19/12/2025

Eine Aufgabe im Seminar „Städtebauliche Typologien – Werkstatt Architektur-Journalismus: Wir schreiben über Architektur“ war es, eine Architekturkritik zu verfassen. Die Studierenden schrieben über die neue Verwaltungszentrale des Bauunternehmens weisenburger bau GmbH in Karlsruhe, die nach einem Entwurf von Tadao Ando entstanden ist.

Selina Hofstetter mit ihrem Text „Betonpoesie oder ein Baukulturproblem?" und Luna Baumgärtner unter dem Titel „Ein Bau, der schweigt und dennoch viel sagt“ nähern sich dem Gebäude auf sehr unterschiedliche Weise.

19/12/2025

Das Gebäude von Ando für die weisenburger bau GmbH in Karlsruhe erstreckt sich entlang der Ludwig-Erhard-Allee, 2025

©: Ulrich Coenen

Die Zentrale der weisenburger bau GmbH in Karlsruhe, Architektur Tadao Ando

©: Ulrich Coenen

Eingangssituation der Zentrale der weisenburger bau GmbH in Karlsruhe, Architektur Tadao Ando

©: Ulrich Coenen

Foyer mit Treppenaufgang in der Zentrale der weisenburger bau GmbH in Karlsruhe, Architektur Tadao Ando

©: Ulrich Coenen

Wer die Ludwig-Erhard-Allee entlanggeht – eine Achse, die seit Jahrzehnten durch Verkehr, Nachkriegsmoderne und fragmentierte Bebauung geprägt ist –, dem bietet sich seit der Fertigstellung im Jahr 2020 ein Anblick, der an eine japanische Zen-Meditation in Sichtbeton erinnert. Die neue weisenburger-Unternehmenszentrale, entworfen von keinem Geringeren als Tadao Ando, erhebt sich als Block aus Beton und Glas. In diesem heterogenen städtebaulichen Kontext wirkt das Gebäude wie ein einsamer Monolith: selbstbewusst, autonom, in sich gekehrt.

Der Bau entzieht sich bewusst jedem Dialog mit seiner Umgebung. Es gibt keine Anknüpfung an die Fassadenrhythmen oder Materialien der Umgebung.

Auf welchen Kontext sollte sich Tadao Ando aber auch beziehen? Die umliegenden Gebäude sind genauso autonome Strukturen wie Andos Bau. Ein Ansatz für ein Ensemble ist hier nicht zu erkennen. Tadao Ando baut hier, als wäre die Stadt eine leere Leinwand – typisch für seine Herangehensweise, die stark von der Idee der introvertierten Architektur geprägt ist.

Die weisenburger-Zentrale steht in klarer Kontinuität zu Tadao Andos Stil. Seit den 1970er-Jahren verfolgt der Architekt eine stringente architektonische Sprache, geprägt von Sichtbeton, geometrischer Klarheit und dem Dialog zwischen Licht, Raum und Stille. Das Spiel mit natürlichen Lichtquellen, die geschlossenen Fassaden, die sorgfältige Proportionierung des Volumens – all dies trägt seine unverwechselbare Handschrift. Dennoch markiert das Projekt in Karlsruhe auch eine kleine Verschiebung: Während viele seiner früheren Werke museal oder sakral aufgeladen sind, bewegt er sich hier im Kontext eines privatwirtschaftlichen Unternehmens, was für einen Ando doch eher selten ist. Dass sich seine Sprache auch in einem solchen funktionalen Rahmen behauptet, spricht für ihre universelle Gültigkeit. Ein Ando bleibt ein Ando, selbst in Karlsruhe.

Was auf den ersten Blick wie ein architektonisches Geschenk an die Stadt wirkt, könnte sich bei näherem Hinsehen als provokantes Statement entpuppen. Das ist weniger architektonisch als kulturpolitisch: Warum wurde für diesen prestigeträchtigen Bau in Baden ausgerechnet ein internationaler Stararchitekt verpflichtet, anstatt einem lokalen Büro den Zuschlag zu geben?

Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten, und sie ist nicht frei von Risiken. Schnell steht der Verdacht im Raum, es handle sich um nationalistische Rückzugsforderungen, gar um eine subtile Form von Deutschtümelei. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Diskussion ist legitim, denn sie berührt ein zentrales Spannungsfeld unserer Zeit: das Verhältnis von lokalem Selbstverständnis zu globaler kultureller Vernetzung.

Die Berufung Andos, zweifellos ein Meister seines Fachs, ist ein Trend, der sich in Teilen durch die Bauwelt zieht und einen klaren Vorwurf mit sich bringt: Die internationale „Stararchitektur“ verdrängt zunehmend die lokale Handschrift. Auch hier wurde selbst der Kauf des Grundstücks für den weisenburger-Bau einzig und allein durch die Anwesenheit des Stararchitekten Tadao Ando um ein Vielfaches vereinfacht. Man fragt sich, auch in Hinblick auf die verwaltende Instanz, woher dieser Drang nach Aushängeschildern wie diesem kommt. „Stararchitektur“ statt Baukultur, Branding statt Kontext.

