Die Vorlesung hat bereits begonnen. Leicht verspätet betrete ich durch den Hintereingang den Egon Eiermann Hörsaal. In der letzten Reihe finde ich einen Platz, setze mich hin und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Auf dem Weg hierher bin ich an den Eiermann-Schreibtischen im Zeichensaal vorbeigekommen. Klare Linien, vertraut, fast streng. Anders als in meinen üblichen Bauingenieur-Räumen scheint hier jedes Detail auf Ästhetik bedacht. Reduzierte Formen, stille Eleganz. Die Schreibtische wirken wie eine Mahnung an das, was Eiermann hier als Professor damals lehrte: Schönheit als Notwendigkeit, nicht als Zugabe.
In einer vorherigen Vorlesung wurde der Werdegang Eiermanns vorgestellt. Ich erinnere mich, dass er zu den bedeutendsten deutschen Architekten des 20. Jahrhunderts gehört. Geboren bei Berlin, studierte er Architektur an der TH Berlin-Charlottenburg. Schon seine frühen Bauten bis 1930 trugen eine klare modernistische Handschrift. Ab 1931 machte sich Eiermann mit einem eigenen Architekturbüro in Berlin einen Namen. Seine Wohnhäuser jener Jahre hatten zwar, dem Zeitgeist gehorchend, meist ein flach geneigtes Satteldach, doch blieben sie in ihrer klaren Formensprache freier und moderner als die zeittypische Heimatschutzarchitektur.
Nach der Vorlesung griff ich zu Ulrich Coenens Buch Eiermann in Mittelbaden, das Eiermanns Tätigkeit während und nach der NS-Zeit detailliert aufarbeitet. Coenen widmet sich darin unter anderem den Jahren 1933 bis 1945.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste auch ein moderner Architekt wie Eiermann seinen Weg finden. Eiermann konzentrierte sich daher auf Industriebauten und private Wohnhäuser, wo der Gestaltungsspielraum etwas größer blieb. Allerdings bedeutete dies keineswegs, dass Eiermann in Opposition zum Regime stand. Entgegen mancher Legende war er kein Widerstandskämpfer gegen die Nazis, er arrangierte sich vielmehr mit den Machtverhältnissen.
Die Forschung betont inzwischen deutlich, dass Eiermann, wie viele Deutsche in jener Zeit, sein Gewissen hintanstellte, um beruflich erfolgreich bleiben zu können. So arbeitete er 1937 an der großen Propaganda-Ausstellung „Gebt mir vier Jahre Zeit“ mit, einer Leistungsschau des Regimes. Die Grenzen zog er dabei weniger bei der Frage, für wen oder zu welchem Zweck er baute, sondern vielmehr bei der künstlerischen Vertretbarkeit seiner Entwürfe. Eiermanns Hauptbetätigungsfeld wurde im Dritten Reich der Industriebau, wo moderne Sachlichkeit toleriert wurde, solange sie den Zielen des Regimes diente. Zusammengefasst legte Eiermann zwischen 1933 und 1945 fachlich den Grundstein für seinen späteren Ruhm in Westdeutschland, um den Preis moralischer Kompromisse.
„Eben noch im Einsatz für den ‚Totalen Krieg‘ waren die deutschen Architekten nach 1945 nahtlos am Aufbau der Bundesrepublik beteiligt“, schreibt Coenen.
Nach Kriegsende fand Egon Eiermann erstaunlich rasch zurück ins Berufsleben, ein Hinweis darauf, wie sehr seine moderne Haltung nun positiv umgedeutet wurde. Dass Eiermann in kürzester Zeit wieder so aktiv sein konnte, lag auch daran, dass er politisch nicht belastet erschien. Er war kein prominenter Nazi-Architekt gewesen und konnte glaubhaft machen, im Dritten Reich nur gebaut, aber keine Ideologie verbreitet zu haben. So galt er vielen als der richtige Mann für den Wiederaufbau. Tatsächlich wurde Eiermann „der Mann der Stunde“ im Nachkriegsdeutschland und avancierte in den 1950er und 1960er Jahren zur Ikone des westdeutschen Wiederaufbaus. Eiermann galt damit vielen als Hüter einer modernen, menschlichen Architektur, fern von den Monumentalbauten der Nationalsozialisten.
In Karlsruhe wurde Eiermann zu einer prägenden Lehrpersönlichkeit. Mit seinem jovialen, optimistischen und gleichzeitig fordernden Unterrichtsstil machte er die Architektur-Fakultät rasch zu einer der beliebtesten des Landes.
