04/12/2025

Simon Joa, Vorsitzender der Kammergruppe Karlsruhe-Stadt der Architektenkammer Baden-Württemberg, spricht im Interview über den Wandel eines Berufsbilds zwischen Digitalisierung, Bürokratie und Marktverdrängung

Die Architektur steht unter wachsendem Druck: Neue Bauordnungen und gesellschaftliche Erwartungen machen aus dem einstigen Generalisten-Beruf eine komplexe Schnittstellenfunktion. Doch wie reagieren Architekt:innen selbst auf diese Veränderungen? Und welche Rolle spielt dabei die Architektenkammer? Im Gespräch mit Simon Joa, dem Vorsitzenden der Architektenkammer Karlsruhe-Stadt, wird deutlich: Der Beruf wandelt sich und die Baden-württembergische Kammer ist entschlossen, diesen Wandel mitzugestalten.

04/12/2025

Simon Joa, Vorsitzender der Kammergruppe Karlsruhe-Stadt der Architektenkammer, 2025, im interview mit den Studierenden des KIT.

©: Ulrich Coenen

Herr Joa, wie nehmen Sie die aktuelle Situation des Architektenberufs wahr?

Joa: Der Berufsstand hat sich in den letzten zehn Jahren tatsächlich sehr gut entwickelt. Das hing natürlich auch mit der allgemeinen Lage in der Baubranche zusammen. Ich habe durchaus den Eindruck, dass das, was die Büros leisten konnten, insgesamt sehr auskömmlich war. Es wurde auch deutlich: Diejenigen, die sich auf neue Entwicklungen wie die Digitalisierung eingelassen haben, konnten in hohem Maße davon profitieren.

Wie unterscheidet sich die Entwicklung des Architektenberufs in Deutschland im Vergleich zu internationalen Märkten?

Joa: In Deutschland haben wir die Besonderheit, dass der Markt sehr kleinteilig ist. Es gibt viele Ein-Mann-, Zwei- oder Drei-Mann-Büros und auf der anderen Seite nur wenige große Büros, fast schon Konzerne. Viele sind mit ihrem Umfeld zufrieden, und insgesamt ist es nach wie vor ein gutes Arbeiten. Schwieriger geworden ist hingegen der Umgang mit der Bürokratie. Viele Kolleginnen und Kollegen hadern zunehmend damit und haben teilweise keine Lust mehr, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Auch in der Ausführung ist es deutlich komplizierter geworden. Früher hatte man als Architekt auf der Baustelle einen anderen Status, man hat Entscheidungen getroffen und Dinge festgelegt. Heute agieren viele ausführende Firmen fast schon wie kleine Rechtsanwaltskanzleien. Man sitzt viel mehr zwischen den Stühlen als früher. Und der Architekt hängt immer noch in der Gesamtschuldnerischen Haftung. Dies hat nichts mehr mit der Realität am Bau zu tun und muss geändert werden.

Wie erleben Sie dabei die Entwicklung in der Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen?

Joa: Das Idealbild des Architekten war einmal der Generalist, der alles im Blick hat. Heute gibt es deutlich mehr Fachdisziplinen, etwa Auditoren der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Früher saß man mit dem Statiker zu zweit am Tisch, dann kamen irgendwann Energieberater und Lichtplaner dazu. Heute sitzen bei größeren Projekten zehn, zwanzig Leute am Tisch. Man kann gar nicht mehr alles steuern, weil man viele Details selbst nicht mehr sofort verarbeiten kann. Es wird immer schwieriger, die Fäden zusammenzuhalten und manchmal ist das auch gar nicht mehr gewünscht. Das Berufsbild wandelt sich also.

Wie gehen Sie mir dieser Entwicklung um?

Joa: Man muss für sich selbst schauen, was man noch beitragen kann, wenn man sich ein Stück weit vom Generalisten entfernt. Ich will nicht sagen, dass man sich komplett davon lösen sollte, das wäre aus meiner Sicht der falsche Weg. Ich habe nach wie vor den Eindruck, dass Auftraggeber es sehr wertschätzen, wenn jemand über den Tellerrand schaut und das Gesamtbild versteht. Aber man muss natürlich auch den passenden Auftraggeber finden. Andere sagen: Der Architekt macht ein paar Pläne und das war’s. Dieser Haltung begegnet man leider immer häufiger. Diese Einstellung wird den Beruf abschaffen, deshalb müssen wir weiter zeigen was wir können.

Inwieweit kann die Architektenkammer auf solche Veränderungen im Berufsbild Einfluss nehmen?