Dass ein bedeutender Neubau in einer deutschen Stadt – Sitz eines großen mittelständischen Bauunternehmens noch dazu – einem ausländischen Entwurfsarchitekten übertragen wird, könnte ein deutliches Signal senden. Und das lautet: Die deutsche Architektur ist offenbar nicht gut genug. Zumindest nicht für einen Bau wie diesen.

Dabei ist Tadao Andos Architektur alles andere als eine Provokation an sich. Seine Architektur verzichtet auf Übertreibung, Ornamente und Farben. Doch scheint auch gerade diese Reduktion im Bau wie eine stille Provokation in sich. Der Ando-Bau wirkt durch die kontrastvolle Reduktion zu seinem Kontext wie ein Tempel der Ruhe und Gelassenheit im Vergleich zur doch etwas hektischeren und lauteren Karlsruher Ludwig-Erhard-Allee und den monumental auffälligen Einzelbauten in seiner Umgebung.

Gleichzeitig kann man Andos Entwurf zum Gebäude selbst kaum Mängel vorwerfen. Der Bau ist durchdacht, subtil, technisch und atmosphärisch spannend gelöst und wirkt in sich wie ein Gesamtkunstwerk. Es macht Spaß, das Gebäude zu betrachten. Die Details der Glasfassade bis hin zu den Schalungsdetails des Betons sind ein intelligentes Zusammenspiel aus Entwurf und Ausführung auf höchstem Niveau. Auch ist es bewundernswert, dass in einer – im internationalen Kontext doch kleineren – Großstadt wie Karlsruhe ein Bau des Architekten Tadao Ando steht. Der Bau ist eine Inspiration für die internationale Architektur und ihre Vielfalt.

Dass ein mittelständisches Unternehmen wie die weisenburger bau GmbH sich einen Architekten wie Tadao Ando leisten kann, ist ungewöhnlich. Man kann dies als mutigen Schritt in Richtung „globale Welt“ interpretieren oder fast schon als elitären Luxus. Denn die Realität für viele deutsche Architekturbüros sieht anders aus. Und während internationale Stars millionenschwere Verträge erhalten, für welche – wie in diesem Fall – der Firmenchef extra nach Osaka fliegt, kämpfen lokale Büros um Aufträge in der Provinz. Diese schwierige Situation ist nicht nur wirtschaftlich und nachhaltig problematisch, sie verzerrt auch das Vertrauensgefühl in eine gerechte, integrative Baukultur. Es geht hier nicht um „deutsch = besser“, sondern um gerechte Teilhabe und kulturelle Vielfalt. Und es wirft die Frage auf, welchen Stellenwert lokale Architektur eigentlich noch hat.

Natürlich hat jeder Bauherr das Recht, sich aus privaten Gründen oder Wünschen jeden beliebigen Architekten seines Vertrauens – ob groß oder klein, lokal oder international, bekannt oder unbekannt – mit ins Boot zu holen. Es stellt sich hier die Frage, ob ein großer lokaler Architekturkonzern angemessener wäre als ein internationales Büro unabhängig vom Bekanntheitsgrad. Außerdem bringen internationale Büros oft eine gewisse Sichtbarkeit und einen Grad an Förderzugang für globale Vernetzungen in der Architektur mit sich.

Doch gerade bei Projekten mit baulich wie symbolischer, öffentlicher Wirkung ist es legitim, kritisch nach der kulturellen Botschaft zu fragen, die mit solchen Entscheidungen transportiert wird. Denn Architektur ist nicht neutral. Sie ist immer auch ein Statement, gleich ob bewusst oder nicht.

Es kann ganz klar angemerkt werden, dass der Ando-Bau ein architektonisches Meisterwerk ist. Weniger war auch nicht von Tadao Ando zu erwarten. Der Bau zeigt, was möglich ist, wenn Entwurf und Ausführung auf höchstem Niveau zusammenarbeiten.

Jedoch entstehen gesellschaftlich, wirtschaftlich sowie politisch einige Fragen. Die große Sorge ist die Entfremdung von lokaler Baukultur zugunsten internationaler Markenarchitektur. Die deutsche Architektur muss hier klar über ihre Rolle und Identität nachdenken – und über die Frage, wie wir Raum schaffen für beides: internationale Inspiration und lokale Identifikation.

 

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Im Seminar „Städtebauliche Typologien - Werkstatt Architektur-Journalismus: Wir schreiben über Architektur“ beschäftigen sich Studentinnen und Studenten an der Professur Stadtquartiersplanung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) mit Architekturjournalismus. Dozent ist der Redakteur und Bauhistoriker Ulrich Coenen.

Die siebzehn Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer (alle im Masterstudiengang) 2025 recherchierten unter Anleitung und verfassten Beiträge über Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege. Dabei wurden verschiedene journalistische Darstellungsformen geübt.

Ausführliche Informationen zum Dozenten und zum Seminar (unter Lehre) auf der Homepage https://ulrichcoenen.de

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