Die Aula war an diesem Freitagnachmittag voll mit Freund:innen, engsten Familienmitgliedern, Bekannten und Vertreter:innen der TU Graz sowie der Ziviltechniker:innenkammer. Wie es dem unter anderem universitätslehrenden Dietmar Feichtinger gebührt, wurde cum tempore, c.t., also erst nach der „akademischen Viertelstunde” begonnen. Dabei zeigten sich bewusst oder unbewusst zwei Bilder des Architekten Dietmar Feichtinger: Eines als leistungsbereiten, hartnäckigen Perfektionisten, das andere als bescheidenen, nachdenklichen Visionär, der sich in den pragmatischen Rahmenbedingungen der Architekturarbeit stets behaupten konnte. Aber erstmal von Anfang an.
Die Laudatio für Feichtinger hielt sein Wegbegleiter Architekt Alfred Bramberger. Er zeichnet ein Idealbild eines Architekten, verkörpert durch Feichtinger, das älteren Architekturalumnae und -alumni wahrscheinlich noch tief in den Knochen sitzt: Tagsüber war er im Büro anzutreffen, abends und nachts hat er an eigenen Wettbewerben gearbeitet. Freizeit gab es keine, das Studium wurde mit Auszeichnung bestanden. Feichtinger zeichne sich durch Mut und Hartnäckigkeit aus. „Er bleibt dran, bis das Ergebnis stimmt“, konstatiert Bramberger ihm größte Erfolgsorientiertheit.
Leistungssport Architektur?
Wo er früher seinen Freund mit ins Team holte, sind es heute Dutzende unterschiedliche Nationalitäten, die in seinem eigenen Büro für Internationalität sorgen und gleichzeitig als eine Art Auszeichnung dienen. Wofür, das bleibt uns Bramberger an dieser Stelle schuldig. Viele Wettbewerbe wurden gemacht, viele auch gewonnen, und viele realisiert – so das Resümee zur Produktivität des Büros Feichtinger (Dietmar Feichtinger Architects, DFA). Der Universitätsprofessor Feichtinger, der in Innsbruck und an der ENSA Ecole d’Architecture La Villette Paris gelehrt hat und es noch heute an der TU Wien tut, bringe große Empathie seinen Studierenden entgegen.
Weitere ihn auszeichnende Qualitäten sind Bescheidenheit, Ausdauer, Präzision – Wörter einer Laudatio, die einen Leistungssportler hier nicht von einem Architekten unterscheiden lassen könnte. Was man ersterem vielleicht auch wünschen würde, so wie es Bramberger tut: „Gönn dir eine Auszeit, du hast ein stressiges Leben!“
Und genau mit diesem Leben, das allerdings nicht als stressig, sondern fürsorglich gezeichnet wird, beginnt Dietmar Feichtinger selbst seinen Festvortrag. Die in der Laudatio kolportierte Bescheidenheit wird nun allen Anwesenden im Raum praktisch vorgeführt: Feichtinger, international bepreister, erfahrener und renommierter Architekt, nennt die Situation, in der er sich hier am Podium stehend befindet, als „unangenehm“ und deutet damit rhetorisch auf die Aufmerksamkeit, die ihm hier ungeteilt entgegenkommt.
Ein Familienporträt als Werkschau
Der erste Dank seiner Rede, vielleicht auch dem tags darauf folgenden Muttertag geschuldet, gilt Mama Feichtinger, die ganz klassisch heteronormativ nicht mit einer Flasche Wein (wie Feichtinger selbst), sondern mit einem großen Blumenstrauß beschenkt wurde. Eltern legen den Grundstein für den Menschen, führt Feichtinger seine eigene Herkunft aus, die ihm letztlich zur Architektur geführt hat.
Immer wieder gleitet er in selbstreflektierende Gedanken ab, wie etwa mit der existenzialistischen Frage ans Publikum „Was erwarten Sie sich eigentlich? Ich weiß es nicht.“ Wohl auch ohne diese menschelnden Zwischenzeilen im Vortrag wird den Zuhörenden klar, dass ein Mann vor ihnen steht, der Ehrungen und Aufmerksamkeit nicht als selbstverständlich erachtet. Für ihn scheinen die Momente in der kleinen Heimat Steiermark, mit der er sich noch sehr verbunden fühlt, ebenso wichtig wie Tätigkeiten in den Weltstädten New York oder Paris.