Joa: Die Architektenkammer versucht durchaus, aktiv Einfluss zu nehmen. Es gibt beispielsweise interne Strategiegruppen, die sich mit übergeordneten Zukunftsthemen wie dem ‚Architekturbüro der Zukunft‘ oder ‚Büro 2.0‘ auseinandersetzen, also mit Fragen zur zukünftigen Ausrichtung und Organisation von Planungsbüros. Ziel ist es, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und entsprechende strategische Ansätze zu erarbeiten. In der Praxis ist die Umsetzung solcher Ideen allerdings oft komplex und mit vielen, auch bürokratischen Hürden verbunden.

Wo zeigen sich solche Herausforderungen konkret in der täglichen Praxis?

Joa: Ein Beispiel ist die Novellierung der Landesbauordnung. Dort wurde die sogenannte Bauvorlagenberechtigung auf die Gebäudeklasse 3 ausgeweitet. Bisher galt diese Regelung nur für kleinere Projekte und bestimmte Techniker ohne abgeschlossenes Architekturstudium, jetzt betrifft sie auch Projekte im Geschosswohnungsbau. Aus Sicht der Kammer ist das eine problematische Entwicklung, und wir haben klar kommuniziert, warum diese Aufweichung nicht sinnvoll ist. Leider hat sich die Politik in diesem Fall dennoch anders entschieden. Das zeigt, dass der Dialog mit der Politik zwar stattfindet, allerdings nicht immer die gewünschte Wirkung entfaltet.

Welche Verantwortung trägt die Architektenkammer für die Entwicklung des Berufsstands?

Joa: Die Architektenkammer ist eine selbstverwaltete Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das bedeutet, wir alle tragen letztlich Mitverantwortung dafür, wie sich der Berufsstand künftig entwickelt. Die Frage ist also: Welche Spielräume haben wir noch? Es gibt inzwischen viele andere Akteure wie beispielsweise große Baukonzerne, die eigene, gut ausgestattete Planungsabteilungen unterhalten und mit ganz anderen Motivationen gezielt in unseren Markt drängen. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns als Berufsstand weiterentwickeln.

War das für Sie ein Anstoß, sich berufspolitisch zu engagieren?

Joa: Für mich persönlich war es immer ein Anliegen, an dieser Entwicklung aktiv mitzuwirken. Die Kammer als Möglichkeit, aktiv mitzugestalten, kam mir erst später in den Sinn. Bis etwa zum Jahr 2016 hatte ich mit der Architektenkammer praktisch keinerlei Berührungspunkte. Ich habe einmal im Jahr meinen Beitrag bezahlt, das war's. In meinem damaligen Arbeitsumfeld in Darmstadt herrschte eine eher ablehnende Haltung, dort galt die Kammer beinahe als Feindbild. Umso spannender war für mich die Erfahrung, später selbst Einblicke in die Kammerarbeit zu gewinnen. Mein Bild hat sich dadurch grundlegend gewandelt. Heute sehe ich vieles sehr positiv. Natürlich gibt es auch Aspekte, bei denen man sich fragt, ob sie nicht etwas veraltet oder zu sehr von Verwaltungslogik geprägt sind. Aber insgesamt bin ich überzeugt, dass in der Kammer wichtige Arbeit für unseren Berufsstand geleistet wird und dass es sich lohnt, daran aktiv mitzuarbeiten.


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Karlsruhe ist eine südwestdeutsche Stadt, nahe der französischen Grenze, nicht weit von Straßburg. Sie hat etwa 310.000 Einwohnerinnen und Einwohner und sieht ähnlichen Herausforderungen wie die etwa gleich große österreichische Stadt Graz entgegen. Obwohl die Städte politisch unterschiedlich ausgerichtete Regierungen haben, leiden beide unter einem Haushaltsstopp. 
Karlsruhe wie Graz stehen vor großen städtebaulichen Herausforderungen. Ob man voneinander lernen kann? Sich füreinander zu interessieren und voneinander zu lesen, ist ein Anfang.

Die GAT-Redaktion freut sich deshalb, ausgewählte Texte der Karlsruher Studierenden am KIT einer größeren Leser:innenschaft vorstellen zu können.

Im Seminar „Städtebauliche Typologien - Werkstatt Architektur-Journalismus: Wir schreiben über Architektur“ beschäftigen sich Studentinnen und Studenten an der Professur Stadtquartiersplanung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mit Architekturjournalismus. Dozent ist der Redakteur und Bauhistoriker Ulrich Coenen.

Die siebzehn Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer (alle im Masterstudiengang) 2025 recherchierten unter Anleitung und verfassten Beiträge über Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege. Dabei wurden verschiedene journalistische Darstellungsformen geübt.

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Projekt- und Seminarleitung: Ulrich Coenen
Ausführliche Informationen zum Dozenten und zum Seminar (unter Lehre) auf der Homepage https://ulrichcoenen.de

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