La-la-la-la-la-lass mich nicht los
Le-le-le-le-le-le-leg dich zu mir (Yeah)
Ha-ha-ha-ha-ha-ha-halt mich fest (Halt mich fest)
Maschin (Lass mich nicht los)
Maschin, Bilderbuch, 2013
Die Fahrgesellschaft, so Virilio, ist eine Jagdgesellschaft, die sich entwickelt, als im Zuge der Militarisierung im 19. Jahrhundert der Projektil-Mensch entsteht. Es ist „(...) die heimliche Organisation einer (gesellschaftlichen und politischen) Jagd, bei der die Geschwindigkeit der Profit der Gewalt ist, eine Gesellschaft, in der die Klassen von Reichtum nur Klassen von Geschwindigkeit maskieren.“[1]
Was Virilio damit meint, wird verständlicher, wenn man sich das futuristische Manifest von 1909 vornimmt, das keinen einfachen Lobgesang auf das Automobil verfasst, sondern sexuell aufgeladene Kriegerfantasien. „Wir gingen zu den drei schnaufenden Bestien, um ihnen liebevoll ihre heißen Brüste zu streicheln. Ich streckte mich in meinem Wagen wie ein Leichnam in der Bahre aus, aber sogleich erwachte ich zu neuem Leben unter dem Steuerrad, das wie eine Guillotine meinen Magen bedrohte.“[2]
Kein Wunder, dass die Kriegsverherrlicher um Filippo Tommaso Marinetti ein Naheverhältnis zum Faschismus Mussolinis pflegten, der seinem Verbündeten Hitler half, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Der Blitzkrieg baut auf Armeen aus Motorfahrzeugen, welche die Überwältigung ferner Länder gleichsam in sich tragen. In gezähmter und kleinbürgerlicher Version fordert heute ein ähnliches Denken „Freie Fahrt“. Dass Parteien wie AfD und FPÖ am vehementesten die Interessen der Autofahrer vertreten, mag dabei kaum verwundern. So verlautbarte kürzlich der FPÖ-Landeshauptmannstellvertreter und Verkehrslandesrat von Niederösterreich, Udo Landbauer, angesichts der Erhöhung von Strafen für Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung: „Schluss mit der ständigen Abzocke von Auto- und Motorradfahrern!“ und weiter: „Schluss mit diesen Grauslichkeiten wird erst unter einem freiheitlichen Volkskanzler sein, der wirklich auf die rot-weiß-roten Bedürfnisse und Sorgen hört“.[3] Schon sieht man den früheren Bundespräsidentschaftskandidaten und Bundesparteivorsitzenden der FPÖ vor sich, wie er mittags auf der Landstraße Schlangenlinien fährt und schließlich mit 2,5 Promille aus dem Auto taumelt.
Die Jagd mit dem Automobil ist auch heute noch in vollem Gange, wobei sich die gewöhnliche von der außergewöhnlichen unterscheiden lässt. Da ist die alltägliche Treibjagd, zu der mit den Hupen der Autos geblasen wird. Denn der sich als aufgerichteter Fußgänger von den Tieren unterscheidende Mensch ist in den Städten zum Freiwild geworden. Auf Bürgersteige gezwängt gestattet ihm die Verkehrspolitik lediglich schmale Querungen über die mehrspurigen Straßen. Nur dort darf er die mit fünfzig Kilometern pro Stunde dahinjagenden Ströme von Automobilen kreuzen – wenn sie denn anhalten.
Die ständige Furcht überfahren zu werden und das Hasten angsterfüllter Menschen auf den Überwegen sind deutliche Zeichen dafür, wer sich die Stadt unterworfen hat. In Wien reicht die durchschnittliche Grünphase von zehn Sekunden für Fußgänger gerade einmal für einen Sprint, wohingegen die Freischaltung für Autofahrer bis zu zweieinhalb Minuten dauert. Denn die Motorisierten sollen auf einer „grünen Welle“ reiten, um möglichst ohne anzuhalten durch die Stadt zu rauschen. Sinnigerweise wurden in Wien den Fußgängerampeln jetzt gelbe Blinkzeichen („Räumzeitanzeige“) hinzugefügt, die dazu auffordern, den Straßenbereich zu räumen. Das Automobil und die durch es sinnlich und körperlich eingeschränkten Wesen, die es pilotieren, sind die eigentlichen Herrscher des öffentlichen Raums.