So beginnt auch seine Werkschau mit dem Titel „Architektur verbindet“ – der wohl eine augenzwinkernde Anspielung auf seine bekannten Brücken darstellt – nicht mit einem Gebäude, sondern mit einem Familienfoto. Über seine drei Söhne und ihre unterschiedlichen Lebensläufe beschreibt er die stoische Geduld und Ruhe, mit der er das Leben um ihn herum wahrnimmt, wohl wissend, dass man nicht alles unter Kontrolle bringen kann und soll. Viele Entwicklungen, eben auch jene der Familienmitglieder, können nur beobachtet werden. Den eigenen Weg muss jeder und jede schließlich selbst finden.
Doch noch Architektur
Dietmar Feichtinger führte diesen Weg schnell aus Graz heraus. Wien habe ihn nie interessiert, gesteht er offen. Schon früh lagen bei den Feichtingers Zeitschriften wie die L’Architecture d’aujourd’hui am Couchtisch, und das große kreative und wirtschaftliche Glück suchte man – wie wir wissen, erfolgreich – in Paris. Von der Universitätsbildung, unter anderem von Volker Giencke im ersten Semester, nahm Feichtinger mit: Architektur beschützt. Von Eilfried Huth, einem Pionier des partizipatorischen Bauens, nahm er sich den gesellschaftlichen Anspruch von Architektur mit. Die Arbeit erfolgt immer für und mit den Menschen.
Besonders beeindruckend war ein sonst eher selten so prominent stattfindende Selbstkritik des damaligen Architektenbildes (bewusst nicht gegendert), denn Feichtinger sinniert über die damalige Arbeitskultur unter dem großen Diktum des Architektengenies: „Die ganze Zeit [die in Arbeit, Projekte und dergleichen gesteckt wurde] hätten mir vielleicht auch für was anderes verwenden können … im Nachhinein betrachtet.” Mit seiner Lehrerfahrungen unter Klaus Kada schwenkte der Vortrag schließlich in Feichtingers bekannte und für die Ehrung auch so relevante Architekturpraxis um.
Ein Architekt wie Romy Schneider
Das erste gezeigte Projekt ist für viele Grazer:innen nicht weiter erklärbedürftig. Das Foto zeigte eine gläserne Brücke, deren Konstruktion so schlank wie möglich gehalten wurde und einen leichten horizontalen Bogen formte: Es handelte sich natürlich um die Verbindungsbrücke des Pflanzenphysiologischen Instituts der Karl Franzens Universität in Geidorf. Die Kurve resultiert aus dem Baumbestand, der auch weiterhin so bestehen bleiben sollte. Dafür musste die Architektur im wahrsten Sinn des Wortes ausweichen. Klaus Kada, dessen Büro das Projekt realisiert hat, prägte Feichtinger stark, und so erklärte er zum Bild: „Wichtig ist die Transparenz, nicht die Brücke.“
Brücken – das sind jene Bauwerke, die wohl untrennbar mit dem Namen Dietmar Feichtinger verbunden (Achtung: Wortwitz) sind und bleiben. Feichtinger selbst nimmt zu dieser Tatsache auch Bezug, indem er sich verständnisvoll zeigt, allerdings: Brücken sind nicht die Spezialisierung des Büros! Er sieht sich fast demselben Schicksal wie Romy Schneider ausgesetzt, scherzt Feichtinger. Schneider wurde mit ihrer Rolle als Kaiserin Sissy so stark assoziiert, dass beide in der öffentlichen Wahrnehmung dieselbe Person wurden. Seit dem großen Erfolg der Fußgänger:innenbrücke Passerelle Simone de Beauvoir im Paris Stadtzentrum, direkt anschließend an die nicht minder bekannte Französische Nationalbibliothek François Mitterand von Dominique Perrault, wird Dietmar Feichtinger und sein Büro primär mit spektakulären Brücken assoziiert.
Das hat mitunter den Grund, mutmaßt Feichtinger, dass Brücken emotional aufgeladen und natürlich öffentlich stark sichtbar sind. Auch politisch können sie sein, die Brücken, wenn beispielsweise Frankreichs Armee Brücken gesprengt haben, um den Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg die ungehinderte Vorrückung zu verunmöglichen. Diese historische Anekdote habe selbst einen großen Wert, denn sie symbolisiere seine eigene, quasi zeitgenössische Haltung, erklärt Feichtinger und verweist auf die enorme Bedeutung dieser Bauwerk über die Zeit hinweg.
