08/06/2026

Die österreichische Architektin Ehrentraut Katstaller-Schott ist nach einem langen Arbeitsleben 2024 im Alter von 100 Jahren in ihrer Wahlheimat El Salvador gestorben. Anfang der 1950er Jahre in den kleinen zentralamerikanischen Staat ausgewandert, wurde die Absolventin der Technischen Hochschule Graz dort zu einer zentralen Protagonistin der architektonischen Moderne und Pionierin weiblichen Architekturschaffens. In Europa blieb ihr außergewöhnliches Werk, das den Bogen von der alpinen Moderne bis zum Kulturerbe Mittelamerikas spannt, dennoch über Jahrzehnte hinweg unbekannt. Eine Publikation und eine Ausstellung in Tirol machten es 2025 erstmals sichtbar.

08/06/2026

Ehrentraut Katstaller-Schott und Karl Katstaller, Sportstadion Óscar Quiteño, Santa Ana, 1963, Zustand 2023, Foto: Ivona Jelčić, Nicola Weber

Architektin Ehrentraut Katstaller-Schott (1924-2024), 
© Familienarchiv Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott, © Familienarchiv Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott und Karl Katstaller, Primarschule San Vicente 1953, Foto: Ehrentraut Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott und Karl Katstaller, Marktanlage Sonsonate, Zeichnung, 1955, © Familienarchiv Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott und Karl Katstaller, Staatliche Landwirtschaftsschule San Andres, 1952-54, Foto: Ehrentraut Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott und Karl Katstaller, Sportstadion Óscar Quiteño, Santa Ana, 1963, Foto: Ehrentraut Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott und Karl Katstaller, Kassenhäuschen, Sportstadion Adolfo Pineda San Salvador, 1958, Foto: Ehrentraut Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott und Karl Katstaller, Privathaus FH San Salvador 1960, Foto: Ehrentraut Katstaller-Schott

Ehrentraut Katstaller-Schott, Entwurf für ein Barmöbel, © Familienarchiv Katstaller-Schott

Die Architektin im Alter von 93 Jahren bei einem Besuch in Innsbruck, Foto: Rachel Katstaller

Geboren 1924 in Wien, wuchs Ehrentraut Schott zunächst in behüteten Verhältnissen auf. Die Sommer ihrer Kindheit verbrachte sie im Tiroler Zillertal, der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs setzte dem Sommerfrische-Idyll ein jähes Ende. Noch während des Krieges begann Schott ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Wien (heute: Technische Universität Wien). Weibliche Studierende gab es nur wenige, eine davon war Elfriede Tungl, die später als erste Frau in Österreich im Fach Bauwesen promoviert hat und die erste außerordentliche Professorin an der TU Wien wurde. Kurz vor Kriegsende flüchtete Schott mit ihrer Familie aus Wien ins Zillertal, blieb aber fest entschlossen, ihr Architekturstudium fortzusetzen. Sie tat das ab 1946 an der Technischen Hochschule (heute: Technische Universität) Graz. Den für ihr Diplomprojekt (1948) entworfenen „Modepavillon auf einer Weltausstellung“ plante sie als Zentralbau in Form eines überstilisierten Damenhuts. In ihren Memoiren erwähnt die Architektin, sie sei mit diesem Projekt für die Auszeichnung „summa cum laude“ in Betracht gezogen worden, die dann aber ein männlicher Kollege bekommen habe, „da die Professoren sich einig waren, dass ein männlicher Student vor einer Studentin den Vorrang hatte“.

Mit dem Grazer Diplom in der Tasche kehrte die junge Architektin nach Tirol zurück und klopfte im Sommer 1948 an die Tür des Wohnhauses des Architekten Lois Welzenbacher in Absam nahe Innsbruck an, weil sie in seiner Meisterklasse an der Akademie der bildenden Künste in Wien weiterstudieren wollte. Dort aufgenommen, lernte Schott ihren späteren Ehemann, den gebürtigen Innsbrucker Karl Katstaller kennen, mit dem sie sich nach den für beide überaus prägenden Studienjahren bei Welzenbacher zunächst in Deutschland selbstständig machte und erste gemeinsame Bauten realisierte.

Möglichkeiten der Entfaltung im mittelamerikanischen El Salvador

Eine entscheidende Wendung brachte 1952 ein Aufruf der salvadorianischen Regierung, die aktiv ausländische Architekt:innen anwarb, weil es in diesem Land damals noch keine entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten gab. Im Frühjahr 1952 reiste das damals noch unverheiratete Paar nach San Salvador, um für das Department für Urbanisierung und Architektur (DUA) des Ministeriums für öffentliche Bauten tätig zu werden. Aus dem vorerst nur für die Dauer von neun Monaten geplanten Aufenthalt wurde ein ganzes Leben in Mittelamerika – beide kehrten nicht mehr dauerhaft nach Europa zurück. In den folgenden zehn Jahren arbeiteten sie intensiv am Modernisierungsprogramm mit, das – finanziert durch den florierenden Kaffeehandel in dem an sich sehr armen Land – die Vision eines betont fortschrittlichen „Wohlfahrtsstaates“ verfolgte. Im Gegensatz zur überwiegend konservativen Haltung in Österreich waren in El Salvador beim Aufbau eines landesweiten Netzes von Schulen, Markthallen, Sportanlagen, Kulturbauten und Siedlungen progressive Ansätze experimentierfreudiger Architekt:innen willkommen.

