Es ist Montagmorgen am Karlsruher Institut für Technologie. Im Eingangsbereich des Architekturgebäudes herrscht reges Treiben. Studierende mit Kaffeebechern und halboffenen Rucksäcken drängen zum Egon-Eiermann-Hörsaal. Neben der Tür hängt sein Namensschild, doch kaum jemand wirft einen Blick darauf. „Eiermann? Wer war das eigentlich?“, murmelt jemand. Die meisten zucken nur mit den Schultern und betreten den Hörsaal. Der Name bleibt zurück – unbeachtet und doch hallt die Frage im Raum.
Egon Eiermann (1904–1970) prägte die deutsche Architektur der Nachkriegszeit wie kaum ein anderer. Zwischen 1933 und 1945 legte er den Grundstein für seinen späteren Erfolg in der jungen Bundesrepublik. Seine Werke, vom Deutschen Pavillon in Brüssel bis zu Verwaltungs- und Industriegebäuden, verbinden funktionale Klarheit mit eleganter Leichtigkeit. Sie sind geprägt von Glas, Stahl und offenen Räumen. Seine Gebäude wirken fast transparent, ein Gegenentwurf zur schweren, repräsentativen Architektur der NS-Zeit. Auch sein eigenes Wohnhaus in Baden-Baden zeigt diese Prinzipien. Ein Hanghaus mit differenzierten Ansichten, lichtdurchfluteten Räumen, klarer Struktur und akribisch gestalteten Details. Ab 1947 lehrte Eiermann als Professor an der Fakultät für Architektur in Karlsruhe und formte über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg Generationen von Studierenden.
Doch Eiermanns Karriere ist nicht unproblematisch. Während der NS-Zeit nahm er Aufträge für Industrie und Wehrmacht in Berlin an. Politisch aktiv war er nicht, doch die Arbeit für das Regime wirft moralische Fragen auf. Besonders seine Mitwirkung an der großen Propagandaausstellung „Gebt mir vier Jahre Zeit!“ im Jahr 1937 auf dem Berliner Messegelände wird kritisch gesehen. Dort inszenierte das NS-Regime die vermeintlichen Erfolge der ersten Regierungsjahre Hitlers. Architektur und Gestaltung dienten dabei als Mittel, um die propagandistische Botschaft visuell zu verstärken. Auch Eiermanns Bau einer Kaserne gehört zu den umstrittenen Projekten. Anders als bei seinen Industrie- und Fabrikgebäuden, in denen er seiner modernen, funktionalen Handschrift treu blieb, passte er sich hier den Vorgaben des NS-Regimes an und wich von seinem Stil ab. Diese Widersprüchlichkeit zeigt die Ambivalenz seiner Karriere, da er sich einerseits den Auftraggebern anpasste und andererseits an einer modernen Architektursprache festhielt.
Die Entscheidung, Aufträge anzunehmen, spiegelte eine verbreitete Praxis wider. Wie viele seiner Zeitgenossen stellte er sein Gewissen hinten an und passte sich den Rahmenbedingungen des Regimes an. Karriere und Überleben standen in Konflikt mit ethischer Distanz. Eiermann war kein Ideologe wie Albert Speer, sondern ein Architekt, der Aufträge annahm, um sein Büro zu sichern. Diese Ambivalenz prägt noch heute die Diskussion um die angemessene Erinnerung.
Am KIT bleibt sein Erbe präsent und allgegenwärtig. Wer durch die Räume der Fakultät geht, sitzt unweigerlich auf seinen Hockern, nutzt seine Tische oder betritt den Hörsaal, der seinen Namen trägt. Und doch: Viele junge Studierende haben kaum eine Vorstellung, wer hinter dem Namen steckt. Damit stellt sich die Frage: Soll ein Hörsaal noch seinen Namen tragen oder ist eine solche Heldenverehrung heute überhaupt noch gerechtfertigt?
Auch im Stadtbild Karlsruhes ist sein Name sichtbar. Mit der Egon-Eiermann-Allee ehrt die Stadt einen Architekten, der die Nachkriegsmoderne entscheidend geprägt hat. Die Benennung zeigt, dass seine Rolle über das KIT hinaus als identitätsstiftend wahrgenommen wird und macht die Diskussion um den angemessenen Umgang mit seinem Erbe noch komplexer.
