04/11/2006
04/11/2006

Die Wettbewerbsteilnehmer...Foto: LIVING ROOMS

Die Sieger: vl. GS architects, LOVE, BALLOON architecture + more. Foto: LIVING ROOMS

Die Jury: v.l. Klaus Kada, Karla Kowalski, Otte Hochreiter, Veronika Köllensberger, Günter Koberg. Foto: LIVING ROOMS

...mitten im Rennen...Foto: LIVING ROOMS

Team 1: SOFA23, "nest"

Team 5: Pentaplan, "filter"

Team 7: k´box, "LINK´D"

Dass Sport die Massen anzieht, ist bekannt. Dies gilt auch für den Architektursport, wie die gleichnamige Veranstaltung am letzten Donnerstag, den 2.11.2006 im Palais Attems in Graz zeigte.

Architektur und Sport, zwei Begriffe, die einander auf den ersten Blick vielleicht ausschließen mögen, haben bei genauerem Hinsehen doch einiges gemeinsam: z. b. den Wettbewerb, bei welchem es um maximale Leistung in kürzester Zeit geht. Letzten Donnerstag fand erstmals ein öffentlicher Wettbewerbssprint statt. Acht Architektenteams entwarfen einen Tag lang und ließen ihre Ergebnisse dann von einer Jury bewerten. Öffentlich bezieht sich in diesem Fall auf die Öffentlichkeit, die eingeladen war, architektonischen Hochleistungssport hautnah mitzuverfolgen, denn die Teams waren geladen. Sprint deshalb, weil es sich angesichts einer realen Wettbewerbssituation maximal um einen 100m Lauf handelte, ein Architekturwettbewerb im wirklichen Leben doch eher mit einem Marathon verglichen werden kann. Der Veranstalter, das Grazer Architekturnetzwerk "Living Rooms", wollte neben der öffentlichen Leistungsschau aber auch unterschiedliche Herangehensweisen an gestellte Entwurfsaufgaben für eine breitere Öffentlichkeit transparent gestalten und nicht zuletzt sollte auch die Freude am Entwerfen im Vordergrund stehen und sichtbar werden. Den Höhepunkt bildete schließlich eine öffentliche Jurysitzung, die hochkarätig besetzt, die Projekte diskutierte und die Sieger kürte.

Ein Architektursporttag
Beginn 09:00 Uhr: Nach Ausgabe der Entwurfsaufgabe, ein "Landmark Light" für Graz zu entwerfen, erfolgte die Grundstücksbegehung mit professioneller Stadtführung, die von einigen Teilnehmern positiv erwähnt wurde, gab es doch neue Blickwinkel auf Altbekanntes.
13:00 Uhr: Zu Mittag wurden die Arbeitsplätze im Palais Attems bezogen und die Entwurfsarbeit konnte beginnen. Vorbeikommende Neugierige und Interessierte schauten den Architektenteams über die Schulter und konnten einen kleinen Einblick in Prozesse gewinnen, die normalerweise hinter verschlossenen Türen stattfinden.
Um 19:00 Uhr waren alle Wettbewerbsprojekte präsentationsfertig und die Jury konnte ihre Arbeit vor dem zahlreich erschienenen Publikum beginnen. Dass auch die Jurytätigkeit keine leichte ist, zeigte die intensive, mitunter kontroversielle Auseinandersetzung der Mitglieder, die erst nach vierstündigem Diskurs zu einem Ergebnis gelangten. Die Messbarkeit der Architekturleistung unterliegt nun einmal anderen Gesetzen als der Zeitnehmung. Moderiert wurde die Diskussion der JurorInnen von Karin Tschavgova.

Zieleinlauf, Bewertung und Preisverleihung
Die Architektursportler und ihre Projekte:

Team 1: SOFA23 - "nest"
Das "nest", ein Lebewesen, das genährt und versorgt werden will, tritt mit dem Organismus Stadt in Symbiose und wird Teil desselben. Aufblasbar, flexibel und anpassungsfähig dockt es an unterschiedliche Orte an und bietet Raum zur Entspannung, ermöglicht neue Perspektiven auf die Stadt und unterliegt dem Tag- und Nachtzyklus.