Die Architektursprache der tropischen Moderne

Orientiert an den Prinzipien der internationalen Moderne entwickelten Ehrentraut Schott und Karl Katstaller ihren eigenen, den klimatischen und topografischen Bedingungen der Region angepassten Stil eines „modernismo tropicalizado“ und verbanden dabei das in Europa erworbene technische Wissen mit lokalen Architekturtraditionen. Weit auskragende Vordächer, offene Korridore, horizontale Sonnenblenden, ornamentale Gitterwerke aus Ziegel oder Bimsbetonrohren sowie die Integration von üppiger Vegetation wurden zu immer wiederkehrenden Elementen, die für natürliche Belüftung und Kühlung sorgten. Die plastische Vielfalt der Oberflächen charakterisiert viele ihrer Bauwerke, wie zum Beispiel die Primarschule in San Vicente (1954). Hier experimentierten sie auch erstmals mit einer Hängedachkonstruktion aus Stahlbeton, ein Prinzip, das 1963 beim Sportstadion Óscar Quiteño in Santa Ana perfektioniert wurde und zum skulpturalen Erscheinungsbild der Bauten beiträgt. Experimentelle Konstruktionen aus Beton setzte Ehrentraut Schott auch bei der extrem dünnschaligen Kuppel im Komplex der Landwirtschaftsschule San Andrés ein und berichtete später von den Schwierigkeiten, solche technischen Herausforderungen mit den lokalen Möglichkeiten umzusetzen.

Ehrentraut Schott war ab 1952 das einzige weibliche Mitglied im Planungsteam der DUA und später auch die erste Frau, die an der neu gegründeten Architekturfakultät der staatlichen Universität El Salvador (UES) unterrichtete. Die Auseinandersetzung mit dem lokalen Kontext zeigt sich insbesondere auch in den Planungen von lokalen Markthallen, für die sie sich intensiv mit der Logistik des Marktgeschehens, den hygienischen Bedingungen und dem Alltag der Marktfrauen beschäftigte. Eines der ersten Projekte, mit denen Schott 1952 betraut wurde, war eine Besserungsanstalt für Frauen in Ilopango. Obwohl es dafür bereits einen Vorentwurf gab, entschied sie sich für eine Neukonzeption, um eine würdevollere Behandlung der inhaftierten Frauen zu gewährleisten.

Nach den ersten zehn Jahren ihrer Karriere versuchte Ehrentraut Schott, in Europa und Österreich Aufmerksamkeit zu erlangen, und 1961 gelang es, eine Ausstellung an ihrer ehemaligen Alma Mater in Graz zu organisieren, die über einen Briefwechsel belegt ist. Diese wanderte im Jahr darauf nach Wien und dann weiter nach Aachen und erntete begeisterte Presserezensionen.

Pionierin weiblicher Architekturgeschichte

Im Jahr 1960 machen sich Ehrentraut Katstaller-Schott, wie sie nach ihrer Hochzeit hieß, und ihr Ehemann Karl Katstaller in San Salvador mit einem gemeinsamen Büro selbständig und realisieren in den folgenden Jahren zahlreiche Gewerbe- und Industriebauten, Privathäuser und schließlich das eigene Wohn- und Atelierhaus, das in vielen Details Anklänge an die alpine Moderne erkennen lässt. Die Büchergalerie in ihrem Haus beschreibt die Architektin selbst als „sehr welzenbacherisch“. Inneneinrichtung und Möbeldesign waren oft Teil der Aufträge, und Ehrentraut entwickelte im Austausch mit Tischlern bis ins hohe Alter Entwürfe und handwerkliche Details. Auch hier kombinierte sie typische Midcentury-Stilelemente mit der autochthonen Kultur des mittelamerikanischen Landes.

Aus zahlreichen privaten Dokumenten und Berichten geht hervor, dass das Ehepaar Katstaller-Schott eine Bürogemeinschaft auf Augenhöhe führte, bei der Ehrentraut oft für die Verhandlungen mit Auftraggebern und das Finanzielle zuständig war und zugleich bei vielen Projekten die gestalterische Leitung innehatte. Sie wird als energisch, selbstbewusst und durchsetzungsstark beschrieben, war auf Baustellen präsent und packte dort mitunter sogar selbst an. Daneben war sie 20 Jahre lang österreichische Honorargeneralkonsulin in El Salvador und erhielt 1995 das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Trotz politischer Unruhen und Bürgerkriegs, aber auch des frühen Todes Karl Katstallers 1989 arbeitete Ehrentraut Katstaller-Schott bis ins hohe Alter weiter und gilt jungen salvadorianischen Architektinnen bis heute als Vorbild. Forscherinnen an der Universidad Centroamericana (UCA) in San Salvador beschäftigen sich seit etwa zehn Jahren mit ihren Projekten. In Österreich fand ihr bemerkenswertes Œuvre erst 2025, im Jahr nach ihrem Tod, erste Aufmerksamkeit mit dem Buch „Zwischen den Kontinenten. Ehrentraut Katstaller-Schott, Karl Katstaller und die Architekturmoderne El Salvadors“ (Ivona Jelčić/Nicola Weber) und einer begleitenden Ausstellung im aut.architektur und tirol in Innsbruck.

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Dieses Architektinnenportrait erscheint in der Reihe Architektinnen in/aus Graz – Ins Licht gerückt, 20. Jahrhundert (Projektleitung: Antje Senarclens de Grancy). Weitere Portraits lesen Sie >>> hier

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