07/04/2026

Der städtische Raum wird nach außen durch Parapete eingehegt und mit Beschirmungen überdacht. Das Draußen wird zum neuen Drinnen.

07/04/2026

Der städtische Raum wird nach außen durch Parapete eingehegt und mit Beschirmungen überdacht. Das Draußen wird zum neuen Drinnen.
Foto: TAT.

Der alte Konsumkapitalismus der Massengesellschaft suchte das Drinnen: Die fensterlosen, vollklimatisierten Innenwelten der Kaufhäuser und Shopping-Malls. Indem man die beliebig skalier- und stapelbaren Verkaufsflächen systematisch von der Außenwelt abgrenzte, glaubte man die Kauflust immer weiter steigern zu können. Die geschlossenen „Kathedralen des Handels“, wie schon Emile Zola sie nannte – durchzogen von Duftwolken und permanenter Beschallung – waren ein erster Höhepunkt jenes Spektakels, vor dem Guy Debord einst gewarnt hat.[1]

Heute sind die Grenzen durchlässig geworden. Der Zeige-Kapitalismus drängt nach draußen, in die Gassen und Straßen der verkehrsberuhigten Innenstädte. Obwohl, oder gerade weil es, so Adorno / Horkheimer, mit dem Sieg der Aufklärung kein Außen mehr gibt: Nichts was noch unbekannt, überraschend oder neu wäre. Wir selbst sind zum Spektakel geworden. Das einzigartige, kuratierte Ich, verlangt nach Vorführung, nach Auftritt. Der rote Teppich wird ihm überall ausgerollt – doch er ist nicht umsonst. Die neuen Schauflächen, die sich immer weiter in den öffentlichen Raum vorschieben, sind durchwegs an Konsum gebunden. Der zwanglos gebrauchte öffentlichen Raum – die „südliche Lust zur Außenwelt“[2], von der Ernst Bloch spricht – wird zum gewinnbringenden Sehnsuchtsmotiv der Aperol- und Macchiatowerbungen und findet durch die reale Masse an Schanigärten, Design-Flohmärkten und Streetfood-Vans sein gleichzeitiges Ende.

Diese haben sich in den Innenstädten von Inseln zu Kontinenten zusammengeschlossen, zwischen denen kaum noch Bewegungsflächen übrigbleiben. Die wenigen schmalen Meerengen, die es noch gibt, werden durch Pop-Up-Launches und Guerilla-Events regelmäßig trockengelegt. An ein Durchkommen auf dem Wiener Graben etwa ist zeitweise nicht mehr zu denken. Die aussterbende Art der Fußgänger, die notwendigerweise draußen sind, um sich von A nach B zu bewegen, muss sich im Riesenslalom zwischen Café-Latte Gläsern und sonnenbebrillten Draußen-Sitzern hindurch schlängeln. Kommen die stetig anwachsenden Touristengruppen dazu, die vor aufgestellten Tafeln Speise- und Getränkekarten studieren, stehen die Stadtbewohner*innen zu Fuß im Stau.

In der zweiten Ausbaustufe der Schanigärten wird der städtische Raum nach außen durch Parapete aus Holz und Glas eingehegt und mit Beschirmungen überdacht. Das Draußen wird zum neuen Drinnen. Um zusammenhängende Verkaufs- und Gastronomieflächen werden nicht selten regelrechte Palisaden errichtet, die, schließlich mit Segeln und Dächern versehen, die Flächen nach und nach einhausen. Diese Privatisierung öffentlicher Flächen folgt einer langen Tradition. Die Einhegung von Gemeinflächen, „die ursprüngliche Akkumulation“ so Karl Marx, steht am Anfang des Kapitalismus. Der Siegeszug der Geldvermehrung um ihrer selbst willen begann in Großbritannien mit der Einzäunung der Allmeinden durch private Großgrundbesitzer. Doch: wie viel öffentlicher Freiraum geht heute der Stadt auf diese Weise verloren - oder präziser: in welchem Ausmaß veräußert sie ihn an private Interessen, damit ihre Bürger*innen sich dieses (ihr) Stück Stadt über Konsumation wieder zurückkaufen können?[3]