Der gerade Weg ist nicht immer der Beste
Das Büro Dietmar Feichtingers hat eine breite Palette an Erfahrung zu bieten, und „auch kleine Projekte kriegen eine Nummer“, relativiert Feichtinger die hohe Produktivität seiner Mitarbeitenden. Über 500 Projekte wurden bis heute realisiert. Spätestens hier wird einem klar: Beim Reden über Architektur kommt der Vollblutarchitekt so richtig in Fahrt. Während zu Beginn der Rede noch Zaghaftigkeit dominierte, gibt es nun kein Halten mehr.
Ihn interessiere besonders die Transparenz an der Architektur, führt Feichtinger aus. Sichtbare Leichtigkeit benennt er die Qualität eines Bauwerks, die für ihn auch automatisch die unsichtbare Schwere mitmeint: Hinter jeder scheinbar leichten Konstruktion steckt nicht nur viel Arbeit und Tüftelei, sondern auch versteckte Konstruktionen, die den scheinbaren Ausdruck einer Struktur maßgeblich mitprägen.
Den Steg zum Mont-Saint-Michel, einer der größten französischen Attraktionen, hat Feichtinger geplant noch ohne das Wissen um die Wichtigkeit dieses Nationalstolzes. Dies war wahrscheinlich kein Nachteil, denn dadurch konnte sich Feichtinger auf die Idee konzentrieren, ohne von dem großen historischen und gesellschaftlichen Ballast abgelenkt und verunsichert zu werden. Der Steg selbst, der eigentlich eine riesige Brücke ist, ist ähnlich seinem kleinen Bruder im Pflanzenphysiologischen Institut, leicht gebogen. Hier sind allerdings nicht Bäume der Grund, sondern die Psychologie des Weges. Würde die Brücke gerade zu Mont-Saint-Michel hinführen, hätten die Fußgänger:innen das Ziel direkt vor Augen und würden die umliegende Landschaft weniger beachten. Indem man die Insel aus dem Fokus rückt, können andere Aspekte der Umgebung stärker in den Vordergrund rücken.
Arbeiten in Zeiten der Effizienz
Während wir projekttechnisch uns immer weiter der Gegenwart annähern, treten damit auch immer stärker jene Dogmen der Rahmenbedingungen hervor, die jede Architekturarbeit bestimmen: Es geht um die Produktivität und die Wirtschaftlichkeit – und erneut reflektiert Feichtinger in Echtzeit vor seinem Publikum, das noch immer gespannt zuhört. Kosten und Zeit seien wichtig, sagt Feichtinger, während seine letzten Projektslides zur Ausbildungsstätte für Pflegekräfte in Genf gezeigt werden. Jedoch sind sie nicht das Wichtigste.
Den Blick für die Realität nimmt er auch in seine gegenwärtigen Projekte mit, wie er anhand der Pflegeausbildungsstätte in Genf und der Metrostation Parc des Expositions Villepinte zeigt. Bauen sei für ihn nicht das Schönste auf der Welt, denn es ist sehr belastend, zeigt sich Feichtinger kritisch. Bei seinen Gebäuden will er gerne zeigen, wie es ist. So sieht man die Bauteile und ihre Materialität, Leitungsverläufe und Kabelkanäle, die Tragstruktur und unterschiedliche Materialien, je nachdem für welchen Einsatz sie sich schlicht am besten eignen. Dadurch erreiche man auch, dass Menschen das Gebäude nicht nur benutzen, sondern vielleicht auch verstehen lernen.
Der Abschluss seiner Rede bringt Dietmar Feichtinger wieder zu seinen Eingangsworten: als unangenehm mochte ihm der andauernde Applaus erscheinen, so versteckte er sich kurzerhand hinter der Steiermark-Flagge, nur um dann lächelnd wieder zaghaft hinter ihr hervorzutreten. In welches Berufsbild passt diese demütige Demonstration eines ehrwürdigen Architekten? Eine Frage, die sich Dietmar Feichtinger vielleicht auch selbst stellt, und die uns sicherlich nicht schaden würde zu reflektieren. Das Berufsbild des Architekten, zeigt sich an diesem Tag, ist facettenreicher als es uns alte Textbücher glauben machen wollten.