Darüber hinaus werden seit einigen Jahren Autos vermehrt explizit als Waffe eingesetzt. Das scheint sich aber aus der Natur der Sache abzuleiten: Die mittlerweile alle mindestens eine Tonne schweren Fahrzeuge sind tödliche Projektile von immenser Zerstörungskraft. Tatsache ist, dass, ob aus psychischen, politischen oder religiösen Motiven, sogenannte „Amok-Fahrten“ stark zugenommen haben. So raste im Juni 2015 ein 26-Jähriger mit seinem Auto durch die Innenstadt von Graz und überfuhr vorsätzlich Fußgänger und Radfahrer. Dabei wurden drei Menschen getötet und 36 weitere schwer verletzt. ""Use a truck like a lawnmower"! Go into the "most densely populated places"! To "maximize the carnage", gather "as much speed as possible while maintaining control of the vehicle"!",[4] heißt es in Propagandaschriften des Islamischen Staats, die sich in ihrem Duktus auch einhundert Jahre später kaum unterscheiden von den gewaltverherrlichenden Fantasien Marinettis, vom „Aufbrüllen hungriger Autos“, die alles „unter unseren heißgelaufenen Reifen wie Hemdkragen unter dem Bügeleisen zerquetschen.“ [5]
Die Herrschaft des Autos über den Menschen hört aber bei der Jagd nicht auf. Denn es geht nicht nur um ein aufgrund steigender Komfort- und Sicherheitsansprüche wachsendes Fahrzeug. Das Auto ist, wie es der Name schon sagt, immer auch (und manchmal vor allem) Ausdruck eines Ich. Dieses Ich will, es hat neben Bedürfnissen auch Begehrnisse und an denen labt sich der Kapitalismus. Denn anders als Bedürfnisse können Begehrnisse nicht befriedigt, sondern nur gesteigert werden. Mehr PS, größere Karosserie, mehr Zubehör und alle Jahre überhaupt ein neues Auto. Dabei werden alle Register gezogen, denn das eigene Gefährt muss die anderen nicht nur auf allen sinnlichen Ebenen beeindrucken, sondern ihnen am besten auch in die Knochen fahren. Das heißt, es geht um das Sehen, das Hören, das Riechen, das Fühlen und das Drängeln, Andrücken.
Dabei korrespondiert die Schizophrenie der Körpererweiterung um die Stärke mehrerer hundert Pferde, wo ein Pferd an sich schon ein Vielfaches der Kraft eines Menschen hat, mit der Einzwängung in das, was bezeichnenderweise „Fahrgastzelle“ genannt wird. Autofahrer sind Dauersitzer. Denn lediglich minimale Bewegungen der Beine, Füße, Arme, Hände und des Kopfes sind notwendig, um ein Auto zu fahren. Auch der seltene Blick in den Seitenspiegel kann deshalb gegen die Verkrampfung der Muskulatur bei längeren Fahrten nichts ausrichten. Autofahrern werden deshalb von ihren Vereinigungen regelmäßige Gymnastikpausen auf Raststätten ans Herz gelegt. Kein Wunder, dass diese verspannten Wesen zur Aggressivität neigen. Ein Autofahrer ist kein Mensch, sondern ein Autofahrer (frei nach Bruno Latour).
[1]Paul Virilio, Fahren, Fahren, Fahren, Merve Verlag Berlin, Berlin 1978, S. 86
[5] Filippo Tommaso Marinetti, Manifest des Futurismus, 1909.