Aus all dem folgt, dass das Draußen verschwindet, weil alle draußen sein wollen – allerdings als eingehegte Konsumenten. Vorbeidrängende Passanten oder Flaneure stören das Draußensitzen und den Umsatz ebenso wie Obdachlose und Bettler. Lediglich mobile Musikanten werden geduldet, weil sie zum Spektakel beitragen; auch sie erwarten ein Entgelt. In der vorerst letzten Stufe der Veräußerlichung werden im Winter mobile Heizstrahler aufgestellt, die gerne auch unter dem bezeichnenden Begriff „Freiluftheizer“ beworben werden. So werden energieintensiv Temperaturen erzeugt, welche das Draußen-Sein auch bei Minusgraden erlauben. Doch was für ein Draußen bleibt dann noch? Vielleicht entspringt dieser Drang ins falsche Freie ja einer Art negativen Dialektik, sich ansehen zu wollen, was man so angerichtet hat, einer Lust am Untergang. Sozusagen den Liegestuhl in die Klimakrise stellen und diese mit Heizwärme befeuern.

Denn in Zeiten, wo das eigene Innerste digital ständig nach außen gekehrt und globalisiert wird, hält den Körper nichts mehr drinnen. Sogar der menschliche Stoffwechsel scheint sich anzupassen; nicht nur die äußere, auch die eigene Natur wird überwunden. Bekannt bisher nur aus Weltgegenden, die der Zeigesucht schon länger frönen, etwa den angelsächsischen Staaten, sind auch bei uns vermehrt nahezu unbekleidete Menschen in der Kälte anzutreffen. Vielleicht um die einmalige Widerstandsfähigkeit zu betonen, oder um ein vermeintliches Stück Freiheit zu feiern.

Ausgerechnet im „Prinzip Hoffnung“ hat Ernst Bloch angemerkt, dass der Optimismus der Moderne, die radikale Öffnung der Häuser nach außen, am Ausblick gescheitert sei. Seine Worte klingen angesichts des massiven Aufstiegs der Neuen Rechten hochaktuell: „Denn nichts Gutes geschieht hier auf der Straße, an der Sonne; die offene Tür, die riesig geöffneten Fenster sind im Zeitalter der Faschisierung bedrohlich, das Haus mag wieder zur Festung werden, wo nicht zur Katakombe.“[4] Wen wundert es da, dass im Gleichschritt mit dem Drang nach draußen das Eigenheim verriegelt und verteidigt wird, jeder Blick hinein oder hinaus durch Jalousien, Vorhänge und Thujenhecken zugestellt.

Gleichzeitig schnürt vielen die Lebensangst im Innenraum die Luft ab. So kommt zur Flucht ins Außen die Atemnot, die immer mehr spätmoderne Menschen ähnlich befällt, wie der Reinigungszwang die modernen schüttelte. Beides scheint eine andere Art der Platzangst zu sein und Angst ist das Lebenselixier unserer Zeit. Aus diesem Grund müssen auch im Winter regelmäßig alle Fenster aufgerissen werden, um der eigenen Existenz Luft zu verschaffen – oder um der Furcht Herr zu werden, welche die Bedrohungen des Lebens mit sich bringen. Auch wenn die Luft in vielen Städten draußen nachweislich schlechter und ungesünder ist als die in ihren Innenräumen.

 


[1] “THE SPECTACLE IS a permanent opium war waged to make it impossible to distinguish goods from commodities, or true satisfaction from a survival that increases according to its own logic.” (S. 30, Guy Debord, The Society of the Spectacle, Zone Books, New York 1995)

[2] Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt a.M., 1973, S. 859.

[3]Jetzt könnte man das - wie momentan so vieles - auf die Covid-Zeit schieben, wo der Aufenthalt im Freien der Gastronomie das Überleben sichern sollte. Doch bekanntlich liegt die Pandemie schon einige Jahre zurück und den Cafés und Restaurants in der Innenstadt geht es augenscheinlich so schlecht nicht.

[4] Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt a.M., 1973, S. 859.

Hier geht's zum 
Nachrichtenarchiv 
und zum Kalender
 
 
Winter-
pause 
bis 7.1.2025
GAT