07/07/2026

Mit dem Autodafé ist das Urteil eines Inquisitionsgerichts gemeint, das üblicherweise zur Verbrennung von Ketzern führt

07/07/2026

Le Forna (Ponza): Die jährliche Prozession zu Ehren des Schutzheiligen der Insel, im Kreuzfeuer der Automobile.
© Gerhard Flora, 2026

„Wir brauchen mithin nichts anderes zu tun, als unsere Häuser und Paläste mit den Autos zu vergleichen. Und da stimmt es eben nicht mehr, da stimmt überhaupt nichts mehr“, schrieb Le Corbusier im dritten Teil seiner Artikelserie „Augen, die nicht sehen..“[1], die 1921 erstmals erschien. Das Automobil befinde sich im Unterschied zur Architektur auf der Bahn des Fortschritts. Dank Standardisierung und marktwirtschaftlicher Konkurrenz habe die Automobilindustrie einen vorbildlichen Drang zu neuen Formen und zu einem zeitgemäßen Stil entwickelt, dem die Architektur nichts Vergleichbares entgegenzusetzen habe. Wie rasch sich dieses Verhältnis in den folgenden Jahren ändern sollte, dokumentierte er selbst. Regelmäßig setzte er vor seine Gebäude auf Fotografien die neuesten Automobile. Tatsächlich gemahnen deren geparkte Karosserien vor dem Haus in der Weißenhofsiedlung oder der Villa Stein in Garches eher an Kutschen und wirken in der Gegenüberstellung antiquiert. Auch Ernst Bloch hielt die Häuser der architektonischen Moderne für merkwürdig haltlos. „Heute sehen die Häuser vielerorts wie reisefertig drein. Obwohl sie schmucklos sind oder eben deshalb, drückt sich in ihnen Abschied aus. Im Innern sind sie hell und kahl wie Krankenzimmer, im Äußeren wirken sie wie Schachteln auf bewegbaren Stangen (...).“[2]

Was als Forderung nach einer rationalistischen Architektur begann, steigerte Le Corbusier unter dem Beifall und der Gefolgschaft zahlreicher Zeitgenossen innerhalb kurzer Zeit zu einem umfassenden Großangriff auf die alte Stadt im Namen der Automobilität. Allen voran verblüfft bis heute Ludwig Hilberseimers unbeabsichtigte Weitsicht. Die von monotonen Häuserblöcken eingefasste Fahrbahnwüste seiner Hochhausstadt (1924) nimmt das Grauen späterer Satellitenstädte eindrücklich vorweg. Die Entflechtung der historischen Stadt bis hin zu ihrer Auflösung im Zuge ihrer Mobilisierung wurde zu einem der bekannten Gründungsmythen des funktionellen Städtebaus. Nicht das Automobil, das im Zuge seiner rasanten Verbreitung die Plätze und Straßen der Städte verstopfte, erschien einer Stadtplanung im „Maßstab des Menschlichen“[3] im Wege zu stehen, sondern die Stadt selbst, deren geschichtlich gewachsene Form den Anforderungen des Automobils nicht mehr genügte. Die Straße der alten Stadt war Le Corbusier ein Gräuel, ein Trampelpfad. „Es ist die Straße des tausendjährigen Fußgängers: ein Überrest von Jahrhunderten, ein wirkungsloses heruntergekommenes Organ. Die Straße verbraucht uns. Sie ekelt uns an. Warum existiert sie denn eigentlich noch?“[4]

Folgerichtig umwarb der französische Großmeister die bedeutendsten Automobil- und Reifenhersteller, Voisin, Peugot, Citroen, und Michelin, als Geldgeber und Förderer seiner architektonischen und städtebaulichen Visionen. Zwei seiner bekanntesten Entwürfe tragen nicht zufällig ihre Namen. Der Plan Voisin und die Maison Citrohan (in leichter Abwandlung des Autoherstellers Citroen).