Team 2: BALLOON . architecture + more - "Mobiles Feldforschungsinstitut"
Ethnologen von einem anderen Stern betreiben kulturanthropologische Feldforschung in einem mobilen Labor: "Was zeichnet Graz aus?" Graz ist... eine steinerne Stadt, ist bürgerlich, es wird... viel geredet und gejammert, Graz hat... einen besonderen Totenkult und Umgang mit seinen Helden, eine besondere Streitkultur... Alle Ergebnisse fließen in die Box und werden zum Speicher der Stadt.

Team 3: heri & salli - "976-0"
Oder das absolute Maß der menschlichen Geschwindigkeit. Das Projekt greift die Zeitdimension auf - 9,76 sec. beträgt der Weltrekord im 100m Lauf - und verknüpft sie mit der Bewegung: Die Laufbahn als Zeitachse vom Uhrturm Richtung Mur, endet in derselben mit einer Entschleunigung, nicht ohne zahlreiche ironische Anspielungen.

Team 4: HoG Architektur - "huge obstacle Graz"
Ein sperriges, riesiges, aber liebenswertes Hindernis, das immer im Weg steht und permanent zur Seite, oder aus dem Weg geräumt werden muss. In einem Logbuch im Internet lässt sich seine Reise verfolgen.

Team 5: Pentaplan - "Meine kleine Welt"
...ist der Versuch, die Summe der mannigfaltigen Informationen, die eine Stadt ausmachen, deren Komplexität sie allerdings beliebig werden lässt, mittels eines Filters auf einzelne Sinneswahrnehmungen zu reduzieren, um sie wieder subjektiv erlebbar zu machen.

Team 6: LOVE [architecture and urbanism] - "you never walk alone"
Die Antwort auf "die zunehmende Vereinsamung der Menschen auf der Hauptbrücke": Ein Schlitten auf dem Brückengeländer mit einer Marschmusikkapelle, die den Brückenüberquerer begleiten.

Team 7: K'BOX - "Link´D"
Die unsichtbare Stadt ist die soziale, ethische, gesellschaftliche, historische und emotionale. Die Idee ist, mit dem Landmark light eine Möglichkeit zu schaffen in diese "verborgenen Räume" einer Stadt einzutauchen: Das "Landmark light" besteht aus zwei Elementen, der bespielbaren "Dachlandschaft" und ihrem visionären schwebenden Begleiter, der "WOLKE". Das Dazwischen spannt den Raum des Landmarks auf.

Team 8: GS architects - "Der Anfang einer Geschichte"
Die Stadt als komplexes Phänomen von Wechselwirkungen, Zusammenhängen, Beziehungen, Gerüchen, Gefühlen, Leben, immer Spuren zeichnend, alles mit allem in Verbindung stehend, eine Auseinandersetzung, die erst den Anfang einer Geschichte sein kann. Die Frage am Beginn, ob man sich nicht ernsthaft diesem Thema stellen darf, ergibt sich damit von selbst.

Die Jury, welcher Univ. Prof. Arch. DI Klaus Kada, Univ. Prof. Arch. DI Karla Kowalski, Dr. Arch. Veronika Köllensberger, Dir. Otto Hochreiter und DI Günter Koberg angehörten, machte sich die Entscheidung nicht leicht. So unterschiedlich die Ansätze der einzelnen Projekten waren, so unterschiedlich waren auch die Meinungen der einzelnen Jurymitglieder. Unter dem Vorsitz von Karla Kowalski konnte schließlich doch eine Einigung erzielt werden; kein eindeutiges Ergebnis, sondern ein Kompromiss: es wurden zwei erste Plätze vergeben:

Sieger ex aequo:
Team 6: LOVE [architecture and urbanism] - "you never walk alone"
Team 8: GS architects - "Der Anfang einer Geschichte"
3. Platz:
Team 2: BALLOON . architecture + more - "Mobiles Feldforschungsinstitut"
Nachrücker:
Team 3: HERI & SALLI - "976-0"
Team 4: HoG Architektur - "huge obstacle Graz"

Wie im Sport üblich, wurden den Preisträgern Pokale sowie ein Preisgeld in der Höhe von insgesamt 2.800.- Euro überreicht.

Verfasser/in:
Ute Angeringer-Mmadu, Bericht
 
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