchsvoll, da das Büroarchiv nicht mehr erhalten ist; dennoch erlauben eine Publikation aus dem Jahr 1982 sowie Recherchen in verschiedenen Gemeindearchiven die Zusammenstellung eines wesentlichen Teils ihres Schaffens. Eine zentrale dokumentarische Quelle bildet der Dokumentarfilm Architektinnen. Aus Leben und Arbeit, Geschichten dreier Pionierinnen, der das einzige bekannte audiovisuelle Interview mit Helga Ehall enthält. Daraus geht deutlich hervor, dass sie sich innerhalb des Büros hauptsächlich der Innenarchitektur widmete, ein Tätigkeitsfeld, das aus einer präzisen Arbeitsteilung resultierte und heute als wesentlich für das Verständnis ihres gemeinsamen Beitrags gilt.

Moderne und Tradition

Charakteristisch für die Architektur des Büros von Hofer und Ehall sind langgestreckte, weiß verputzte Baukörper und horizontale Fensterbänder, die die Linearität der Gebäude betonen. Trotz dieser typischen Elemente der modernen Architektur fügen sich die Bauten harmonisch in das städtebauliche und landschaftliche Umfeld ein, ein Ergebnis sorgfältiger Proportionierung und eines zurückhaltenden Umgangs mit den Volumina.

Ein besonderes Merkmal ihres Werks, geprägt sowohl durch die österreichische Ausbildung als auch durch den Aufenthalt in Rom, liegt in der Fähigkeit, Elemente der lokalen Bautradition in eine konsequent moderne Architektursprache umzusetzen. Ein exemplarisches Beispiel ist der Einsatz von Satteldächern, die für die alpine Baukultur typisch sind: In reduzierter Form, mit geringen Überständen und stärker in den Baukörper integriert, werden sie zeitgemäß interpretiert. Diese Synthese von Moderne und Tradition verleiht ihren Arbeiten eine unverwechselbare Identität und ermöglicht einen ausgewogenen Dialog mit dem Kontext, ohne die eigene gestalterische Autonomie aufzugeben.

Räume für Jugendliche – die Mittelschule von Lana

Diese Haltung zeigt sich besonders deutlich beim 1980 realisierten Projekt für die Mittelschule von Lana, südlich von Meran, einem der komplexesten Schulbauten des Büros. Das Gebäude mit einem Bauvolumen von 40.000m³ umfasst über 30 Klassenräume, ein pädagogisches Zentrum, eine Mensa, eine Bibliothek, eine Turnhalle mit Nebenräumen, ein Schwimmbad sowie einen Verwaltungstrakt. Die innere Organisation basiert auf einer klaren, streng gegliederten Struktur aus fünf längsgerichteten Baukörpern, die jeweils spezifischen Funktionen zugeordnet sind. Durch ihre Anordnung entsteht ein begrünter Innenhof, ein Ort der Ruhe und visuellen Ausgewogenheit, der den Schülerinnen und Schülern ein Umfeld bietet, das Konzentration, Wohlbefinden und Zugehörigkeit fördert.

Die Innenräume zeichnen sich durch ein differenziertes Spiel von Massivität und Öffnungen aus, sowohl in der Wandgestaltung als auch im Mobiliar, wodurch eine gleichmäßige natürliche Belichtung ermöglicht wird. Diese räumliche Konfiguration erlaubt es den Schülerinnen und Schülern zudem, ihre Position innerhalb des Gebäudes visuell nachzuvollziehen – ein Aspekt, der Orientierung und räumliches Bewusstsein stärkt. Diese besondere Sensibilität für architektonische Qualität sowie für die psychologischen und wahrnehmungsbezogenen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen entspricht genau jener Haltung, die Helga Ehall im Laufe der Jahre, insbesondere nach ihrer eigenen Mutterschaft, zunehmend entwickelte.

Institutionelle Anerkennung

2015 verlieh die Architektenkammer der Provinz Bozen (Ordine degli Architetti PPC) Helga Ehall den Titel Ehrenmitglied, eine Auszeichnung, die jenen vorbehalten ist, die sich in besonderer Weise um die Baukultur, die architektonische Disziplin oder die Weiterentwicklung des Berufsstandes verdient gemacht haben. Es handelt sich um eine seltene Ehrung: Bis heute wurden lediglich 24 Südtiroler Architektinnen und Architekten damit ausgezeichnet, darunter nur drei Frauen: Helga Ehall, Jolanda Zamolo und Helga von Aufschnaiter.

______
Dieses Architektinnenportrait erscheint in der Reihe Architektinnen in/aus Graz – Ins Licht gerückt, 20. Jahrhundert (Projektleitung: Antje Senarclens de Grancy). Weitere Portraits lesen Sie >>> hier

Hier geht's zum 
Nachrichtenarchiv 
und zum Kalender
 
 
Winter-
pause 
bis 7.1.2025
GAT