21/04/2026

Peter Laukhardt zum Bauerbe im Grazer Stadtraum – monatlich, am 3. Dienstag.

21/04/2026

Bild 1: Osthänge des Schloßbergs 1829 (FK, StLA) 

Bild 2: Osthänge am Modell von Sigl 1809 (StMG)

Bild 3: Lauterergraben (Wickenburg-Plan 1838-1843, StLA) und Bürgereid 1797 (StAG)

Bild 4: Osthänge 1848 (Sigls Modell, StMG)

Bild 5: Sporgasse 29, Hof (aus „Graz“ 1928)

Bild 6: Stolleneingang „S“ mit Splitterschutz

Bild 7: Mittelalterliche Stadtmauer mit Turm

Bild 8: Pistorgarten 2011

Bild 9: Gedenkstein von 1769 beim Cerrinischlössl 

Bild 10: Familien-Bildnis beim „Steinernen Hund“

Bild 11: Schießluken der Uhrturm-Kasematte

Bild 12: Tor zum Pistorgarten

„Berggeschluchte ob dem Lauterischen Hausgarten“

In der letzten Folge haben wir gesehen, wie die 1820 von Karl von Cerrini ersteigerte Bürgerbastei letztlich in schwieriger Zeit doch samt dem Schlössl von der Stadt Graz gekauft und zu einem Lieblingsplatz der Grazer gestaltet werden konnte. Heute behandeln wir den benachbarten Grundstreifen, den „Pistorgarten“.

Das 1820 an Franz Lauterer verkaufte Grundstück mit der Urbar-Nr. 2 hatte ein Ausmaß von 601 Quadratklafter und zinste jährlich 1 Gulden 15 Kreuzer an die Stände. Warum der Kaufpreis mit einem 10 %igen Zuschlag auf den Schätzwert von 60 fl. 6 kr. belegt wurde, ist nicht erklärt. Heute erstreckt sich hier der leider völlig zugewachsene sogenannte „Pistorgarten“; der städtische Baumkataster weist ihn unter der Nr. 18753 freundlich als „waldähnlicher Bestand“ aus.

Das steile Grundstück verläuft hinter den Häusern Sporgasse 29a und 29 b zum Schloßberg hinan, und stößt am höchsten Punkt an die Außenwand der „Uhrturmkasematte“, die sich hier durch zwei spektakuläre Kanonen-Schießluken des 16. Jhs öffnet (Bild 2 und Bild 11). Ursprünglich diente das Gelände nämlich als Graben vor der mittelalterlichen Stadtmauer, die sich vom 1846 abgerissenen Inneren Paulustor zum Uhrturm hinaufzog; darüber wurde schon in Schau doch! 58 berichtet.

Der von Mahrburg gebürtige Franz Lauterer hatte 1797 für eine Taxe von 14 Gulden 45 Kreuzer als Haus Inhaber den Bürgereid geschworen (Faksimile in Bild 3), und dann jedenfalls den ihm gehörigen Häusern Sporgasse 27 und 29 sowie Stiegengasse 3 auch den untersten Teil des ehemaligen Stadtgrabens hinzugefügt, der später nach ihm „Lauterergraben“ genannt wurde. Der Garten selbst ist älter, denn schon 1638 wurde dem Hofschlosser Hans Pery erlaubt, vor dem Inneren Paulustor neben dem „Torwärtel“ eine Schmiede zu erbauen und ein Gärtchen im Stadtgraben anzulegen.

Der Vorbesitzer von Lauterer, Johann von Moßmüller, wird 1785 mit einem Garten genannt, der an den verdeckten Weg gränzt, also an den von Erzherzog Karl II. 1586 angelegten „geheimen Gang“, der am Wehrgang der Stadtmauer von der Stadtburg über das Inneren Paulustor zur Bürgerbastei führte.

Das schon auf Sigls Schloßbergmodell von 1809 (Bild 2) erkennbare kleine Lusthäus­chen wird wohl von Lauterer erbaut worden sein. Es wird jedenfalls berichtet, dass bei der Sprengung der Bürgerbastei durch die Franzosen 1809 „die schöne zwey Schuh dick gemauerte Saltrene“ (= sala terrena) durchschlagen wurde. Lauterer konnte von Glück reden, dass die angekündigte Sprengung der „Uhrturmkasematte“ dann doch nicht erfolgte. Es gab übrigens damals auch einen „Pistorgarten“ in der Grabenstraße, von dem aus eine französische Geschützstellung auf den Schloßberg feuerte; als Moriz von Pistor von den Franzosen zur Vorspannleistung aufgefordert wurde, schrieb er am 28. November 1809 an den Magistrat: „Nachdem ich meine Pferde mit Gewalt abgeben mußte, so ist eine natürliche Folge, daß ich nicht Vorspann leisten kann“.