Le Corbusier prophezeite auch dem ländlichen Raum eine große Zukunft: “Luckily the automobile, through the organization of the roads, will reestablish this broken harmony and start the repopulation of the countryside.”[5] Tatsächlich lässt sich mit Blick auf den ländlichen Raum ein Jahrhundert später bestätigen, dass die funktionalistische Lobotomie mittels Automobil erfolgreich vollzogen wurde. In Österreich wie in Deutschland kann man heute ganze Landstriche mit dem Automobil durchfahren, ohne in den vorbeiziehenden Ortschaften auf ein einziges Geschäftslokal oder Gasthaus zu stoßen. Ihre automobilisierten Bewohner erhascht man allenfalls flüchtig im Kreisverkehr, unterwegs in das nächstgelegene Fachmarkt- und Gewerbegebiet.

Dass gerade auf dem Land, wo das Automobil die verheerendsten sozialräumlichen Verwüstungen hinterlassen hat, seine aggressivsten Fürsprecher zu finden sind, dass gerade dort die selbsternannten Autofahrerparteien ihre treueste Wählerschaft besitzen, erscheint nur folgerichtig. Nachdem das Automobil das soziale und ökonomische Leben aus den Dörfern vertrieben hat, um sie zu motorisierten Einzugsgebieten übergeordneter Versorgungszentren zu vernetzen, wird es zwangsläufig zum einzig verbliebenen Mittel, ihre entleerten Reste vor der endgültigen Unbewohnbarkeit zu bewahren.

Wo Bäcker, Gemüse- und Obstwarenhändler, Schreibwarengeschäfte, und Metzger schließen müssen, weil der Stauraum des neuesten SUVs bei umgeklappter Rückbank mit knapp zwanzig Hektolitern groß genug ist, um die Besorgungen eines halben Jahres zu fassen, wird das Automobil zum Totengräber des eigenen Wohnortes und zugleich zur „fixen Idee“, zur kollektiven Wahnvorstellung. Ob zum Einkauf, zum Friseur oder in die Arbeit: Am Land wird heute motorisiert gependelt. Die Politik unterstützt die Entfernung zwischen Arbeitsplatz und Wohnort mit „Pendlerpauschale“ und „Pendlereuro“ im Umfang von 510 Millionen bis 1 Milliarde Euro pro Jahr. Im Burgenland pendeln knapp 80 % der dortigen berufstätigen Bevölkerung. In Niederösterreich mag der Anteil prozentual etwas geringer sein, umfasst aber immerhin noch eine stattliche Million Menschen. Das Verkehrsaufkommen steigt, die funktionale Vielfalt der Orte stirbt ab, das Verkehrsaufkommen steigt weiter und immer mehr Autos umrunden immer mehr Kreisverkehre, die das Land in anwachsender Durchseuchung überziehen. Allein in Niederösterreich hat sich ihre Anzahl in den letzten fünfzehn Jahren auf knapp vierhundertfünfzig Stück verdoppelt. Ihre Formen erinnern beim Überflug an archaische Kultstätten und ihre leere Mitte wird dementsprechend mit unzugänglichen „künstlerischen Interventionen“ gefüllt.

„Da stimmt überhaupt nichts mehr“ möchte man Le Corbusier erneut zitieren und dabei an die unglaubliche Erleichterung erinnern, die sich in automobilfreien Räumen einstellt – auf letzten Inseln in der Nordsee oder in Venedig abseits der touristischen Rennstrecken. Dieser Beitrag zur enormen Anziehungskraft solcher Orte scheint den wenigsten Menschen bewusst. Denn Lärm und Gestank der Automobile, deren enormer Platzverbrauch und die Aggressivität, die von ihnen und ihren Lenkern ausgeht, sind heute absolut selbstverständlich und werden als naturgegeben hingenommen. Romantischer formulierte es J.G.Ballard in seiner Automobil-Robinsonade Concrete Island (1974): „The roar of the traffic seemed to come from the sun.“[6]


 


[1]Le Corbusier, Ausblick auf eine Architektur, Birkhäuser, Basel 2001, S.112.

[2] Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Frankfurt a.M., 1973, S. 858.

[3] Le Corbusier, An die Studenten. Die 'Charte d'Athènes', Rowohlt, Hamburg 1962.

[4] Le Corbusier et Pierre Jeanneret, Ouvre Complète, Hg. W. Boesiger et O. Stonorov, Artemis, Zürich 1995, S.120.

[5] Le Corbusier, The Four Routes, Dobson, London 1947.

[6] J. G. Ballard, Concrete Island, Random House, New York 1974, S.164.

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