Lisa Alberti, Architekturstudentin im Master, sagt, sie kannte Eiermann vor dem Studium kaum, im Bachelor habe er keine große Rolle gespielt. „Ich habe den Hörsaal einfach hingenommen. Ob der Name noch passt? Ja, wahrscheinlich.“ Für sie bleibt er eher ein Name auf Stühlen, Gestellen und eben neben dem Hörsaal.
Ganz anders sieht es Matthias Zöller, Honorarprofessor für Fachgerechte Detailplanung an der Architekturfakultät und Bausachverständiger, der selbst am KIT studiert hat. Er hebt vor allem Eiermanns architektonische Haltung hervor: „Eiermann wollte keine Heldenverehrung. Seine Architektur war leicht, transparent, funktional, völlig anders als die schwere Nazibauweise. Die Erinnerung an ihn ist angemessen, aber nicht als Heldentum. Es geht um seine Baukunst, nicht um moralische Überhöhung“. Er verweist auf die historische Realität. Viele Architekten aus Eiermanns Generation nahmen Aufträge im NS-Staat an, nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Sie waren somit laut Zöller unpolitisch, sie wollten bauen. Erinnerung sei wichtig, sagt Zöller, aber man müsse unterscheiden zwischen Gedenken und Heldenverehrung. Der Name neben dem Hörsaal sei für ihn daher keine Glorifizierung, sondern ein historischer Anker.
Auch Julian Knopp, Junior-Architekt und ehemaliger Student am KIT, bringt eine weitere Perspektive ein. Ihm war die Verbindung zwischen der NS-Zeit und Egon Eiermann zunächst nicht bekannt, weshalb er den Namen des Hörsaals einfach akzeptierte. Gleichzeitig wirft er die Frage auf, ob es überhaupt noch zeitgemäß sei, Hörsäle nach Architekten zu benennen: „Müssen es wirklich immer Architekten sein, oder könnte man Hörsäle auch nach etwas anderem benennen? Schließlich trägt ein kleinerer Hörsaal im Obergeschoss auch keinen anerkannten Architektennamen.“
Eiermanns Einfluss ist subtil, aber spürbar. Möbel, Tische, Stühle in den Räumen, wie im Hörsaal „Grüne Grotte“. Alles kleine Zeugnisse eines Architekten, der bis ins Detail dachte. Seine Idee von moderner Architektur wirkt in Lehre und Praxis weiter. Für die Stadt Karlsruhe ist Eiermann ein Symbol der deutschen Nachkriegsmoderne. Für Studierende bleibt er oft ein Name auf einem Schild, während er für die Fakultät ein Lehrmeister und damit Teil ihrer Identität ist. Eine Figur, die den Bruch mit der NS-Architektur sichtbar machte.
Die Debatte über die Namensgebung zeigt: Erinnerung ist wichtig, Heldenverehrung hingegen problematisch. Eiermanns Werke verbinden Ästhetik mit Pragmatismus, zeigen einen Architekten, der seine Baukunst bewusst in die Realität seiner Zeit einbettete und dabei die Balance zwischen moralischem Anspruch und beruflicher Praxis suchte.
Doch die Frage bleibt: Ist es heute noch angemessen, dass Karlsruhe und das KIT seinen Namen so präsent tragen? Vielleicht braucht es weniger eine Umbenennung als vielmehr mehr Kontext. Ein Hinweis im Hörsaal, eine kleine Ausstellung, eine Diskussion im Studium. Damit aus dem Namen ein Stück Geschichte wird, das nicht übersehen, sondern auch verstanden werden kann.
Denn Egon Eiermann ist weder reiner Held noch bloßer Mitläufer. Er ist ein Symbol für die Ambivalenz, die Erinnerungskultur aushalten muss: bewundernswert im Werk, problematisch in Teilen seiner Biografie, und gerade deshalb ein Name, der zum Nachdenken anregen sollte.