Vermutlich legte Lauterer bald nach dem Erwerb der „Berggeschluchte“ 1820 jenen Aufstiegsweg an, der von seinem Garten in Richtung Uhrturm führte. Das Gartenhaus ist auf der Riedkarte zum Franziszeischen Kataster von 1829 (Bild 1) mit der Nr. 473 bezeichnet; dem Franz Lauterer gehörten damals auch die stattlichen Wohnhäuser Nr. 472 und 474 (heute Sporgasse 27 und 29). Im Schematismus für Steyermark von 1827 werden diese Häuser übrigens zur „Schuch’schen Gült“ gezählt, waren also dem Joseph Schuch untertan, der als bürgerlicher Handelsmann 1812 das ehemalige Jesuitengut in der Leonhardstraße dem Staat abgekauft hatte.

Ob sich der Aufstieg wirklich so den Berg hinauf „geschlungen“ hat, wie uns das auch noch der sogenannte Wickenburg-Plan von 1838 zeigt (Bild 3, wohl eine Kopie der Riedkarte von 1829), ist fraglich. Der 1997 anlässlich der Restaurierung des Cerrinischlössl wieder hergerichtete Serpentinenweg verläuft nämlich in Spitzkehren und hat auch Abschnitte mit Stufen. Es ist anzunehmen, dass auch Karl von Cerrini, dem 1829 ja noch das Schlössl (Bauparzelle Nr. 504) und die Bürgerbastei gehörten, diesen Steig als kürzesten Weg in die Stadt benutzt hat.

Alte Häuser- und Adressbücher zeigen uns die weiteren Besitzer des Grundstücks. Besonders interessant dabei ist der von 1847–62 andauernde Besitz durch Anton Paltauf (oder Paldauf). Der „bürgerliche Schlossermeister in der oberen Sporgasse“ hatte, wie wir schon gehört haben, 1838 das Cerrini-Schlössl an sich gebracht. Bild 4 zeigt dem Zustand dieses Schloßbergteils im Jahre 1848, wie ihn Anton Sigl in seinem kleineren Modell darstellte; hier sind weder Steig noch Gartenhäuschen erkennbar.

Von 1890 bis 1926 ist Leopold Graf Goës Besitzer von Haus und Garten, ab 1927 Johann Zeno Graf Goës (in Bild 5 der Blick auf Cerrinischlössl und Uhrturm 1928). Der Verwalter der Saurauschen Besitzungen, Rittmeister a. D. Kamillo Pistor, hat dann den Kauf des Grundstückes von Johann Zeno erbeten; so erzählte es mir dessen Sohn Carl Anton Graf Goess-Saurau anlässlich einer Besichtigung seines Gartens. Ab 1934 scheint daher Kamillo Pistor als Besitzer des Hauses Sporgasse 29 auf. Bei einem kommissionellen Augenschein am 9. Dezember 1943 wurde der Plan für die Luftschutzstollen im Schloßberg zwischen Sackstraße und Sporgasse behandelt; für den hinter Sporgasse 29 geplanten Eingang „S“ (Bild 6) war der Pg. Kamillo Pistor (damals wohnhaft Salzamtsgasse 5) anwesend.

Pistor ist 1954 verstorben, und mit der Einantwortungsurkunde vom 13. April 1957 gelangte die Stadt Graz in den Alleinbesitz der Liegenschaft EZ 503 der KG Innere Stadt, zu deren Gutsbestand das Grundstück 559 (Erholungsfläche) im Ausmaß von 3.096 m2 gehört. Als am Bergfuß an Stelle der schon lange aufgelassenen Möbel-Tischlerei von Günther Pichler der Neubau Sporgasse 29 b errichtet wurde, gab es einen geringfügigen Grundstückstausch zwischen der Stadt und der Miteigentümergemeinschaft; wichtige Details dieses Dokuments verdanke ich einer freundlichen Blitz-Auskunft der städtischen Abteilungen für Grünraum und Immobilien.

Im Tauschvertrag vom 10. November 2009 (ziemlich genau 200 Jahre nach der Sprengung der Ostecke der Bürgerbastei!) wurde u. a. festgehalten, dass durch einen 2002 erlassenen Bescheid des Bundesdenkmalamtes die Erhaltung der Gartenanlage, diverser Baulichkeiten und künstlicher Bodeninformationen für den Schloßberg, somit auch für das Grundstück 559 im öffentlichen Interesse liege. Auch die Definition als „geschützter Landschaftsteil“ wurde bestätigt. Weiters wurde festgehalten, dass seit dem Ankauf der Bürgerbastei aus dem Besitz der Familie Saurau im Jahre 1930 für die Stadt Graz das Servitut des Gehweges und über das Grundstück 557/3 existiert.

Diese Dienstbarkeit eines Gehwegs „von der Sporgasse zum Cerrinischlössl und weiter bis zur Bürgerbastei“ wurde im genannten Vertrag von 2009 gelöscht. „Um jedoch wiederum der Allgemeinheit, im Hinblick auf das öffentliche Interesse der Stadt Graz, eine durchgehende, fußläufige Verbindung von der Sporgasse zum Uhrturm zu schaffen“, räumte die Miteigentümergemeinschaft der Stadt unentgeltlich die Dienstbarkeit des Gehens über das Grundstück 557/3 ein; der Verlauf dieses Gehweges entlang der Hofwände wurde in einem Plan festgehalten.