Auf der offiziellen Website des KIT findet sich ein eigener Beitrag zu Egon Eiermann. Dort heißt es knapp: „Von 1931 bis 1945 ist er als selbständiger Architekt in Berlin tätig.“ Mehr wird über diese Jahre nicht gesagt.
Hier sitzend beschleicht mich das Gefühl, dass wenig Interesse besteht, die Vergangenheit Eiermanns kritisch zu beleuchten. Mein Blick wandert durch den Raum, doch keine Tafel, kein Hinweis, kein erklärender Satz, der sein Wirken während der NS-Zeit thematisiert. Stattdessen bleibt ein Schweigen, das Fragen aufwirft. Gerade hier wird spürbar, wie schwer es uns fällt, die Geschichte in all ihren Zwischentönen anzunehmen. Nach der NS-Zeit wurden die schaffenden Architekten in zwei Lager unterteilt. Auf der einen Seite die Helden der Moderne, deren klare Formen als versteckter Protest gedeutet wurden, fast als heimliche Auflehnung gegen das Regime. Auf der anderen Seite die Vertreter des klassischen Stils, abgestempelt als Systemtreue, al Überzeugungstäter, die man bestrafen oder zum Schweigen bringen musste.
Ich lehne mich zu meiner Sitznachbarin hinüber und frage leise nach ihrem Bild von Egon Eiermann. Carolin Stolz, Architekturstudentin, antwortet, sie habe sich schon im Vorjahr mit ihm beschäftigt und aus Interesse weiter recherchiert. So sei ihr die Problematik bewusst geworden. Vorher habe sie Eiermann nur mit seinem Baustil verbunden. Es betrübe sie, dass nicht mehr für eine kritische Einordnung getan werde, dabei ließe sich dies, so Stolz, durchaus tun, ohne seine herausragenden Leistungen infrage zu stellen.
Etwas verdutzt dreht sich Anabel Rilling, ebenfalls Architekturstudentin, aus der Reihe vor uns um. Das habe sie überhaupt nicht gewusst. Im Studium sei ihr Eiermann bislang nie im NS-Kontext begegnet, wenn überhaupt, dann nur am Rande, und in der gängigen Erzählung als Rebell der Moderne. Eine wirkliche Rolle habe dieses Kapitel jedoch nie gespielt. Sie findet, es wäre ein spannender Ansatz, der innerhalb der Fakultät deutlich mehr Aufmerksamkeit verdienen würde, auch wenn ihr im Moment kein konkreter Rahmen einfällt, in dem sich dies umsetzen ließe.
„Warum überhaupt einen Hörsaal nach ihm benennen?“ meldet sich nun Stella Huck, Architekturstudentin. Sie habe sich zum Beginn ihres Studiums ebenfalls aus privatem Interesse mit Eiermann und dessen Geschichte befasst. Das Studium habe ihr dahingehend nichts vermittelt. Dies empfinde sie als klare Versäumung. Für sie zeige sich darin ein grundlegendes Problem der Architektur: Allzu oft werde das Werk vom Schaffenden getrennt.
Die Vorlesung ist vorbei, viel mitbekommen habe ich jedoch nicht, meine Gedanken kreisen weiter um die Frage, wie Eiermanns Werk und seine Vergangenheit ineinandergreifen. Beim Tasche packen erinnere ich mich an meinen verstorbenen Großvater Franz Josef Palm, welcher ebenso als Architekt in der Nachkriegszeit erfolgreich wurde. Zu jung, um unter den Nationalsozialisten schon bauen zu können, wurde er dennoch eingezogen und musste als Jugendlicher Fahrradkurier im Krieg auf ihrer Seite kämpfen. In der Nachkriegszeit profitierte auch er von seinem modernen Baustil und konnte so sich und seiner Familie eine neue Existenz aufbauen. Wie viele seiner Generation musste auch er sich seinen Platz in einer Welt suchen, die sich nach dem großen Schock neu erfinden musste.
Wie aber hat mein Großvater damals die Rolle der Verantwortung gesehen? Hat er Eiermann bewundert? Wusste er um dessen Arbeiten im Nationalsozialismus? Und wenn ja, hätte er sie verurteilt?
Und überhaupt: Dürfen wir aus heutiger Sicht über jene Zeit urteilen, in der schon der Versuch, eine moralisch „richtige“ Haltung zu bewahren, leicht mit dem Tod bestraft wurde? Mit diesem Gedanken verlasse ich den Hörsaal, auf dem Weg hinaus bleibt mein Blick ein letztes Mal an den Eiermann-Schreibtischen hängen, die in ihrer makellosen Funktion leider keine Antwort bereithalten. Zurück bleibt nur ihr anmutiges Äußeres.