Obwohl der Pistorgarten also seit 1957 im Besitz der Stadt ist, und trotz des im Tauschvertrag formulierten Wunsches, kann ich heute leider zum Aufstieg auf den Schloßberg nur virtuell einladen; erste Kenntnisse über diesen wohl fast unbekannten Schloßbergteil verdanke ich übrigens einer lieben Arbeitskollegin, die im Cerrinischlössl (ihr Vater war pensionierter Stadtgärtner) wohnte.

Man kann zwar durch das Tor von Sporgasse 29 noch das Lokal im „Schlössl-Hof“ passieren, aber schon die Betonstiege dahinter ist abgesperrt. Am kleinen Plateau darüber wäre schon der 1944 gebaute, mit einer Splitterschutzmauer gesicherte Eingang „S“ der Luftschutzstollen sichtbar (Bild 6), der heute als Entlüftungsschacht für den „Dom im Berg“ dient. Hinter dem Neubau von Sporgasse 29 b wäre sogar noch die mittelalterliche Stadtmauer gut zu erkennen (vgl. Schau doch! 58).

Nach den ersten Kehren könnte man die Basis des mittelalterlichen Mauerturms im Sauraugarten erahnen (Bild 7). Da der Steig noch verwachsener ist als bei einer Führung 2011 (Bild 8), wäre der weitere Aufstieg äußerst schwierig. An der Plattform beim Eingang zum Cerrinischlössl wäre sonst der hier eingebaute Gedenkstein „M. R. G. V. Sauerau 1769“ zu bestaunen (Bild 9, Maria Raimund Graf von Saurau war damals Besitzer des Palais in der Sporgasse 25). An der Mauer unter dem „Steinernen Hund“ könnte man ein Relief sehen, das vermutlich Mitglieder der Familie Pistor zeigt (Bild 10). Nach wenigen Schritten stünde man dann am Fuß der mächtigen Festungsmauer des 16. Jhs. und würde ober den beiden Kanonen-Schießluken den Uhrturm erblicken (Bild 11).

Das kleine Tor durch die nachgebaute Stadtmauer (Bild 12) mit dem steirischen Panther, den beidseitigen Wappen (links ein Allianz-Wappen) und der kaum noch erkennbaren Aufschrift „Pistor Garten“ am Portalbogen würde den Zugang auf die Bürgerbastei ermöglichen. Über einen kurzen Glas-Steg weiter oben könnte man zu dem durch die südliche Schießluke gebrochenen Notausgang, und dann in das Innere der erst 1996 ausgegrabenen Uhrturmkasematte gelangen. Dass diese derzeit von einem Kino besetzt wird, das dieses Baudenkmal empfindlich stört und seine wesentlichen historischen Aussagen verbirgt, ist für eine Weltkulturerbestadt beschämend. Auch angesichts des Zustands der einzigen am Schloßberg noch einigermaßen gut erhaltenen, nördlichen Schießscharte, die zu einer Abstellkammer degradiert wurde, fragt man sich: wo bleibt hier der Denkmalschutz?

Es ist schade, dass der Aufstieg auf den Schloßberg, der so eindrucksvoll wichtige Elemente des Welterbes Graz zeigt, nicht begehbar ist. Meine jahrzehntelangen Bemühungen, bei denen ich auch wichtige Stadtpolitiker den Serpentinenweg im „Pistorgarten“ hochschleppte, blieben leider erfolglos. Berücksichtigt man aber den desaströsen Zustand der ehemaligen Gartenanlage, die zerbröckelnden Stadtmauern und die devastierte Uhrturmkasematte, so ist das vielleicht besser so. Naturschützer freuen sich sicher über das unberührte Rückzugsgebiet für Flora und Fauna. Denkmal oder Natur – wofür würden sich meine Leser entscheiden?

Peter Laukhardt

Fortsetzung folgt.

Wolfgang Steinegger

Auch dieses Beispiel beweist die Ignoranz von Politik und Verwaltung an urbanen Chancen . Die Stadt Graz ist nicht in der Lage, ihr historisches Erbe für eine Entwicklung des urbanen Kontextes zu nutzen. Egal ob Schlossberg, früh- industrialisierte Vororte wie Rösselmühle und Reininghaus oder spät- modernistische Bebauungskatastrophen an der Peripherie. Wenn ich nicht die aktuellen Entwicklungen in anderen Städten Europas verfolgen könnte - an Graz müsste ich verzweifeln.... Politik und Hoheitsverwaltung ist es "gelungen", die Frische der 60-er Jahre in wenigen Jahrzehnten in reaktionäre Trägheit verkommen zu lassen. Graz ist "Provinz" geworden.

Do. 23/04/2026 10:28 Permalink
Babs

Für das Denkmal! Gar keine Frage. Traurig und mehr als eine Schande, dass das alles so verkommen gelassen und die Geschichte dieser Stadt mit Füssen getreten wird. Ungeheuerlich!

Mi. 22/04/2026 13:16 Permalink
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